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Aus: Ausgabe vom 17.09.2020, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Und alle: Tesla raus!

Druck der Straße gegen grün-schwarze Kompromisse: »Volksfeind for Future«, das neue Stück von Volker Lösch am Düsseldorfer Schauspielhaus
Von Glenn Jäger
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»Ihre Forderungen werden im Saal geteilt« – Tochter der Bürgermeisterin (Cennet Rüya Voß)

Vor dem Theater war die Straße am Zug: Der Weg zur Uraufführung von »Volksfeind for Future« im Düsseldorfer Schauspielhaus führte am vergangenen Freitag durch eine Demonstration gegen das »System Tönnies«. »Gegen die Ausbeutung von Mensch, Tier und Umwelt« sei es »notwendig«, so Jessica Reisner von der Aktion Arbeitsunrecht, »soziale und klimapolitische Kämpfe zu verbinden«. Mit dieser Botschaft hätte Reisner dann gut auch als Teil des Laienchors auf der Bühne stehen können in dem Stück, mit dem Volker Lösch (Regie) und Lothar Kippstein (Autor) die Klimafrage verhandeln. An Henrik Ibsens Umweltklassiker »Der Volksfeind« von 1882 orientiert, macht die Inszenierung deutlich: Halten wir am System fest, steht es nicht gut um die Zukunft des Planeten.

Vom kalifornischen Strand aus erhält Düsseldorf den Zuschlag für ein Tesla-Werk. Rund um die grüne Oberbürgermeisterin feiert man zwischen bunten Autoattrappen (Bühnenbild: Carola Reuther) 6.000 neue Arbeitsplätze für eine »saubere« Technologie. Doch gegen die klimapolitische Mogelpackung kommt es zum Widerstand, angeführt von den Kindern der Bürgermeisterin. Der 13jährige Charlie Schrein glänzt in der Rolle des entschlossen agierenden Sohns. An seiner Seite bietet Cennet Rüya Voß in der Rolle der Tochter den Oberen der Stadt die Stirn. In einer Bürgerversammlung hat sie einen großen Auftritt, wendet sich ans Publikum, während der Tesla-Chef Presse, OB und Betriebsrat salbt. Ihre Forderungen nach einem Verbot von SUVs und einem Stopp der Waffenproduktion bei Rheinmetall werden im Saal geteilt.

Vorgeführt wird auch die Rolle der Presse. »Aktivistin gegen OB-Mutter, das verspricht Auflage«, frohlockt die Chefredakteurin der »Rheinischen Rundschau« (glänzend: Claudia Hübbecker). Bald lässt der Tesla-Chef (großartig: Rainer Philippi) sie zur Raison rufen, sorgt über Seilschaften für eine Kündigungsdrohung. Allein die Rolle des Betriebsrats (Jonas Friedrich Leonhardi), ein Obersozi und Dieselfan, gerät etwas zu plakativ.

Vorzüglich sind die Szenen im Hause der OB (präzise: Minna Wündrich). Sie sei »mal ein Vorbild« für sie gewesen, so die Tochter: »Du hast dich bei Protestaktionen angekettet.« Und heute? »Gegen das Falsche kämpft man«, statt es zu tun. Sie könne ja gehen, entgegnet die Mutter, und bietet an, die Wohnungsanzeige zu bezahlen. Ein Clou des Stücks ist, dass die OB ihre Stadt recht bald zu einer kinderfreien erklären wird: keine nervenden Blagen mehr, keine heranwachsenden Klimasünder.

Von besonderer Bedeutung für die Dramaturgie ist die Rolle des aufmüpfigen Ehemanns, die Glenn Goltz auf den Leib geschrieben scheint. »Ich halte dir den Rücken frei, damit du mit deinem Dauerlächeln deine grün-schwarzen Kompromisse verfolgen kannst!«, schimpft er. »Autoland wird abgebrannt«, habe es früher geheißen, nun baue sie »die nächste Generation« von »Sprechpüppchen des Kapitals«. »Du Sexist!« hält sie dagegen – was er denn arbeiten könne. Ein Schlagabtausch erster Güte, bis sie das Begehren überkommt. »Noch einmal«, entblößt sie sich, »ficken wie früher.« Kurz wird er schwach, doch dann erkennt er »nur noch die OB« in ihr, zwischen »Fingerfood in der Staatskanzlei« und »Bioapfelsaft im Aufsichtsrat«.

Ergänzend vermittelt die Inszenierung Hintergründe zur Auto- und Klimapolitik, hier stand der Verkehrsexperte Winfried Wolf Pate. Zur Handschrift von Volker Lösch gehört: Wieder sind Laienschauspieler die Helden des Abends. 20 Aktivistinnen und Aktivisten rufen zum Ungehorsam auf, »Tesla raus!« schallt es durch die Stadt. Der Wermutstropfen: Coronabedingt können sie nicht auf der Bühne agieren, sind per Video eingeblendet (arrangiert von Robi Voigt). »Klar waren das unsere eigenen Texte«, bestätigen sie auf der Premierenfeier. Klimakritik als schmückendes Beiwerk? Gegen Versuche, Protest einzugemeinden, setzt das Stück auf den radikalen Bruch. Symbolisch, indem der OB-Sohn einen Jaguar zertrümmert; politisch mit Aktivisten, die Perspektiven nur jenseits eines profitorientierten Systems sehen. Gegenüber dem WDR verwies Oskar Lüttmann, einer der beteiligten Jugendlichen, auf den notwendigen »Druck der Straße«. Die ältere Generation müsse, ergänzt Regisseur Lösch, »so radikal sein wie von der Jugend eingefordert«.

»Genau unsere Themen«, fand nach der Uraufführung Elmar Schulze Messing, der bei dem Lösch-Stück »Bonnopoly« (2017, Kammerspiele Bonn) Teil des Bürgerchors war. »Nicht Investoren« seien die Zukunft der Stadt, »sondern wir«. Nur hätte Schulze Messing beim »Volksfeind« globale Forderungen gerne noch etwas »genauer durchdekliniert« gehabt. Doch ist das die Aufgabe von Theater? In der Klimafrage zeigt sich jedenfalls: Für konkrete Forderungen und grundsätzliche Ziele kämpfen Aktivisten aus allen Generationen. »Ich war niemals Öko, doch auch ich hab’s längst kapiert«: Wer das Schauspielhaus verließ, mochte diese Zeilen der Punkband Slime im Ohr haben. »Wenn wir wollen«, geht der Song weiter, »raffen wir uns endlich auf.« Gleichsam war das die Botschaft der Inszenierung, die auf öffentliche Plätze gehört, auf die – gern auch autofreie – Straße.

Nächste Aufführungen: 20. 9., 18. 10., 16 Uhr, 1. und 15. 10., 19.30 Uhr, Schauspielhaus Düsseldorf

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