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Aus: Ausgabe vom 17.09.2020, Seite 8 / Ansichten

Poet des Tages: Carmine Di Sibio

Von Simon Zeise
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EY-Chef Carmine Di Sibio wäscht seine Hände in Unschuld

Kann ja schon mal vorkommen, 1,9 Milliarden Euro zu übersehen. Ist den meisten von uns sicher schon passiert. Das bisschen Kleingeld fällt in die Sofaritze, und weg ist es. Carmine Di Sibio, Vorstandschef von Ernst and Young, hat Flutschfinger. Ihm rinnt das Geld in Strömen aus der Hand. Beim Zahlungsdienstleister Wirecard schauten Di Sibio und seine Yuppies von EY nicht so genau hin. Ob ein oder zwei Milliarden Euro zuwenig, wen interessiert's? Bilanzen sind sterbenslangweilig. Hauptsache, die Provision stimmt, und dann schnell zurück zum Golfplatz.

Nur blöd, dass der ganze Kladderadatsch anderen aufgefallen ist, Wirecard in die Insolvenz ging und die blasierten Banker peinlich betreten dreinschauten. Jeder Gangster weiß, was in solchen Fällen zu tun ist. Wenn man beim Schummeln erwischt wird, erst mal den Dackelblick aufsetzen – das lernt man schon auf dem Schulhof. Gesagt, getan, der EY-Chef griff zur Feder und bat alle Kunden um Entschuldigung: »Viele Menschen glauben, dass der Betrug bei Wirecard früher hätte entdeckt werden müssen, und wir verstehen das voll und ganz. Obwohl es uns gelungen ist, den Betrug aufzudecken, bedauern wir, dass er nicht früher aufgedeckt wurde«, zitierte die Financial Times am Mittwoch aus Di Sibios Brief. Zweiter Schritt: Irgend jemand anderen anschmieren und von den eigenen Fehlern ablenken. Das liest sich dann so: »Die abgesprochenen Betrugsfälle bei Wirecard wurden durch ein hochkomplexes kriminelles Netzwerk umgesetzt, das alle täuschen sollte – Investoren, Banken, Aufsichtsbehörden, Ermittlungsanwälte, juristische Prüfer sowie uns selbst. Das öffentliche Interesse erfordert eindeutig, dass viel mehr getan wird, um Betrug in den frühesten Stadien aufzudecken.« Bankerpoesie. Wer prüft eigentlich Ernst and Young?

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