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Aus: Ausgabe vom 19.09.2020, Seite 10 / Feuilleton
Ausstellung

Bilder von Schriften: Die Ausstellung »Portbou 1940« in der jW-Ladengalerie

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Totenschein mit Profilbild (aus der Ausstellung)

Eine Bergkette mit Schuhspitze, ein Hund wie aus einem Tarkowski-Film, dann dieser Totenschein mit dem Profilbild Walter Benjamins. Schwarzweißfotos aus den Pyrenäen hängen in der Ausstellung »Portbou 1940. Die letzten Tage von Walter Benjamin« neben Schrifttafeln in derselben Größe, die den Anschein historischer Dokumente erwecken. Neben der Sterbeurkunde findet sich da etwa der Hinweis, dass kein zweiter Todesfall im Portbou jener Tage so »exakt protokolliert« wurde.

Man denkt beim Gang durch die Ausstellung des Fotografen Bernhard Schurian, die noch bis zum 29. September in der jW-Ladengalerie zu sehen ist, an die essentielle Bedeutung der Beschriftung in Benjamins »Kleiner Geschichte der Photographie«. Oder fühlt sich an den »Herbstgesang« aus seinen Übertragungen der »Fleurs du Mal« erinnert: »Bald werden wir in kalte Nebel fahren …«

Im Eingangsbereich werden großformatige Fotos von Folien verdeckt, auf die sind Wörter wie mit der Schreibmaschine gehämmert: »Es gab Visa für Länder, die auf keiner Karte zu finden waren, und Pässe aus Staaten, die es gar nicht mehr gab« zum Beispiel. Hinter den Buchstaben erhebt sich schemenhaft eine wahrscheinlich menschliche Gestalt über dem Horizont. Das Zitat, das sie verdeckt, stammt von der Antifaschistin Lisa Fittko, die Benjamin in jenem September über die französisch-spanische Grenze brachte.

Weil auf den Straßen die Gestapo war, führte der Weg durch das Gebirge, über einen Pass in gut 500 Meter Höhe durch Geröll und Gestrüpp, Auf- und Abstieg waren steil. Auf dieser Route sollte Fittko vielen zur Flucht verhelfen. Benjamin war in besonders schlechter Verfassung. Herz- und lungenkrank, machte er alle zehn Minuten eine Minute Pause. Das hatte er sich in der Nacht zuvor zurechtgelegt, um sich »nie völlig (zu) verausgaben«, so Fittko. Mitgeschleppt werden musste ein Manuskript in einer Aktentasche, von dem er sich nicht hatte trennen können.

In Portbou erwartete den Philosophen keine Rettung – er sollte an die Deutschen ausgeliefert werden und nahm sich im schäbigen Hotel »Fonda de Francia«, das einem Nazikollaborateur gehörte, mit Morphin das Leben. Aktentasche und Manuskript tauchten in den akribisch vollgekritzelten Polizeiakten nicht auf, nur »Papiere unbekannten Inhalts«.

Mutmaßlich handelte es sich um Benjamins Notizen »Über den Begriff der Geschichte«, aus denen sich noch in schlimmsten Momenten Kraft schöpfen lässt: »Der Klassenkampf, der einem Historiker, der an Marx geschult ist, immer vor Augen steht, ist ein Kampf um die rohen und materiellen Dinge, ohne die es keine feinen und spirituellen gibt. Trotzdem sind diese letztern im Klassenkampf anders zugegen denn als die Vorstellung einer Beute, die an den Sieger fällt. Sie sind als Zuversicht, als Mut, als Humor, als List, als Unentwegtheit in diesem Kampf lebendig, und sie wirken in die Ferne der Zeit zurück.« (xre)

»Portbou 1940. Die letzten Tage von Walter Benjamin. Eine fotografische Spurensuche von Bernhard Schurian«, Di. bis Fr., 12 bis 18 Uhr, jW-Ladengalerie, Torstr. 6, Berlin-Mitte, Finissage am 29. September, 19 Uhr. Es spricht: Arnold Schölzel

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Sigrid Krings: Kleine Ergänzung 1940 war der Süden Frankreichs noch nicht von den Deutschen besetzt, aber die Grenze zwischen Cerbère und Port Bou wurde von französischen und spanischen Grenzbeamten kontrolliert. Da die Flüchtenden ...

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