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Aus: Ausgabe vom 18.09.2020, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Black Gold

Amphetamine und Schlafmittel: Vor 50 Jahren starb Jimi Hendrix
Von Frank Schäfer
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Zwölf Tage vor seinem Tod: Jimi Hendrix beim »Love-and-Peace-Festival« auf Fehmarn (6.9.1970)

Jimi Hendrix hatte das Image des edlen, aber verruchten Wilden satt. Das Nudistenwimmelbild auf dem Cover des Albums »Electric Ladyland«, das in den Plattenläden Englands nur in einer braunen Tüte verkauft wurde und somit das vom Label erhoffte Skandälchen auslöste, war ihm zuwider. Er wollte wegen seiner Kunst wahr- und endlich ernstgenommen werden. In einem weißen Business, als schwarzer Musiker. Deshalb der selbstbewusste Hinweis auf dem Cover »Produced and direct­ed by Jimi Hendrix«, deshalb das Doppelalbumformat, die vielen Overdubs, Soundexperimente und nicht zuletzt die unzähligen Jams mit verschiedenen Sparringspartnern, die seiner Band und seinem Management Nerven kosteten.

Der experimentelle Ansatz wird ihm oft als Disziplin- oder künstlerische Richtungslosigkeit ausgelegt, ist aber ästhetisches Kalkül, das heiße Bemühen, das Heavy-Trio-Format im Studio zu entgrenzen. Mit seinem Zauberlehrling Eddie Kramer am Pult bespielt er das Record Plant Studio in New York wie ein weiteres Instrument. Hier verbringt er in den Tourpausen jede freie Minute, bis endlich das eigene Electric Lady Studio in Greenwich Village, Manhattan fertig ist.

Er schreibt an einer Comicsuite mit dem Titel »Black Gold«, ein neues Doppelalbum mit dem Arbeitstitel »First Rays of The New Rising Sun« bekommt Konturen, der Jazzproduzent Alan Douglas bringt ihn mit dem Pianisten und Arrangeur Gil Evans zusammen, gemeinsam planen sie eine Kollaboration mit großem Orchester.

Nichts davon wird fertig, sein dubioser Manager Michael Jeffery schickt ihn schon wieder auf Tour durch die halbe Welt. Den Auftakt macht das Isle-of-Wight-Festival. Die Stimmung ist gereizt, die Menge aggressiv, Joni Mitchell weint auf der Bühne. Am Ende seines Gigs lässt Hendrix resigniert seine Gitarre zu Boden fallen. Love & Peace waren gestern. Und Hendrix ahnt was. »Ich bin nicht sicher, ob ich meinen 28. Geburtstag noch erleben werde. Ich meine, in dem Moment, wo ich merke, dass ich musikalisch nichts mehr zu geben habe, werde ich von diesem Planeten verschwinden«, gibt er zu Protokoll.

In Aarhus, Dänemark, versucht er seine Grippe mit Opiaten zu bekämpfen und kann sich dann kaum noch bewegen. Einmal mehr muss er einen Auftritt abbrechen. Aber nach einer kurzen Ruhepause fackelt er Kopenhagen ab, und sogar auf dem verheerenden Fehmarn-Open-Air macht er einen soliden Job. Der Lauf hält nicht lange. Sein alter Armykumpel Billy Cox am Bass bricht nach einem schlechten LSD-Trip zusammen, die Deutschland-Tour wird abgeblasen.

Zurück in England will Hendrix sein Leben neu sortieren. Der Plan, sich von seinem Schleifer Michael Jeffery zu trennen, soll endlich Wirklichkeit werden. Und wie zu einem Showdown findet sich jetzt auch noch eine ganze Reihe aktueller und ehemaliger Freudinnen ein: Kathy Etchingham, Devon Wilson, Kirsten Nefer, Monika Dannemann.

Mit Dannemann verbringt Hendrix seine letzten Tage. Sie holt ihn in der Nacht vom 17. zum 18. September von einer Party ab. Hendrix baggert mal wieder andere Frauen an und will nicht mit ihr ins Hotel zurück, es gibt Streit. Er kapituliert. Dannemann legt sich schlafen, aber Jimi, aufgepulvert von Amphetaminen, kann nicht einschlafen. Also bedient er sich bei Dannemanns starken Vesparax-Schlaftabletten. Eine hätte gereicht, Hendrix nimmt neun, weil die ihm bekannten Präparate offenbar eine deutlich schwächere Wirkung haben. Bald darauf wird er bewusstlos, übergibt sich, ist zu sediert, um das Erbrochene abhusten zu können und erstickt daran. So steht es im pathologischen Gutachten.

Hendrix ist vermutlich längst tot, als Monika Dannemann erwacht. Sie ist konfus, ruft Freunde an, irgendwann auch den Notarzt. »Der Körper lag auf dem Bett, bedeckt von Kotze in allen Farben, schwarz, braun, überall, auf ihm, auf dem Kissen«, erinnert sich Notfallsanitäter Reg Jones. »Es war kein anderer Mensch in Sicht. Ich ging zurück in den Krankenwagen, um einen Respirator zu holen und ihn wiederzubeleben, konnte es aber nicht. Die Kotze war ganz trocken, als hätte er schon eine lange Zeit so gelegen. Er hatte keinen Herzschlag. Er war blau, atmete nicht und reagierte nicht auf Licht oder Schmerz. Wir riefen die Polizei, denn wir dachten, dass die Umstände seines Todes sehr merkwürdig waren.«

Dannemann erfindet nun in den folgenden Jahren und Jahrzehnten einen Verschwörungsmythos – sei es, um die Erlebnisse zu verdrängen, sei es, um kalkuliert von ihren eigenen Schuldanteilen abzulenken –, derzufolge Jimi noch gelebt habe, als sie mit ihm ins Krankenhaus gefahren sei. »Da steckt eine ganze andere Sache dahinter, eine mächtige Gruppe. Ich denke, es ist die Mafia.«

Alle anderen Beteiligten widersprechen ihrer Geschichte. Die Wohnung habe leer gestanden und Dannemann sei weder im Krankenwagen mitgefahren noch im Krankenhaus gesehen worden. Die Mafiahypothese steht auf ziemlich wackligen Beinen. Vermutlich war es bloß ein absurder, komplett unnötiger, leicht zu verhindernder Unfall. Und der erscheint umso tragischer, als sein postum zusammengestelltes Vermächtnis »First Rays of The New Rising Sun« schmerzlich bewusst macht, wieviel er musikalisch noch zu geben hatte.

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