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Aus: Ausgabe vom 17.09.2020, Seite 7 / Ausland
Griechenland

Die nächste Hölle

Griechenland: Geflüchtete aus Camp Moria sollen in neue Unterkunft. Weiterer Brand nahe Lager auf Samos
Von Hansgeorg Hermann
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Hoffen auf Besserung: Geflüchtete des Camps Moria am Sonntag

Während sich Politiker in Brüssel, Paris und Berlin streiten, wie viele Geflüchtete aus Moria aufgenommen werden sollen, brennt es in unmittelbarer Nähe eines weiteren griechischen Lagers. Diesmal ist die Insel Samos betroffen: In der Nacht zu Mittwoch waren oberhalb des Camp Vathi Flammen zu sehen. Feuerwehrleute aus der Stadt Vathi waren bis zum Morgen im Einsatz und konnten den Brand löschen, da in diesem Teil der Ägäis zurzeit Windstille herrscht und sich die Flammen nicht stark verbreiten konnten.

Die örtliche Polizei gehe von Brandstiftung aus, berichteten lokale Rundfunksender. Die überregionale griechische Presse beklagte derweil »das große Schweigen« der europäischen Nachbarn und verlangte, wie es unter anderem die linke Tageszeitung Efimerida ton Syntakton (Efsyn) schrieb, »Solidarität« mit dem seit zehn Jahren von Brüssel geknechteten Land.

Das mit NATO-Stacheldraht befestigte sogenannte Auffanglager am Rande von Vathi im Osten der Insel war ursprünglich für die Aufnahme von höchstens 700 Personen gebaut worden. Doch seit Jahren werden dort unter katastrophalen hygienischen und sozialen Bedingungen mehr als 4.000 Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht. Außerdem hausen weitere Geflüchtete um das Camp zwischen Olivenhainen.

Fotos, die von Efsyn am Dienstag veröffentlicht wurden, zeigen die verdorbene Nahrung, mit der die Schutzbedürftigen abgespeist werden. Hinzu kommt die Coronapandemie: Im Lager auf Samos waren im vergangenen Monat zwölf, im inzwischen abgebrannten Camp Moria auf Lesbos 35 Infizierte registriert worden. Beide Unterkünfte wurden daraufhin abgeriegelt und unter schwere Bewachung gestellt. Die verzweifelte Situation der Lagerinsassen führt immer wieder zu Spannungen, auch untereinander. In den vergangenen Monaten kam es mehrmals zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Auch mit dem Wachpersonal gab es Konflikte.

Zwar beklagen die Griechen seit Jahren, die EU schere sich, wenn es um Geflüchtete gehe, wenig um ihr bei anderen Gelegenheiten bemühtes Postulat von »Menschenrechten und Solidarität«: Ylva Johannson, Kommissarin für Inneres der EU von der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Schwedens, hatte zu Beginn der Woche die Forderungen der griechischen Regierung nach Aufnahme eines Teils der mehr als 20.000 auf den Inseln der Ägäis wartenden Menschen abgelehnt. Begründet hatte sie dies damit, dass Athen offiziell »keinen entsprechenden Antrag« gestellt habe.

Die seit Juli 2019 amtierende Regierung des rechtskonservativen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis, der auch zwei ehemalige Führer faschistischer Gruppen angehören, steht der Haltung Brüssels allerdings in wenig nach. Seit seinem Amtsantritt hat der Premier zahlreiche bewaffnete Polizeieinsätze gegen Geflüchtete zu verantworten, sowie die Duldung von gewalttätigen rechten »Bürgermilizen«, die auf Lesbos Flüchtlinge jagten und Journalisten verprügelten.

Die Pariser Tageszeitung Le Monde lobte am Mittwoch zwar die Ankündigung Berlins, etwa 1.500 Menschen aus dem abgebrannten Lager auf Lesbos aufnehmen zu wollen. Sie wies allerdings auch darauf hin, dass es sich dabei ausschließlich um Asylbewerber handele, die in Griechenland bereits anerkannt worden sind. Der Großteil der Lagerinsassen von Moria werde lediglich in ein in Windeseile aus dem Boden gestampftes neues Zeltlager umgesiedelt. »Von einer Hölle in die andere«, schrieb die Zeitung. Frankreich hatte sich indes bereit erklärt, lediglich 100 bis 150 unbegleitete Jugendliche aufzunehmen.

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