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Aus: Ausgabe vom 19.09.2020, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Swinging Europe

Von Christian Geissler
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»Das Bersten das Brennen das Heulen der Hunger der Hass« (Mann mit Gaspistole während des Pogroms in Rostock-Lichtenhagen, Nacht zum 26.8.1992)

Am 29. September erscheint im Verbrecher-Verlag das Christian-Geissler-Lesebuch »Ein Boot in der Wüste«, herausgegeben von Sabine Peters und Detlef Grumbach. Ihm ist der folgende Auszug aus »Wildwechsel mit Gleisanschluss« entnommen, er erscheint mit freundlicher Genehmigung des Verlages. (jW)

***

»Wildwechsel mit Gleisanschluss« (1996) zeichnet ein vielstimmiges, dissonantes und düsteres Bild eines nach rechts abgleitenden Deutschlands. Der im Untertitel »Kinderlied« genannte Text montiert in lyrischer Prosa Figurenrede, Momentaufnahmen, Visionen und Assoziationen: Sie kreisen um alte Nazis, um die Menschenjagd auf Andersdenkende und Flüchtlinge und um die Kraft der Solidarität im Mikrokosmos eines Dorfes nahe der niederländischen Grenze. Die einen machen mobil gegen Fremde. Im »Sparkassenschatten« sitzt »Opa Wlodawa«, der gerne an die Zeit zurückdenkt, in der er in Polen Jagd auf Partisanen gemacht und die Juden auf die Transporte ins Vernichtungslager geschickt hat. Carola, Viet und andere unterstützen die Flüchtlinge. Honken, Enkel von Opa Wlodawa, sucht Orientierung. (sp/dg)

*

Jesus lebt.

Swinging Europe.

Befehl ist Befehl.

Nur wo es um die Zerstörung geht, entbrennt der Mensch gern.

So werden wir bestraft und bleiben rein.

Wir empfinden ein Drängen.

Alle Anfangsmaßnahmen hart und entschlossen durchführen.

Frühes Blut vermeidet viel Blut.

Wenn wir jetzt Opfer bringen, werden wir im Angriff sein.

Um Viet einen Kreis ziehen.

Unser Dorf soll schöner werden.

Das Dorf der Jäger.

Die deutsche Stärke ist der Schuss.

Wir wollen uns Blut Schweiß und Tränen geben, damit wir eine

Wiedergeburt erleben.

*

Nachts im Boot.

Wir konnten damals davon ausgehen, dass Honken uns übersieht.

Es war ohne Schatten das wüste Licht leicht, ohne Mond der Nebel nach schweren Gewittern, dampfendes Weideland mittsommernachts. Honken läuft am Fuße des Deichs seinen schmalen Gang, den Pfad, wir sagen den Paad. Unter sich, zu seiner Linken, hat er das taube Wasser des Tiefs, draußen sagt man Kanal. Um seine nach vorn hin gekrümmten Schultern, Honken hat die kurze, gedrängte Gestalt eines kräftigen Jungen, der sich wehrt, der sich wehren möchte, der sich endlich zu wehren haben wird, düstert Gestrüpp, Brennessel Distel Schilfgras. Üppig lockt ihn der bleiche Mund im Holunder, die Fülle. Da blickt er nicht durch. Weiß springt der Fisch.

Honken wollte nie schwimmen. Er sieht den Fisch tot im Städtchen im Mädchen die Leiche im Teiche geküsst die Waffen der Rentner im Sparkassenschatten. Die Ratten, sagen die Alten. Sie reden leise von polnischen Banden, schnalzen in Schanden. Sie bluten an Schwanz und Ohren, sagt manchmal Honken. Sie bluten lassen. Weiß Blut ohne Mond. Es schreit eine Kuh. Honken horcht. Ein Flügel fällt über sein Haar, streicht hin, steigt fort. Dem sieht er nach. Auch so hätte Honken uns übersehen müssen. Es ist eine Nachbarin. Es sind die Kunst, der Fluch, die Heimlichkeit einer alten Frau, die liebt, die fliegt, lange tot, Katrin Katrinchen, geschunden von Acker zu Acker, dünn abgehungert zäh zappelig Arbeitermädchenleben, der Polderbauer sagt moie Wicht, gib her, was du hast, das machts. Nun nachts nun lachts.

Da kommt aus Südwesten Wind auf, de hollandse Wind die englische Krankheit die polnische Wirtschaft die spanische Fliege. Da nahm ich mir Viet zum Küssen. Viet ist mein Mann. Da trieb ins Offene unser Boot vor dem Wind, da brach Honken trockenes Holz vom Holunder und warf nach uns und lachte und rief einen Dreck von der Liebe. Ohne zu lachen, das reden wir noch, rief Viet zurück, den lass ich nicht los. So mochte ich Viet. So mochte mich Viet. Wir sind gut dran. Es werden Jagden gegen uns vorbereitet. Wir jagen ihnen die Kinder ab. Wir werden arm sein. Ich bin bewaffnet.

*

Gegen das Pack pass ich auf, da lass ich, knapp vor den schlappen Hosen, die Reifen wirbeln, die überbreite, die neue Kraft, TÜV geschenkt, da schießen die Schlacken wie Eisenteile, da hat sich auf mancher Greisenbank schon mancher die Augen abgeweint, auf meine Freunde lass ich nichts kommen, Ahlers lebt, das sagt Viet oft, wer ist Ahlers, der kommt hier bestimmt mal vorbei, was sonst noch, vorbei kommt hier viel im Versteck bei den beiden, mit schwarzer Katze ans Blech vom Koffer geklebt und Baskenflinte und Korsenstirnband und Antiatom und DDR und Nazis raus, DDR ist vorbei, was ist ein Nazi. Manchmal fragt Viet wie ein Lehrer. Das hat, sag ich ihm, was mit Reinheitlichkeit zu tun. Da lacht er. Das glaub ich. Denn guck dir mal an, wie der wohnt. Die arme Erbschaft, das Bruchstück mit Eule und Schwamm und schlechten Geschichten, Banditen und Henker. Da lacht Viet niemals, da hat er ausgeforscht alles und keine Angst. Sieht aus wie ein fauler Mann, ist aber gefährlich. Wenn du so einschleichst durch Trümmer und flatternde Abdeckfolie und Frösche, Zementsack und Farn und zugewachsenen Mähbinder mit Einschusslöchern von ganz zuletzt noch im Krieg, alles Kanadaranger und Polenspringer, da ist doch damals genauso die Oma von Torsten Poppinga abgelöchert im Schlot versackt, im Entengraben verröchelt, so abgestürzt und hingewrackt sieht hier erst mal alles mehr arm aus, und dann aber, bei den beiden im Sessel, von der Konservenfabrik der Sperrmüll, mit Bildern von Belfast und Portugal, und Pfanne voll Reis mit Fleisch und Gemüse, und Viet, weil er viel zu schnell frisst und viel zuwenig, erzählt schon von peoples in Guatemala, nämlich Kinder und das Killen von Kindern und Kämpfe gegen die Killer, Urwald und Freunde, sagt Viet, wir sind Freunde, sagt Viet, dann sieht hier plötzlich alles mehr reich aus, mit Carola schreibt Dichtung und Viet jagt Nazis, macht ja nichts, aber zum Beispiel Kartoffeln, alles voll Knoblauch mit Muschelmehl, das ist chinesisch, das sind die reichlich gefährlichen Gase, so Geruch im Betrieb sind Kündigungsgründe, war neulich erst wieder die Werbung für Spray, ganz schön frech, alles Düfte mit Lüste, sitzt mir das Fett im Jackett, von Viet, und abends zu Haus bei mir vor der Glotze nennt mich mein Großvater Itzig, sehr witzig, kriegt er aufs Maul, das dumme Schwein. Von wegen Wlodawa. Das geht in Ordnung. Jetzt komm mal mit, jetzt zeig ich dir was, bei Viet im Garten, das war mal der Park von reichen Bauern, Wasser ums Haus mit Brücke mit Rosen, rundlich geschnitten und jetzt alles Rott, verlassen vergessen vertan, aber die alten Bäume, gewaltig Kastanie mit Blutbirne und Holunder, da pickt der Specht, da saust die Maus in überall kopfhoch das Kraut voll Mücken, und beinah schon alles das Dach in Trümmern, lauter Siff in den Zimmern, Matratze mit Schnaps und Hakenkreuze, die Pornorede in Kalk gekratzt, hatte zuletzt hier die Bande von Werner, der spitze Schuh mit dem dünnen Kopf, wir sagen der schlanke Schlachter, dann ist der verhaftet worden wegen dem toten Neger in Neuland, und dann war die Bande verschwunden, Kopf ab und Luft raus, so soll es sein, aber inzwischen, was wollte ich sagen, das hat was Verrücktes, oder wir gehen zugrunde, sagt Viet, oder wir gehen dazwischen, sagt Grau, für Ordnung, sag ich, wie damals mein Opa mit Polen, jetzt kann er da auch wieder drüben hin, oder sie kommen hier rübergetapert, da labert er immer und wimmert er nachts die Erbarmung, sagt Oma, Wlodawa, die Wälder, das ist normal, normal ist verrückt, so geht der Kampf mit den Menschen, wenn ich ein Tier bin, wäre ich einfach, ich warte das ab, mit demnächst hier überall Neger ist echt geschenkt, alles die Wallacheiapachen mit sudangeschlechtskrank bis in die Bratwurst, und weise Witwen von hinten Karelien, die Gassen, hör mal im Fernsehn und immer dasselbe dasselbe, egal was du drehst, das sind die Programme, die Madegassen, die Massen, mit nur noch Hunger und Glas durch die Nase und Messer im Schuh, nur zu nur zu. Keine Ahnung, wohin mich das führt, ich bin ein Weißer, ich bin gegen Führung, oder die Führung muss klappen, zack, anders läuft bei mir überhaupt nichts. Das ist ein Befehl. Was hat das mit Jesus zu tun, wächst mir Gras aus der Hose?

Mein Name ist Honken.

*

Das Haus ist groß genug. Wir erwarten die Ankunft von Kargow aus Rostock und von Susette aus Karl-Chemnitz-Stadt. In Hamburg wird Mellenthin sich ihnen anschließen. Es werden verkaufte Kinder bei ihnen sein aus den verbrannten Häusern, aus den gesprengten Netzen im Grenzgebiet. Es sind neue Gesetze europaweit. Die sportliche Herausforderung, sagt der Innenminister. Die vitale Wagniskultur. Wir werden beobachtet werden. Die Eltern der Kinder sind tot. Die Kommandos sind schnell. Selten wird einer bestraft. Und wenn. Auch der schlanke Schlachter ist wieder im Dorf. Es ist in der öffentlichen Erwägung nicht nur, längst in der gewöhnlichen Praxis, die ordentliche Zulassung weißer Selbstschutzeinheiten in schwarzem Tuch. Da ist ein natürliches Lächeln zwischen Ordnung und Mord, wir waren schließlich alle mal jung. Das Haus ist groß genug. Honken hilft, wo er kann. Obgleich. Er trägt die leisen Stiefel, er möchte Waffen tragen, er mag die jungen Männer und Frauen, die wehenden Jacken, auch die Masken, auch die Feuerzeuge, Handgranaten en miniature, auch die kleine nackte Gestalt am combat-knife, the fang, wenn man ihren Nabel drückt, brennen ihre Brustspitzen rot. Es gibt für das alles Kataloge. Honken wünscht sich Männer. Honken wünscht sich die Verschwörung von Männern, verlassen verlässlich. Den lass ich nicht los, sagt Viet. Viet ist ein Mann. Viet ist mein Mann. Unser Haus ist groß genug, sagt Viet. Groß genug gegen Gesetze. Kargow, Susette, und nun Mellenthin und die Kinder. So war es von uns gemeint. Treffpunkt. Ausgangspunkt für ein Netz von Refugien. Zuflucht, aber wohin denn zurück? Ich will den Schutz, der sich voranbewegt gegen die Jäger. Das arme Leben bleibt frei. Das uns noch bleibt, sagt Viet. Und was nach dem noch? Das Loch, sagt Viet. Wir streiten. Wir sind Frau und Mann. Wir sind der Mann und die Frau in Kämpfen ums Leben.

*

Keiner der armen Wandernden, die sich uns anvertraut haben werden, wird das Glück überleben, Frauen, Männer, Kinder ohne Eltern, russische Kinder ohne Eltern, schon ihre Großeltern eingekreist deutsch sind verhungert und erfroren, zerbombt worden und verbrannt, kurdische Großfamilien, Jugendbanden aus Bangladesch, der Pfiff und die Trommel aus Bogotá, bewaffnete Frauenzüge aus Brazzaville, aus vielen Monaten Jagd und Gejagtwerden Jakuten, Jemeniten, Molukken, hautkrank vom Müll, unfruchtbar aus den Experimenten, widerstandslos aus der Chemie, zerfressen verstrahlt, aus Kriegen blöde, kommen sie auf uns zu, und ledern wirr, mitten unter ihnen, der rote Stern, das gelbe Haar, krank krumm und alt oder hasserfüllt jung die Verworfenen aus dem Dickicht der Reichen hier nah, geschwächt von Hunger und Fremde, aus liebsten Träumen toll.

Einige von ihnen könnten den vermummten, einige von uns werden gewiss den kaum noch vermummten Mördern und Mörderinnen einen Hinterhalt legen. Drei junge Frauen werden es wagen und ein Mann. Werden es gewagt haben. Kein Oger soll überleben. So werden wir neue Waffen haben.

Was haben wir aber?

Es rasen die Bilder, stürzen ab.

Wir arbeiten in einem Netz an einem Netz ohne Netz.

*

Denn das, meine Damen und Herren, mal ganz nebenbei, das Leben im Knopf, im Rande der Ränder das Nagen der kleineren Kinder der Negerin, sie näht Jacken in Lagos, sticht, fädelt und stickt in bunten Bildern den Sprung einer weißen Schlange für uns hier Lisa und Paul die feineren ­peoples mit Biosandale und gerne Gesundheit, woher aber kommen an all diesen Jacken all diese wolligen Knöpfe? Aus Müll gewühlt schneiden die Kinder aus Abfallplastik die Knöpfcheneinlagen, nicht schneiden nicht Schere wird nicht geholfen nämlich gebissen siehst du die Scheibchenkanten genagt an Steinen gerieben, keines ist richtig rund, arm arm, sieh an, sieht alles mehr arm aus, aber dann ist das fein rundgewickelt, mit bräunlicher Wolle fix glattgefummelt, fürs glatte Verkaufen nach oben hier weiß gegen Negerzähne zu sehen alles lieber verdeckt, alles der Hunger von massenhaft Kindern zugewickelt in Knöpfen, ich hatte mir einen Knopf aufgeschnitten, ich hatte mir meinen Kopf aufgeschnitten, so kam das, so seh ich, sonst geht es nicht. Es ist die Neugier der Schnitt die Entdeckung ist Hunger bin ich die Widerlichkeit des Verrückten.

Was wollte ich sagen.

Das Leben im Knopf.

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Wir sind, sagten mir Mellenthin und Susette, nicht hergekommen, damit du dich reinlegst in deine polnischen Schrecken, auch ist es irrelevant, ob dieser Dorftrottel, der einst, vor über nun fünfzig Jahren, die Wälder nahe Wlodawa gesichert, den Gleisbau beaufsichtigt, an der Rampe die Peitsche geführt hat, hier heute vor ein Gericht kommt oder den Rest seiner dummen Tage im Sparkassenschatten verhockt. Hier sind jetzt die Kinder. Sie werden gesucht. Sie werden gejagt. Sie sind die Spur. Sie sind die Schönheit. Jetzt sind das unsere Kinder. Sie brauchen von dir die Zuversicht, die ihnen sagt, dass es geht, dass es auch dann noch geht, wenn sie entdecken, sie sind in die Mördergrube gefahren, entdecken, dass nicht der Hunger ihr Feind ist, sondern ein transnationales Geschäftsinteresse, das ihnen den Hunger beibringt. Da wird es nicht länger die Armut sein, die sie peinigt, denn mit ihnen verschworen werden wir alle arm sein, sondern das Wissen vom Oger, der schlachtet.

Ich fand, dass Mellenthin recht hat, ich fand ihn so stolz, so winzig zäh leberkrank froh gegen alle Gewalten, so ledern gespannt in unsere gute Zukunft. Er war im Sprechen, unsere fast leeren Zimmer zum alten Garten hin sind groß, um mich herumgegangen, in weiten Kreisen, ein Kind auf der Schulter. Das wollte längst runter. Ich nahm es ihm ab. Das Kind zog mich sachte hinüber ans siebte Fenster. Dort saß eine kleine graue Katze auf einem zerrissenen Sofa. Wir legten uns zu der Katze. Das Kind küsste die Katze. Die Katze küsste das Kind. In ihr Schnurren sang ich den alten Vers, o du lieber Mellenthin, alles.

*

In manchen Märchen helfen Tiere den Menschen voran, auf Wolken durch einen Tunnel über den See, es ist aufgepasst worden, es wird geplaudert. Wir haben fast keine Sprache.

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Wir warnen Susette vor den schwarzen Kommandos in Supermärkten, im Brückenbereich, an den Grenzküstenstreifen. Die heimischen Horden sind nicht mehr heimlich, nicht mehr verboten, sie sind berechtigt, hilf dir selbst dann hilft dir Gott, steht auf ihren schwarzen Blusen, sie jagen frei.

*

Weiße Arme aus Osten helfen den Jägern beim Jagen der Armen aus Süden. Die mit den anerkannten Papieren melden sich zu den Wachmannschaften der Abfanglager. Über vieljährige schwerste Arbeitsprozesse längst eingegliederte Ausländer dokumentieren in Abendsendungen zur besten Einschaltzeit ihre Zugehörigkeit ins weiße Leistungsmodell der Zentren, dumm die heimische Brutalität herzlich vital zwischen Sindelfingen und Finkenwerder, und aber schauerlich reichstreu die Deutschtümler mit ihrem Artennachweis, die Saubermänner vom Altai, die Sauberfrauen von Wolga und Pruth, stolz verschrunden in die Magie der Haken, treten sie gegen Russen und Russinnen blank verächtlich, gewalttätig gegen die Ärmsten aus Polen, der Rotz der blutigen Nennungen läuft ihnen frei, Litzmannstadt Kulmhof und Gotenhafen, Warthegau und jawoll Herr Schaffner Russland kaputt, haha.

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Sie drehen, sagt Viet, den Strick bis er ihnen zerknallt als ihr Schrei. Eingefangen gegen den Menschen sind auch die Jäger verloren. Die den Transport bewachen, sind auf Transport. Und nun brennen und bersten die Wälder und Gänseställe und Zeitungshochhäuser und Fußballplätze und Fräsautomaten und Dreschmaschinen und Atomreaktoren und Lokomotiven. Und birst die Puppe im Bett der Enkelin. Und brennt der Rote Stern auf den Gräbern der Partisanen. Das Bersten das Brennen das Heulen der Hunger der Hass. Millionen, noch immer nicht tot, noch immer nicht kleingesprengt einzelhaft Schrott, wandern durch Feuerfluten nach einer der weißen Inseln des Friedens, aus eben welchen die Ursachen sind für all diese Raserei, und der Skin wird jagen den nackten Kurden, der Kurde wird jagen den Neger, der Neger die Negerin. Die wird nichts halten. Da werfen die weißen Zentralen Krankheiten in ihr Haar, auf ihre Haut, in die Leber der Kinder, und rasch wird gehaucht werden die Verätzung hernach der leichernen Flächen, die Löschung gesprüht aus den Mehrkopfdesinfektionsraketen aus Mannheim posthuman zivilitär wälderweit steppenweit städteweit Dorf um Dorf dampfend das Mehl aus den Augen der Macht der Verrückten. Ja vorwärts ja vorwärts! Zustimmung aus den Seniorenstiften und Supermärkten und Flugzeugwerften und Gärtnereien Schankwirtschaften und Urologien und Panzerkasernen und Pastoraten und Quizredaktionen und Küchen und Küchen und Küchen, das lassen wir uns nicht nehmen. Es ist ein Drängen, um die Leere zu zerstören. Es ist ein Drängen um die Leere. Es ist die Leere.

*

Es ist das Grauen der Selbstlosigkeit. Bevor sie auslöschen, sind sie gelöscht. Das tut mir leid. Wäre doch Freude, und sei es die Freude der Rache. Es sind die dumme Lust der Lutscher und Lutscherinnen, die dreizehn Schläge aufs Maul, die dreiunddreißig Parolen.

Müll uns nicht an, alter Mann.

Ach, Müll.

Die Anlage ist von weitem an ihren hohen Schornsteinen zu erkennen, deren Abgaswolken ganz unverfänglich an Arbeit gemahnen, Müllkipper fahren im Schrittempo an einen Gleisanschluss und fahren ­vorwärts und rückwärts und vorwärts und rückwärts und gehen über zu einer Art Ballett. Sieh mal den Fleiß. Diese Wunderdinge bedrücken mich nicht, es ist die Wahrheit, bis in die Asche, bis in das Nichts, es ist der vollständige und endgültige Sieg der ordentlichen Leute, die Nivellierung alles dessen, was anders, überraschend, schöpferisch ist. Es ist kein Tanz, mein lieber Tournier, es ist das Leben nach dem Tod, sie hatten das Mittel gefunden, so dass nun am Ende sie lebten und liebten das Leben nicht mehr, und aber lebten weiter, schon ganz verbrannt. Kargow, mein Liebster, hat es geahnt.

*

Ein Baum ist ein Ast ist ein Strick ist ein Stoß, so einfach ist die Sache nicht mehr. Es ist gelernt worden auszustellen, es auszuschwingen als einen Sprung. Swinging Eur­ope ist nicht Swooping Europe. Wohl wegschnappen packen verschlingen schwups. Ach, wer da mitstoßen könnte. Aber die Message, auf die es jetzt ankommt, rollt anders. Zwar bleibt eine wichtige Nachricht in dem, dass der Mensch seinen Killer nicht stoppen kann, aber anders tief frisst der Brand der Bilder, aus denen aufscheint, dass ers nicht will. Diese Botschaft ist ihnen die liebste. Ihre Herstellung ist von ihnen geübt. Sie üben an uns die Botschaft von unserer Selbstvernichtung, das Signal der Verzweiflung. Sie sagen Judas.

*

ein schrei ist zurückgekommen.

ein schrei, der zurückkommt, ist eine arbeit geworden.

die einem mörder den tod bringt.

die schlinge den stein den stock.

stock und stein. hopphopp.

ist die liebe.

ist das die liebe?

wir haben uns dieses schlachthaus nicht ausgesucht.

***

das ist ein stiller schlachter nun.

das muss ein schlechter schlachter sein.

das ist eine schlechte stille.

nicht schlecht. recht still.

war das moor.

*

Da huschten sie ab selbdritt, Honken, das Kind und Viet, im Schatten meiner Flügel, der Grenze zu, überkletterten unterm Jagdweg die Schattenhölzer von Nieuwe Statenzijl, sprangen die Linie, die hockt grauser Josef, kämmt seinen Schopf, in nie keines Grenzwächters Gitter geflochten, einer von uns. Hinter der Grenze tanzte Carola. Wir wussten, wo. Ahlers hatte ein Zeichen gegeben. Also der alte Freund Ahlers nun doch, die Farbschieber einer schwarzen Lampe, flach Daimon zwo zwo drei drei, an Nina von Kargow die Weitergabe zuletzt zuletzt kriechend durch den Morast hatten wir froh zu sein, wenn sich der Ansatz zeigte zu einem Stieg. Wir kennen Wege.

Auch nachts.

Christian Geissler (1928–2008) war einer der ästhetisch und politisch radikalsten Autoren der westdeutschen Linken. Das »(k)«, das sich oft hinter seinem Namen fand, bedeutet »Kommunist«. Sein vielfältiges Schaffen umfasst Romane (u. a. »Das Brot mit der Feile«, 1973), Gedichte, Erzählungen und Hörspiele, seit 1962 arbeitete er auch verstärkt fürs Fernsehen und als Dokumentarfilmer. Er war Kuratoriumsmitglied der Kampagne für Abrüstung und Ostermarsch, prägte als Mitherausgeber die marxistische Literaturzeitschrift Kürbiskern. Die Christian-Geissler-Gesellschaft widmet sich der Pflege und Erforschung seines Werkes, das seit 2013 im Berliner Verbrecher-Verlag wiederaufgelegt wird.

christian-geissler.net

Zwei Abende zu ­Christian Geissler:

»Es geisslert!« Sa., 26. September, Kiel, Hansa 48, 20 Uhr

»Konsequent, radikal, zerrissen«. Mo., 28. September, Hannover, Pavillon, 19 Uhr

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»Besonders in der Schule lernt man wenig über die tatsächlichen historischen und aktuellen Zusammenhänge, umso wichtiger ist die junge Welt mit ihrem Beitrag zur Aufklärung.« – Saskia Bär, Studentin

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