jW-Protest-Abo: 3 Monate für 62 €!
Gegründet 1947 Sa. / So., 19. / 20. September 2020, Nr. 220
Die junge Welt wird von 2351 GenossInnen herausgegeben
jW-Protest-Abo: 3 Monate für 62 €! jW-Protest-Abo: 3 Monate für 62 €!
jW-Protest-Abo: 3 Monate für 62 €!
Aus: Ausgabe vom 17.09.2020, Seite 5 / Inland
Gewerkschaftskämpfe in der BRD

Spontaner Protest

Beschäftigte und IG Metall ziehen vor Stuttgarter Zentrale des Automobilzulieferers Mahle
Von Ursel Beck
Kundgebung_bei_Mahle_62327741.jpg
Kämpferisch gegen Stellenstreichungen: Beschäftigte beim Autozulieferer Mahle gehen wieder auf die Straße (Stuttgart, 25.7.2019)

Täglich gibt es neue Ankündigungen über die Vernichtung von Arbeitsplätzen in der Auto- und Zulieferindustrie. Es zeigt sich, dass das »Abmelden« von Leiharbeitern, Kurzarbeit, Altersteilzeit und freiwilliges Ausscheiden mit Abfindung nur die Vorstufe für Massenentlassungen und Betriebsschließungen sind. Continental etwa kündigte am Dienstag an, seine Reifenfabrik mit 1.800 Beschäftigten in Aachen, das Werk in Karben mit 1.100 Kolleginnen sowie weitere Standorte in Babenhausen und im thüringischen Mühlhausen zu schließen.

Auch andere Unternehmen sind betroffen: Der Belegschaft des Stuttgarter Automobilzulieferers Mahle drohen gleichfalls betriebsbedingte Kündigungen und Betriebsschließung. Im Vorfeld der Aufsichtsratssitzung bei Mahle am Mittwoch war durchgesickert, dass die Geschäftsführung den Arbeitsplatzabbau wolle. Bereits vor »Corona« waren 15 Prozent Arbeitsplatzabbau in den Werken und die Schließung der Niederlassung in Öhringen mit 240 Beschäftigten beschlossen worden. Allerdings sind bislang nicht so viele Kolleginnen und Kollegen per Abfindungen gegangen, wie gewollt war. Seit April sind zehn bis dreißig Prozent der Belegschaft ein bis drei Tage die Woche in Kurzarbeit. Jetzt ist aus der Chefetage zu hören, dass der »Personalabbau« dem Umsatzrückgang angepasst werden solle. Im Klartext: Das würde eine Reduzierung der Belegschaft um weitere 20 bis 30 Prozent bedeuten. Für die Standorte in der Region Stuttgart wäre das ein Verlust von 1.000 bis 1.400 Arbeitsplätzen.

Gegen die Kahlschlagpolitik hatte der Mahle-Vertrauenskörper am Mittwoch zur spontanen Menschenkette vor der Aufsichtsratssitzung aufgerufen. Martin Röll, Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall (IGM) Stuttgart, erklärte bei der Aktion, es könne nicht akzeptiert werden, dass die Mahle-Geschäftsführung den Rückgang der Umsatzzahlen in einen Stellenabbau umrechne. Allen ist die Kontroverse um CO2-Reduktion und Verbot von Verbrennern bewusst – aber: »Wir wollen keinen Niedergang, sondern einen Übergang zur E-Mobilität«, so der IGM-Vertreter. Die Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats Ljiljana Culjak erklärte gegenüber jW: »Ich glaube, der Herbst wird heiß.«

Die Krise in der Autoindustrie wird oft mit der Transformation und der Pandemie erklärt, mitunter auch in Gewerkschafterkreisen. Nur: Das Dichtmachen eines Reifenwerks und eine Produktionsverlagerung ins Ausland kann kaum mit dem Ausbau der E-Mobilität erklärt werden. Zumal die Zahlen eindeutig sind: Trotz staatlicher Förderung ist hierzulande der Anteil der verkauften E-Autos im Juli 2020 nur auf 5,3 Prozent neu zugelassener Pkw gestiegen. Es werden also weiter großteils Verbrenner verkauft.

Die Krise der Autoindustrie ist in erster Linie eine Folge weltweiter kapitalistischer Überproduktion. Die IGM müsste, meinen Linksgewerkschafter, stärker klarmachen, dass die Beschäftigten nicht bereit sind, diese Krise und die Milliardenverluste durch den Dieselbetrug mit Arbeitsplatzvernichtung und Lohnverzicht zu bezahlen. Statt Arbeitszeitverkürzung mit Lohnverzicht für einzelne Belegschaften oder Teile von Belegschaften sollte ein branchenweiter Kampf für die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich geführt werden. Der Kampf zur Verteidigung von Löhnen und Arbeitsplätzen sollte mit der Forderung nach Überführung der Autoindustrie in Gemeineigentum unter demokratischer Verwaltung und Kontrolle sowie der Konversion für gesellschaftlich sinnvolle Produktion verbunden werden.

Die »Mahle-Solidarität«, ein Zusammenschluss von Kolleginnen und Kollegen, fordert des weiteren einen Kurswechsel weg vom Komanagement hin zu konsequenter Gegenwehr. In einem am Mittwoch verteilten Flugblatt steht, dass »Betriebsräte und IG Metall ihre Halbherzigkeit aufgeben« und Belegschaften unternehmensübergreifend Kräfte bündeln müssen, um den Angriffen der Kapitalseite widerstehen zu können.

junge Welt-Aktionsabo: Drei Monate lang für 62 Euro!

junge Welt: Die Zeitung gegen Krieg und Faschismus, Irrationalismus und Demagogie! Jeden Tag liefern wir gut sortiert Informationen und Inspiration, machen Zusammenhänge und Ursachen verständlich - mit prinzipienfester, antikapitalistischer Haltung. Und das in Hand ihrer Leserinnen und Leser. Damit ist unsere Tageszeitung allein auf weiter Flur in der deutschsprachigen Medienlandschaft.

Grund genug, die junge Welt kennenzulernen! Das Protest-Abo bietet die Möglichkeit, die junge Welt stark vergünstigt und zeitlich begrenzt zu lesen - danach endet es automatisch.

Ähnliche:

  • »Menschen vor Profit«: Demonstration der IG Metall in Stuttgart ...
    25.11.2019

    Verzicht lohnt sich nicht

    Demo gegen Kürzungen in der Autoindustrie in Stuttgart: Konzerne verlagern Betriebe. Gewerkschafter können »Transformation« nicht mehr hören
  • Alles aus einer Hand für den Motor? Das könnte bei Mahle – im Bi...
    06.06.2016

    Gebrochene Zusagen

    Jobabbau: Nur wenige Wochen nach Vereinbarung einer »Zukunftssicherung« will Stuttgarter Autozulieferer Mahle zwei Werke verkaufen
  • 30.03.2011

    Behr-Jobs in Gefahr

    Autozulieferer erwägt Ausgliederung der IT-Sparte und entläßt Stuttgarter Produktionsarbeiter

Mehr aus: Inland