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Aus: Ausgabe vom 24.09.2020, Seite 11 / Feuilleton
Studium

»Mehr Chancengleichheit fürs digitale Studieren!«

Literaturinstitut Leipzig: Wie Studierende einander helfen, durch die Coronakrise zu kommen. Ein Gespräch mit Ruth Maria Thomas
Von Katharina Bendixen
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Studieren in Zeiten von Corona bringt viele in finanzielle Not

Sie studieren seit 2019 literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Was macht das Studium für Sie dort aus?

Das Literaturinstitut ist eine von fünf Schreibschulen im deutschsprachigen Raum. Man bewirbt sich mit literarischen Texten, und wenn man aufgenommen wird, kann man einen Bachelor of Arts »literarisches Schreiben« erwerben. In den Seminaren wird erzähltheoretisches Wissen vermittelt, vor allem aber werden eigene Texte besprochen. Im Institut besteht ein enger Austausch zwischen Dozierenden und Studierenden, das empfand ich auch während des letzten »Coronasemesters« als sehr wichtig. Wir wurden immer wieder nach Feedback gefragt. Gefragt, wie es uns geht, was wir brauchen, um gut studieren zu können. Das Institut hat versucht, einen geschützten Raum herzustellen, in dem wir unsere Ängste und Sorgen äußern können. Dadurch habe ich mich trotz der Umstände gut aufgefangen gefühlt.

Mit welchen Problemen haben die Studierenden am Deutschen Literaturinstitut Leipzig derzeit zu kämpfen?

Für viele von uns ist die Vereinzelung ein großes Problem. Es fehlt der physische Kontakt mit anderen, die schreiben. Sich via Computer über Texte auszutauschen, vorher immer das Mikrofon im Zoom anzuschalten, die Zoomfenster der anderen, also ihre Gestik und Mimik vielleicht nur verpixelt zu sehen – unter diesen Umständen sind Diskussionen viel schwieriger zu führen. Das betrifft auch die Vermittlung der Inhalte, über das Medium Computer geht viel verloren. Zudem ist bei manchen das Internet instabil, nicht alle haben die gleichen technischen Voraussetzungen – es herrscht leider keine Chancengleichheit. Die Uni Leipzig setzt voraus, dass alle einen funktionierenden Laptop mit Kamera und eine Internetverbindung haben. Das ist aber nicht der Fall. Es haben nicht einmal alle Studierenden einen eigenen Arbeitsplatz mit Ruhe zum Zoomen für die Seminare.

Um zumindest einen Teil der finanziellen Probleme zu lösen, haben Sie einen Coronasupport eingerichtet. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Unser Jahrgang ist untereinander gut vernetzt. Als klar war, dass vorerst keine Präsenzseminare mehr stattfinden, haben wir uns über Zoom darüber ausgetauscht, wie es uns geht. Dabei kam raus, dass einigen durch Corona finanziell der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Studierendenjobs wurden gekündigt, und manche hatten plötzlich nicht mal mehr die Mittel, um die Miete zu überweisen. Es ist nicht selbstverständlich, dass alle Studierenden eine Familie haben, die das finanziell auffangen kann, und deshalb kam uns die Idee, dass wir uns untereinander unterstützen könnten.

Wie funktioniert das praktisch?

Ursprünglich haben wir nach einem Vorgehen gesucht, das total anonym ist, aber so was haben wir nicht gefunden. Wir wollten es aber so schnell und unkompliziert wie möglich gestalten, deshalb haben wir über Paypal einen »Moneypool« erstellt, in den wir anonym spenden konnten. Wer Geld brauchte, konnte sich bei mir melden, ich war die Transferperson und habe alle Anfragen absolut vertraulich behandelt. Das lief auch ohne Erklärungen ab, ohne Rechtfertigungen, ohne irgendwelchen bürokratischen Aufwand. Mittlerweile haben wir den Moneypool für auch für die anderen Jahrgänge am Literaturinstitut geöffnet. Das sind aber leider trotzdem nur kurzfristige Hilfen, eine langfristige Lösung ist das nicht.

Gibt es noch andere Hilfsangebote für Studierende? Welche Unterstützung fehlt Ihrer Ansicht nach?

Um an staatliche Gelder zu kommen, müssen sich Studierende leider demütigenden Prozessen aussetzen. Da bräuchte es mehr Druck von universitärer Seite, um die Kämpfe der Studierenden zu unterstützen. Auch BAFöG-Richtlinien müssen jetzt verändert werden. Außerdem ist es wichtig, gerade in solchen Zeiten den Leistungsdruck geringzuhalten. Und es braucht viel mehr Chancengleichheit fürs digitale Studieren! In Bremen hat der Senat beispielsweise beschlossen, dass alle Schülerinnen und Schüler ein Tablet bekommen. Und auch Studierende ohne gute Internetverbindung müssen sicheren Zugang zu den digitalen Lehrangeboten erhalten. Gerade jetzt bräuchten wir mehr psychologische Hilfsangebote von der Uni Leipzig, ohne große Wartezeiten.

Ruth-Maria Thomas, in Cottbus aufgewachsen, hat als Sozialarbeiterin gearbeitet und studiert seit 2019 literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Die Fragen hat sie in Absprache mit ihren Mitstudierenden beantwortet

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