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Aus: Ausgabe vom 19.09.2020, Seite 7 / Ausland
Coronapandemie in Spanien

Immer weiter Richtung Kollaps

Spanien: In der rechtskonservativen Hochburg Madrid gerät die Coronapandemie außer Kontrolle
Von Carmela Negrete
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Protestaktion von Gesundheitspersonal am Dienstag vor dem Krankenhaus »Gregorio Maranon« in Madrid

In Spanien hat die Coronapandemie schon seit langem wieder an Fahrt aufgenommen. Am stärksten betroffen ist dabei die Region Madrid, in der seit Jahrzehnten die rechtskonservative Volkspartei (PP) regiert. Laut Zahlen vom Freitag wurden in den vergangenen 24 Stunden im ganzen Land 11.291 Neuinfektionen mit dem Virus registriert, ein Drittel davon in der Hauptstadtregion. Ein Fünftel aller in Madrid auf der Intensivstation liegenden Patienten leidet an einer durch SARS-CoV-2 ausgelösten Lungenentzündung. In ganz Spanien befinden sich rund 10.000 Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern.

Gerade in Madrids Arbeitervierteln wie Vallecas ist die Situation dramatisch. Im Krankenhaus Infanta Elena ist mehr als die Hälfte aller Betten mit Coronapatienten belegt, in der gesamten Region sich es bereits 1.200. In der Folge fehlen Platz und Kapazitäten für Patienten mit anderen Krankheiten. Wie der TV-Sender Antena 3 am Donnerstag berichtete, haben rund 400 Ärzte einen Brief unterzeichnet, in dem sie von einer »besorgniserregenden Situation« sprechen. Derweil hetzt die Regionalpräsidentin vom PP, Isabel Díaz Ayuso, gegen Migranten: So erklärte sie am Mittwoch, deren »Lebensstil« begünstige die Ausbreitung des Virus. Was Ayuso jedoch nicht erwähnte: Gerade Migranten und Arme müssen auf engerem Raum leben, statt mit dem Auto in überfüllten Zügen und U-Bahnen zur Arbeit fahren und haben generell weniger zum Leben, was auch die Möglichkeiten einschränkt, sich vor einer Infektion zu schützen.

Inzwischen wird immer deutlicher, dass die Regionalregierung mindestens eine Mitschuld an der rasanten Ausbreitung der Coronavirusinfektionen hat. Bereits im Mai, nachdem mehrere Krankenhäuser in Madrid kollabiert waren, drängte Ayuso vor Gericht entgegen der Vorgaben aus dem Gesundheitsministerium der Zentralregierung auf eine schnelle Öffnung der Wirtschaft. Da selbst die Generaldirektorin für öffentliche Gesundheit aus ihrem Kabinett diesen Schritt nicht mitgehen wollte, trat diese nur eine Woche später von ihrem Amt zurück. Schließlich waren es die schnelle Normalisierung des sogenannten öffentlichen Lebens sowie der Tourismus, die die Situation im August eskalieren ließen. Die Stellen vieler Ärzte, die sich im Urlaub befanden, wurden nicht besetzt, weshalb Infektionsketten nicht rückverfolgt werden konnten. All das kam zur über Jahre vom PP verantworteten Politik der Privatisierungen und Kürzungen im Gesundheitssektor hinzu.

Anfang der Woche warnte der Generalsekretär der Gewerkschaft CCOO in Madrid, Jaime Cedrún, in einer Mitteilung, der Gesundheitssektor versinke erneut im Chaos. Laut dem Madrider Chef der Ärztegewerkschaft Amyts, Julián Ezquerra, sind derzeit rund 70 Gesundheitszentren ganz oder teilweise geschlossen, da es ihnen an Personal fehlt. Seit Donnerstag finden daher vor den Gesundheitszentren der Hauptstadt Kundgebungen von medizinischem Personal statt. Ab dem 28. September wollen die Ärzte in der Region in einen unbefristeten Streik treten. Sie klagen über ein »nicht hinnehmbares« Arbeitspensum. Laut Amyts fehlten bereits vor dem Beginn der Pandemie rund 600 Mediziner sowie 150 Kinderärzte in der Region. Nun sei es insbesondere die zusätzliche Aufgabe der Kontaktverfolgung, die in Spanien die in den Gesundheitszentren arbeitenden Hausärzte übernehmen müssen, die die Versorgung der Patienten in Gefahr bringe.

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