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Aus: Ausgabe vom 19.09.2020, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Italien

Zu welchem Preis?

Italien: Straßenbau als politisches Projekt der faschistischen Lega. Fotografische Eindrücke von einem Milliardengrab aus Beton
Von Serena Gasparoni und Matteo de Mayda
Auch ihr Land wurde für die Superstrada enteignet: Margherita und Romano Montagner vor einem Stück Schallschutzmauer in der Gemeinde Volpago del Montello (Juni 2019)
Das derzeit größte öffentliche Bauprojekt Italiens wirkt an vielen Stellen kurios und hat das Leben von 3.000 Familien einschneidend verändert: Betonpfeiler ohne Brücke in San Zenone degli Ezzelini (Juni 2019) und die enteignete Bianca Torresan aus der Gemeinde Spresiano (Mai 2019)
Prestigeprojekt der faschistischen Lega: Parteichef Matteo Salvini (r.) und der Gouverneur von Venetien Luca Zaia (l.) bei der Eröffnung des ersten Teilstücks der Superstrada zwischen Breganze und Thiene im Juni 2019
»Ich bin nicht gegen die Pedemontana. Aber vielleicht hätte es einen anderen Weg gegeben, der zumindest nicht diese Mauer bedeutet hätte, die uns ohne Horizont zurücklässt«: Ein Anwohner der Gemeinde Volpago del Montello (Juni 2019)
Schneise mittendurch: Die Gemeinde Volpago del Montello mit rund 10.000 Einwohnern in der Provinz Treviso

In Italien wird an diesem Wochenende in der nordöstlichen Region Venetien gewählt. Die Lega von Matteo Salvini wird dort voraussichtlich weiterregieren können – Umfragen sagen 70 bis 80 Prozent der Wählerstimmen voraus. Das wäre ein historischer Erfolg für die faschistische Partei. Zentraler Punkt im Wahlprogramm ist die »Superstrada Pedemontana Veneta«, eine rund 94 Kilometer lange Schnellstraße, die der gegenwärtige Gouverneur Luca Zaia seit Jahren bauen lässt. Einmal fertiggestellt, wird sie 34 Kommunen zwischen Vicenza und Treviso miteinander verbinden. Es handelt sich bei der Region um das wichtigste Industriegebiet Italiens.

Aber zu welchem Preis geschieht der Bau? An verschiedenen Orten wurde er durch Mülldeponien getrieben, hat giftigen Abfall zutage befördert und gefährdet damit Gesundheit und biologische Vielfalt. Zudem wurden rund 3.000 Gehöfte enteignet, was die Bauern und deren Familien vor ernsthafte Probleme stellt.

Die Verbindungen zwischen Bauwirtschaft und der Lega waren schon immer eng, und die Pedemontana Veneta ist das größte von Zaia vorangetriebene Projekt. Eine Art roter Faden, der sich durch seine ersten beiden Amtszeiten und nun wohl auch durch seine dritte zieht. Im November 2011 gab es den ersten Spatenstich. Nach neun Jahren ist die Schnellstraße zu großen Teilen immer noch eine riesige offene Baustelle. Um genau zu sein: das größte öffentliche Bauvorhaben in Italien derzeit.

Dem letzten offiziellen Bericht von Juni zufolge soll die Superstrada im kommenden Jahr fertig werden. Dabei ist bis heute maximal ein Viertel der Arbeiten abgeschlossen. Im Juni 2019 wurde die Fertigstellung der ersten sieben Kilometer in Gegenwart der Lega-Granden Salvini und Zaia groß gefeiert. Weitere zwölf Kilometer kamen vor drei Monaten in Malo/Vicenza hinzu. 19 von 94 Kilometern, die ins Nichts führen. Jene, die Einblick in das Projekt haben, schätzen, dass es noch mindestens zwei Jahre bis zur Fertigstellung braucht. Andere gehen von einem deutlich längeren Zeitraum aus.

Und auch die Kosten sind gestiegen. Die ursprünglich anvisierten 1,9 Milliarden Euro waren schon 2018 auf drei Milliarden gestiegen. Eigentlich sollte die Autobahn die öffentliche Hand gar nichts kosten. Finanziert werden sollte das Projekt über eine Konzessionsvergabe an das private Konsortium SIS, dessen Anteil sich über zukünftige Mautgebühren amortisieren sollte. Aber bis heute hat die Region Venetien nach offiziellen Angaben bereits Geld in Höhe von rund einer Milliarde Euro investiert, während private Geldgeber angesichts inzwischen herabgestufter Schätzungen des Verkehrsaufkommens und der steten Verzögerung der Arbeiten in der Versenkung verschwunden sind. Neueste Studien zeigen ein entmutigendes Szenario: Sollten es zu Beginn des Projektes noch 55.000 Fahrzeuge am Tag sein, sprechen die jüngsten Statistiken von gerade einmal 15.000 täglich.

2017 übernahm die Region vom SIS die Einnahme der Mautgebühren, wobei auch die mit dem Verkehrsaufkommen verbundenen Geschäftsrisiken übertragen wurden; dem SIS wiederum wurde eine jährliche Gebühr garantiert, die von Venetien bezahlt wird: 153 Millionen Euro für 39 Jahre, basierend auf Verkehrsschätzungen. Am Ende wird die öffentliche Hand nach Angaben der italienischen Rechnungsprüfung insgesamt 13 Milliarden Euro zahlen müssen, mehr als 100 Millionen Euro pro Kilometer Straße.

Das fotografische Projekt »Superstrada Pedemontana Veneta SPA« ist eine Reise zu Fuß in 34 Etappen. Realisiert im industriellen Herzen des italienischen Nordostens mit einer Mischung aus Fotografie, Satellitenaufnahmen und Interviews. Eine vorsichtige Entdeckung, die eine Straße abbildet, die erschaffen wurde, um zu vereinen – und letzten Endes spaltet.

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