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Aus: Ausgabe vom 17.09.2020, Seite 15 / Medien
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Angst vor Twitter-Schelte

Frankfurter Allgemeine Zeitung schmeißt Interview mit Satiriker Jan Böhmermann aus dem Blatt
Von Gerrit Hoekman
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Das Flaggschiff der bürgerlichen Presse traute sich nicht, ein Interview mit ihm zu bringen: Jan Böhmermann

Anscheinend hat die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) am 6. September ein bereits gegebenes Interview mit dem Satiriker Jan Böhmermann kurz vor der abgesprochenen Veröffentlichung im Feuilleton gestrichen. Angeblich nach einer Intervention von ganz oben. »So etwas ist mir noch nie passiert«, twitterte Böhmermann am vergangenen Donnerstag.

»Heute (…) erreichte mich aus meinem Verlag die höchst irritierende Nachricht, dass das geplante Interview auf Ihre persönliche Anweisung wenige Stunden vor dem Druck (…) entfernt wurde und, ebenfalls von Ihnen persönlich angewiesen, unter keinen Umständen veröffentlicht werden solle«, schrieb Böhmermann vergangenen Donnerstag in einem offenen Brief an den für das Feuilleton zuständigen Mitherausgeber der FAZ, Jürgen Kaube. »Ich nehme an, dass es für Ihre Entscheidung, mit derart kurzfristiger Dringlichkeit in die redaktionelle Gestaltungshoheit der FAS einzugreifen und persönlich die Veröffentlichung eines bereits zum Druck vorbereiteten Interviews zu verhindern, einen vernünftigen Grund gibt. Welchen?« fragte Böhmermann. Auf eine Antwort wartet der Satiriker offenbar immer noch. »Die FAZ kommentiert redaktionelle Entscheidungen nicht«, erfuhr Der Spiegel auf Nachfrage.

Nach Böhmermanns Angaben fand das Interview bereits am 25. August statt. Anlass war das neue Buch des Satirikers, das unter dem Titel »Gefolgt von niemandem, dem du folgst« bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist. Auf 464 Seiten lässt er seine Tweets aus den gut zehn Jahren Revue passieren, die er auf Twitter unterwegs ist. Binsenfazit des Verlags: »Als Jan Böhmermann 2009 zu twittern anfing, war die Welt eine andere.«

Böhmermann wäre nicht Böhmermann, wenn er die Sache mit der FAS auf sich beruhen ließe. In 73 Tweets veröffentlichte er am vergangenen Donnerstag das zensierte Interview auf seinem Twitter-Account. »Wer möchte, kann es von mir aus gerne veröffentlichen oder abdrucken – es müssen aber ggf. juristische Details vorher noch mit der FAZ und deren Herausgebern geklärt werden«, warnte er vorsichtshalber. Aufgrund der nur wenige Zeilen langen Häppchen, die auf Twitter möglich sind, ist das Gespräch zwar schwer lesbar, aber die Mühe lohnt sich. Wobei nicht klar ist, ob das von Böhmermann hochgeladene Interview dem originalen Wortlaut entspricht oder ob er es nachträglich verändert hat. Bei dem Satiriker ist immer höchste Vorsicht geboten.

Man kann nur spekulieren, warum Böhmermann dem Blatt überhaupt ein Interview gegeben hat. Das Werben neuer Fans in der Leserschaft der bekanntermaßen stramm konservativen Gazette wird kaum der Grund gewesen sein. Böhmermann braucht die FAZ nicht. Mit aktuell 2,1 Millionen Followern gehört er auf Twitter zu den deutschen Schwergewichten. Seine Reichweite ist vermutlich deutlich größer als die des Feuilletons der FAZ, der auf Twitter rund 600.000 User folgen.

Natürlich kommt es durchaus vor, dass Redaktionen sich kurzfristig umentscheiden und eigentlich vorgesehene Beiträge aus ihrem Blatt nehmen. Fairerweise teilen freundliche Zeitungen den betroffenen Autoren aber den Grund mit. Das Schweigen der FAZ lässt Raum für Spekulationen. Laut Böhmermann ging es in dem Interview unter anderem um den vorauseilenden Gehorsam, den manche Medien an den Tag legen, wenn sie einen Shitstorm fürchten, vornehmlich aus der rechten Ecke.

»Innerhalb eines Jahrzehnts entwickelt sich Twitter zur wichtigsten politischen und gesellschaftlichen Onlinediskursplattform der Gegenwart. Und Twitter wird dabei zugleich zu einem mächtigen Werkzeug, um die öffentliche Debatte entscheidend zu verändern, zu beeinflussen oder zu bestimmen«, zitierte der Deutschlandfunk am Freitag aus dem Vorwort des neuen Böhmermann-Buchs.

Auch Böhmermann nimmt sich das Recht heraus, bösartige Retweets zu blockieren. Er diskutiere keine verfassungsfeindlichen, extremistischen Positionen, will er in dem Interview mit der FAS gesagt haben. Er habe auf seinem Twitter-Account das Hausrecht. Basta.

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