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Aus: Ausgabe vom 21.09.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

Die Blume an Dieters Sitzschale

Fußball kennt alles, auch den Tod. Ein neues Fanzine im Retrolook enttabuisiert das Thema Trauer
Von Oliver Rast
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Es sind die kleinen Erinnerungen: Blume und Trauerkerze auf dem Stammplatz eines verstorbenen Fans

Es sind Rituale des Gedenkens: Schweigeminute in der Arena, stehendes Publikum vor den Sitzschalen, schwarze Oberarmbinde bei Kickern, manchmal eine Choreographie im Fanblock mit überdimensionalem Trauerflor. An Verstorbene zu erinnern ist Teil des Fußballs. Nicht nur das: Darüber lässt sich schreiben, ein Fanzine machen.

»Trauer und Fußball« erschien jüngst erstmals, als Nullnummer. 64 Seiten, inklusive hellblauem Umschlag aus dünner Pappe. Ein Do-it-yourself-Fanzine ohne popkulturelle Schnörkel, im klassischen Schnippellayout der 80er Jahre, so wie früher halt. Nein, ein Marketingtrick sei das auf keinen Fall, sagte Carmen Mayer im jW-Gespräch, eine der Macherin, während sie ihr langes, rotes Halstuch zurechtrückt und die typische Latte-Macchiato-Trikolore verrührt: »Wir sind alle voll retro«, so die 46jährige.

Mayer ist von Beruf Trauerbegleiterin, im Stadion Anhängerin von Turbine Potsdam, Mitglied im Fanklub. Und eben seit ein paar Monaten samt Mitstreiterinnen und Mitstreitern Blattmacherin. Individuelle Trauererfahrungen können zu Initiativen werden, weiß Mayer. 2006 und 2008 verlor sie zwei ihrer Kinder. Fußball war für Mayer eine Art Ventil: »90 Minuten Gemeinschaft auf und neben dem Platz, anderthalb Stunden abschalten, Gefühlen freien Lauf lassen.« Das erlebte nicht nur Mayer so, deshalb die Projektgründung »Trauer und Fußball« im September 2018, zwei Jahre vor dem namensgleichen Fanzine. Nur: Warum Fußball als Ort von Tod und Trauer? »Der Umgang damit ist dort vor allem in Fankreisen vielseitig, kreativ; das möchte ich sichtbar machen, erforschen.«

Sie blickt dabei auch auf die Insel, sagt: »Die Erinnerungskultur ist in Großbritannien weiter als hierzulande.« Ein Beispiel: Die typischen Memorial Garden der Klubs sind kleine Plätze, die sich meist auf dem Stadiongelände befinden. Asche Verstorbener kann dort verstreut, und Fanutensilien können abgelegt werden, gewissermaßen eine Vereinsbindung über den Tod hinaus. Aber auch in Deutschland wird das Thema von einigen Vereinen aufgegriffen, Schalke-Fans können sich in Stadionnähe bestatten lassen, rund 1.900 Gräber befinden sich auf dem mit dem Klublogo geschmückten Areal. Oder: Beim 1. FC Union werden Nachrufe auf verstorbene Fans in der Alten Försterei verlesen, erzählt Mayer.

Wenn sie im Redefluss ist, und das ist sie bei ihrem Projektthema sofort, braucht es mehr als zehn Minuten und ein koffeinhaltiges Getränk. Da stört dann auch nicht mehr die sonst nervende »durchgentrifizierte Umgebung« vom Prenzlauer Berg. Anekdote reiht sich an Anekdote. Mayer lässt ihre Gesprächspartner teilhaben an ihrem Wissen. Presseausschnitte, Zeitschriftenbeiträge, Fachaufsätze, Fotostrecken, seit 2006 trägt sie alles zusammen, was sie zu »Trauer und Fußball« aufspürt. Ein Fundus, mit dem sich arbeiten lässt. Vor zwei Jahren hatte sie den letzten Absatz einer wissenschaftlichen Arbeit getippt – Unterzeile: »Ein Querpass durch die Trauerkultur im Fußball.« Sie ist auf ihrem Gebiet »Expertin«.

Dem Projekt fehlte bislang ein Printprodukt: »Ich bin Liebhaberin von Fanzines«, sagt Mayer. Es lag für sie ganz nahe, ein Blättchen herauszugeben, irgendwann einmal. Die Coronakrise, der Stillstand im öffentlichen und beruflichen Leben, gaben im April den letzten Anstoß, erzählt sie, während sie per Daumenkino die 64 Seiten von »Trauer und Fußball« durchblättert. Zeit, die sonst fehlt, war plötzlich da. Unzählige Stunden bastelten Carmen und ihre Kolleginnen Inga und Tanja an den Innenseiten, wählten Texte aus, bebilderten diese, überlegten eine Dramaturgie.

Längst steht dabei der zweite Latte auf dem Tisch, dazu ein Stückchen Gebäck: »Gar nicht so einfach, ein Fanzine herzustellen, fiel uns mittendrin auf«, schildert Mayer. Vor allem nicht, wenn man Produktionsmethoden der frühen 80er Jahre nachahmt. Allein der Prittstift: Trägt man zu dick auf, bleiben bisweilen kleine Körnchen unter dem aufgeklebten Textstück, trägt man hingegen zu wenig auf, kräuseln sich die Enden. Es gibt aber weit mehr Tücken, erklärt Mayer und erinnert sich dabei an die Momente vertauschter Textbausteine, fehlender Übergänge von einem zum anderen Abschnitt. Was tun in einem solchen Fall? Zweierlei hat Mayer nun gelernt: die auf ein DIN-4-Blatt geklebten, aber noch nicht ganz getrockneten Textschnipsel behutsam abzuziehen und an die richtige Stelle zu kleben, soweit logisch. Der Trick: Die fertig geklebten Textseiten in eine Klarsichtfolie stecken, Bücher drauf und einige Minuten plätten – aber Vorsicht: Nicht zu lange, sonst verkleben sich die Blätter mit der Folie oder werden wellig, das sehe dann wie ein kleiner Ziehharmonikatext aus.

Seit zwei Wochen liegen 500 Exemplare von »Trauer und Fußball« direkt aus dem Schnelldruckverfahren eines Prenzelberger Kiez-Copyshops für den Vertrieb bereit, der läuft. Indes nicht von alleine, Bestellungen entgegennehmen, versandfertig machen, zur Post bringen – alles kleine Extraaufgaben für Mayer.

Aufwand, der sich gelohnt hat. Zum Inhalt will Mayer nicht gleich alles verraten. Eine Episode erzählt sie dann doch: über Alex, den rüstigen, älteren Turbine-Fan, der im Korb seines Rollators eine Blume für seinen verstorbenen Freund Dieter dabeihat. Eine Blume für Dieters Sitzschale im Karl-Liebknecht-Stadion. Mayer geht es genau um diese kleinen Erinnerungen an Verstorbene, die mitunter Jahrzehnte ihren festen Platz in der Arena hatten. Das ist aber nicht alles: Initiativen, die sich für Trauer-, Gedenk- und Abschiedsformen im Fußballstadion engagieren, sind den Zine-Macherinnen gleichfalls wichtig – das Fanprojekt von Waldhof Mannheim etwa. Oder »St. Depri«, eine Ini von St.-Pauli-Anhängern, genaugenommen ein Unterstützungsnetz für depressive Menschen.

Cut. Mehr als drei Stunden Pressegespräch hat Mayer absolviert, mit viel Verve ihr Projekt und Fanzine vorgestellt. Nur bei einem Punkt ist sie zögerlich: Wenn alle Exemplare verschickt sind, was dann? Mayer hält kurz inne, rückt wiederholt ihr Halstuch zurecht, sagt dann: »Es gibt keine Überlegungen für eine Fortsetzung, sondern im Moment bleibt es bei der Nullnummer.« Richtig glauben mag man es ihr nicht, das Thema Trauer und Fußball hält einfach zu viele Geschichten bereit – für ein regelmäßig erscheinendes Fanzine allemal.

trauerundfussball.de

Bestellungen per Mail an cmayer@trauerundfussball.de oder telefonisch unter: 030 / 44 67 66 08 (Unkostenbeitrag: drei Euro plus Versandgebühren)

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