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Aus: Ausgabe vom 19.09.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Weltkindertag

Kinderrechte ignoriert

Experten kritisieren den Umgang mit Schutzbefohlenen in der Coronakrise scharf. Besonders die Ärmsten litten bis heute
Von Susan Bonath
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Coronaregeln: Kontaktverbote und Quarantäne während der Pandemie können das Kindeswohl gefährden (München, 27.3.2020)

Das Motto des UNICEF-Weltkindertags hierzulande, der am Sonntag begangen wird, ist eindeutig: »Kinder erobern die Straßen«. Grund genug haben sie: Homeschooling, fehlende Betreuung, Hilfsangebote auf Sparflamme. Kinder und Jugendliche leiden unter der Coronapandemie besonders stark. Doch ihre Belange spielten für die Bundesregierung keine Rolle. Mehr noch: Man habe vollständig über ihre Köpfe hinweg entschieden, ihre Rechte auch mit Blick auf die UN-Kinderrechtskonvention verletzt und auch Mütter in tradierte Rollen zurückgedrängt. Das kritisierten mehrere Sachverständige unisono in den letzten beiden Sitzungen der Kinderkommission am 9. und 16. September im Bundestag. Es ist nicht anzunehmen, dass sich daran schnell etwas ändert. Das Gremium, seit Anfang September unter der Leitung des Bundestagsabgeordneten Norbert Müller (Die Linke), soll im kommenden Februar Empfehlungen abgeben.

Am vergangenen Mittwoch berichteten die Vorsitzende des Deutschen Bundesjugendrings, Elisabeth Maier, Anke Miebach-Stiens von der Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten in Sachsen sowie der Vorsitzende der Ferienlager organisierenden Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Kiez, Gunter Schinke, von der desaströsen Lage vieler Einrichtungen. Förderungen für Projekte seien weggebrochen, fest angestellte Betreuer seien in Kurzarbeit oder die Arbeitslosigkeit geschickt worden. Und unklare unterschiedliche Regelungen in den Bundesländern hätten eine Planung unmöglich gemacht, resümierte Maier. Die gesamte Jugendarbeit habe über Monate fast ausschließlich digital stattgefunden. Dies habe besonders ärmere Minderjährige mit vielen Problemen abgehängt. »Die Arbeit wurde über Monate fast ausschließlich auf Kinderschutz und Notbetreuung reduziert«, so Maier. Und teilweise sei es bis heute so.

Kontaktverbote

Auch Miebach-Stiens bemängelte »gravierende Einschnitte« für Kinder und Jugendliche. Am stärksten hätten sie unter den Kontaktverboten und daran gelitten, »dass man sie nicht mal gehört hat«. »Wir erleben eine große Verunsicherung, viele haben einen großen Redebedarf, und hier muss unbedingt mehr passieren«, mahnte sie. Die außerschulische Bildungsarbeit habe man vollständig außen vor gelassen. Schinke reklamierte, dass zwar alle möglichen Einrichtungen bedacht worden seien. Aber solche für Kinder »wurden total vergessen«. Die Betreiber hätten enorme finanzielle Einbußen zu beklagen und wüssten bis heute nicht, wie es weitergeht. Ungewiss seien auch die Förderungen für das kommende Jahr. »Sollen wir dann alle zumachen?« fragte er rhetorisch. Ausbaden müssten das dann vor allem arme Kinder. »Es gibt viele, die in den Ferien notgedrungen nur in Plattenbauvierteln rumgegammelt haben«, so Schinke.

Noch drastischer war die Kritik in dem parlamentarischen Gremium eine Woche zuvor ausgefallen. Die Abgeordneten hatten Claudia Kittel, Leiterin der Monitoringstelle zur UN-Kinderrechtskonvention, sowie den Magdeburger Humanwissenschaftler Michael Klundt befragt. Kittel betonte, dass Grundrechte für Kinder auch in Krisenzeiten zu wahren seien. Einschnitte müssten verhältnismäßig sein. Dies sei ständig zu überprüfen. »All das hat für die Bundesregierung überhaupt keine Rolle gespielt«, sagte sie und ergänzte: »Selbst die Familienministerin war nicht Teil des Krisenstabs, und die Jugendhilfe wurde nicht als systemrelevant eingestuft«. Niemand habe sich um benachteiligte Kinder gekümmert, zum Beispiel in Flüchtlingsunterkünften. Behinderte und nicht behinderte Kinder in Heimen habe man rigiden Kontaktverboten unterworfen. Arme Kinder seien weit zurückgefallen bei der Bildung, um obdachlose Jugendliche habe man sich nicht gekümmert. Und Deutschland sei dabei kein Einzelfall, so Kittel.

Retraditionalisierung

Klundt sprach sogar von einer »staatlichen Kindeswohlgefährdung«. »Privilegierte konnten ihren Vorsprung ausbauen, und Arme wurden massiv zurückgeworfen«, rügte er. Die Eltern habe man mit ihren Kindern in engen Wohnungen und mit der Pflicht zur Hausbeschulung allein gelassen. »Das hat auch zu einer enormen Einschränkung der Mütterrechte geführt und zu einer Retraditionalisierung der Geschlechter«, kritisierte Klundt. Denn da Frauen im Schnitt 20 Prozent weniger als Männer verdienten, sei die Lösung der Probleme weitgehend an ihnen hängengeblieben. Und er wurde noch drastischer: »Die Politik hat sich da auf wenige Virologen konzentriert, alle anderen Wissenschaftler, darunter Kinderärzte und Psychologen, ausgeschlossen.« Man habe die Kinder aus Angst vor Ansteckung »wie Gefährder und wie Objekte« behandelt.

Und dies, so Klundt, habe sich bis heute nicht geändert. Er führte die Quarantäneregeln als Beispiel an. »Da werden Kleinkinder, die sind noch nicht mal infiziert, die hatten nur Kontakt, in die Isolierung gesteckt, und dann droht das Gesundheitsamt den Eltern damit, sie ihnen wegzunehmen, wenn sie sie nicht innerhalb der Familie absondern.« Das sei »völlig unverhältnismäßig«. Klundt fügte an: »Denken wir bei so etwas eigentlich noch daran, was da passiert?«

Hintergrund: Kollateralschäden

Jugendhilfe auf Sparflamme, gesperrte Spielplätze, verunsicherte Eltern, erst monatelanges Homeschooling in der Isolation, nun Abstandsregeln und Maskenpflicht in der Schule, in Bayern sogar im Unterricht: Um die Auswirkungen auf die betroffenen Kinder hat sich die Bundesregierung nicht gekümmert. Doch inzwischen liegen mehrere nicht von der Politik initiierte Studien vor, die eines bescheinigen: Unser Nachwuchs leidet besonders stark unter den andauernden Einschränkungen.

So veröffentlichte die Krankenkasse Pronova BKK im August eine Erhebung, für die sie 150 niedergelassene Kinder- und Jugendärzte befragt hatte. 89 Prozent der Mediziner beobachten demnach eine drastische Zunahme psychischer Probleme bei Minderjährigen. Viele ihrer Patienten hätten mit Verhaltensstörungen auf die Einschnitte reagiert. Sie litten unter Antriebslosigkeit, Rückzug, verstärkter Reizbarkeit oder Angststörungen. Fast die Hälfte der Ärzte berichtete von vermehrt aggressivem Verhalten und Schlafstörungen. 40 Prozent der Ärzte erkannten sogar psychische und motorische Entwicklungsverzögerungen, die sie den Pandemiemaßnahmen zuschrieben. Daneben diagnostizierten sie verstärkt Depressionen und psychosomatische Erkrankungen, wie Bauch- und Kopfschmerzen sowie Konzentrationsprobleme.

Kurz zuvor hatte die Universitätsklinik Leipzig eine Expertise präsentiert, für die sie im Mai und Juni Kinder, Lehrer und ihre Eltern untersucht und befragt hatte. In medizinischer Hinsicht erkannten die Gutachter, dass die Kleinen zu diesem Zeitpunkt für das Infektionsgeschehen so gut wie keine Rolle spielten, allerdings besonders stark psychisch litten. Vor allem Kinder aus armen Familien beklagten einen Verlust von Fröhlichkeit, Kontakt zu Gleichaltrigen – kurzum: weniger Lebensqualität. Auch Ängste artikulierten die Kinder. Sie fürchteten etwa, dass das Leben »nie mehr wie vorher« werde, Mädchen sorgten sich zudem vermehrt um die ganze Gesellschaft. Zu ähnlichen Ergebnissen wie in Leipzig waren Forscher des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf gekommen. Ihnen zufolge fühlten sich 70 Prozent der Befragten seelisch stark belastet. Depressionen, Stress und Ängste hätten stark zugenommen. Das Risiko, daran zu erkranken, habe sich verdoppelt.

Ganz unerwartet kamen diese Ergebnisse nicht. Bereits im Mai hatte das Deutsche Jugendinstitut vor einer Vernachlässigung der Jüngsten gewarnt. Räumliche Enge, Einsamkeit und finanzielle Nöte hätten vor allem in armen Familien zu erheblichen Konflikten geführt. Unternommen hat die Bundesregierung dagegen bis heute nichts. (sb)

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Debatte

  • Beitrag von Cornelia G. aus S. (20. September 2020 um 16:46 Uhr)
    Masken im Unterricht – so schlimm?

    Neulich war ich schon einmal fast soweit, einen Leserbrief zu einem Artikel zu schreiben, der sich auf die Pandemiemaßnahmen und die nachteiligen Auswirkungen auf Kinder bezog.

    Dort wie auch hier im »Hintergrund: Kollateralschaden« wurde eine Verbindung zwischen Maskentragen und negativen Folgen wie psychosomatischen Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen hergestellt.

    »… nun Abstandsregeln und Maskenpflicht in der Schule, in Bayern sogar im Unterricht: …«

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass sinnvolle Maßnahmen zur Ansteckungsvermeidung wie Maske im Unterricht, Lüften oder gar UV-Luftfilter oder Lüftungsanlagen mit Frischluftzufuhr so nachteilig für Kinder sein sollen. Vielmehr kommen vermutlich die im unteren Teil des Artikels genannten Dinge viel eher als Ursachen der festgestellten psychischen Belastungen in Frage: räumliche Enge in den Wohnungen, Einsamkeit, finanzielle Nöte der Eltern, Zukunftssorgen. Diese Punkte und Maskentragen oder auch Händewaschen sollte man auseinanderhalten. Es schmälert sonst die Akzeptanz für die völlig berechtigte Kritik, die in diesem Artikel geäußert wird. Die Auswirkungen von Abstandsregeln sind m. E. außerdem je nach Kindesalter differenzierter zu untersuchen.

    Und es kann auch umgekehrt ein Schuh daraus werden: Stellen Sie sich einen Jugendlichen vor, der selbst zu einer Risikogruppe gehört. Derjenige sitzt nun in seiner Ansteckungsgruppe, genannt Klasse, und muss darauf hoffen, dass keiner seiner Klassenkameraden Corona hat und die Symptome nicht oder noch nicht bemerkt. Dieser Viruslast sind dann alle in dieser Ansteckungsgruppe täglich mehrere Stunden (teilweise von 8.00 bis 17.00 Uhr) ausgesetzt. Die Fenster des Klassenzimmers sind fest verbaut und können nicht geöffnet werden. UV-Raumluftfilter? Fehlanzeige. Lehrer*innen müssen durch viele Klassen wechseln und verteilen womöglich auch das Virus. Was für wunderbare Lernbedingungen! Meine jugendliche Tochter mit Risikogruppenhintergrund würde sich jedenfalls Maskenpflicht im Unterricht wünschen!

    Kinderrechte kann man auch als Recht auf bestmöglichen Schutz der Gesundheit beim Besuch von Bildungseinrichtungen verstehen. Das wird aber weitgehend von der Politik ausgeblendet. Den kleinen Unannehmlichkeiten beim Tragen von Masken stehen mögliche Erkrankungen mit Langzeit- oder Todesfolge gegenüber. Warum fällt die Entscheidung da eigentlich so schwer? Zumal das ja ein kostengünstiges und zugleich wirksames Mittel ist.

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