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Aus: Ausgabe vom 18.09.2020, Seite 15 / Feminismus
Queere Filmschaffende

»Das muss kein Widerspruch sein«

Feministische Botschaften sind auch in »Wohlfühlwerken« für queere Menschen möglich. Ein Gespräch mit Chet Pancake
Von Interview: Gitta Düperthal
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»Visionen aus dem Herzen, dem Intellekt und dem Körper zugleich«: Chet Pancake

Inwieweit stehen Sie in Opposition zur Mainstreamkultur?

Ich bin in einer ökonomisch eher marginalisierten Region, den Appalachen im Osten Nordamerikas, aufgewachsen. Weil ich mich als queere Frau zur transmaskulinen Person entwickelte und für die experimentelle Kunstszene interessierte, fand ich mich quasi naturgegeben im Widerstand zur Mehrheitsgesellschaft wieder. Ich versuchte kreative Freiheiten für mich, meine Freunde und mein kulturelles Umfeld auszuweiten, setzte mich für Antirassismus und Feminismus ein. Die Strategie dahinter ist, Visionen aus dem Herzen, dem Intellekt und dem Körper zugleich zu gewinnen. Die afroamerikanische Szene führt das auf die Idee des Doppelbewusstseins des Soziologen William Edward Burghardt Du Bois zurück, der im »Civil Rights Movement« mitgewirkt hat. Für ihn war diese Haltung Ausdruck des inneren Konflikts, den untergeordnete oder kolonisierte Gruppen in einer sie unterdrückenden Gesellschaft erleben.

Steckt in Ihrem Film eine feministische Botschaft, oder ist er ein »Wohlfühlwerk« für die queere Community?

Das muss kein Widerspruch sein. Die Botschaft des Films richtet sich an alle Frauen, die Befreiung suchen, und an Personen, deren kreative Praxis, bildende Kunst oder Musik mit der Alltagserfahrung von sozialer oder politischer Marginalisierung verbunden sind. Die Befreiung der Frauen ist von zentraler Bedeutung für alle Aspekte des Lebens in den Vereinigten Staaten, die mit der Geschichte afroamerikanischer Versklavung, anhaltendem Rassismus und aktuellen tödlichen Begegnungen mit Polizeikräften verknüpft sind. Unser Publikum strebt generationenübergreifend nach weiblicher Verzauberung. Sie lieben die Performance der Künstlerin und Filmemacherin Barbara Hammer (1939–2019, jW) und die Außenseiterperspektiven des Schauspielers Jibz Cameron, die meinen Film prägen – und Gesichter von Frauen über 60 Jahren in Großaufnahme ohne Spezialeffekte und starkes Make-up. Sie feiern deren natürlichen Alterungsprozess. Mainstreamfilme und -medien verstecken ihn verächtlich.

Was hat Queerness mit politischem Kampf zu tun?

Die Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Szene macht diese Debatte kontrovers. Hammer hatte tiefe Wurzeln in der Hippiekultur in Nordkalifornien. Sie befasste sich intensiv mit ihren Erfahrungen in den 1970er Jahren, der Entwicklung ihres feministischen, lesbischen Bewusstseins. Jibz Cameron hat eine tiefe Verbindung zum Friedensaktivisten Wavy Gravy und der Hippieszene in San Francisco. Beide kritisieren den Sexismus in der Hippiezeit, sind aber zugleich von deren experimentellen Lebensstilen beeinflusst.

Sind queere Menschen notwendigerweise links?

In diesem Identitätsspektrum in den USA gibt es auch Menschen, die sich rechts verorten, insbesondere weiße Männer und Frauen. Künstlerinnen wie Barbara Hammer tendieren eher dazu, der Vielfalt der Szene gemeinsame Werte abzutrotzen und politische Bündnisse anzustreben. Queerness kann von queeren Gelehrten wie Heather Love, José Esteban Muñoz, Tavia Nyong’o, Elizabeth Freeman eher abstrakt definiert werden – oder ein politischer Sammelruf für Linke sein, wenn Menschen durch sexuelle Orientierung oder Geschlecht an den Rand gedrängt werden.

Chet Pancake führte Regie bei dem Dokumentarfilm »Queer Genius« (USA 2019), der beim Internationalen Frauenfilmfestival (IFFF) in Köln in der Sektion »Begehrt!« gezeigt wurde. Er begleitet lesbische und queere Künstlerinnen und zeigt deren Rebellion gegen ­Autoritäten

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