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Aus: Ausgabe vom 17.09.2020, Seite 5 / Inland
3. Oktober

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30 Jahre »Wende«. Nach wie vor große Unterschiede beim Vermögen – Frauen in Ost und West in Teilzeitfalle
Von Nina Jeglinski
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Sie waren schon mal weiter: In der DDR wurden junge Frauen gefördert, die einen typischen Männerberuf erlernten (Berlin, 1971)

In den vergangenen 30 Jahren wurden jährlich zum 3. Oktober »Einheitsberichte« präsentiert, in denen zu lesen steht: »Der Osten hat immer noch nicht aufgeholt«. Auch in diesen Tagen gehen Politik und Wissenschaft mit neuen Zahlen an die Öffentlichkeit.

Die Bundesregierung legte am Mittwoch ihren 280 Seiten starken Bericht vor: Konzernzentralen oder bedeutende Behörden seien im Osten auch nach drei Jahrzehnten nach Anschluss der DDR Mangelware. Dafür steige die Gefahr durch extreme Rechte. »Man muss leider sagen, dass der Rechtsextremismus in den neuen Ländern im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung mehr Anhänger findet, als das in den alten Ländern der Fall ist. Der Rechtsextremismus bedroht aggressiv die Demokratie«, sagte Marco Wanderwitz (CDU), der Ostbeauftragte der Bundesregierung.

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) mahnte ein Umdenken an und kritisierte die wachsenden Ungleichheiten bei der Beschäftigung. DGB-Chef Reiner Hoffmann beklagte in der Neuen Osnabrücker Zeitung, »dass Menschen in den neuen Bundesländern deutlich längere Arbeitszeiten haben und deutlich geringere Löhne«. Das vertrage sich nicht mit der angestrebten Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen. Das Problem liege unter anderem darin, dass die Tarifbindung im Osten noch niedriger sei als im Westen. Viele Firmenchefs weigerten sich, einem Unternehmerverband beizutreten.

Der Kovorsitzende der Bundesfraktion Die Linke, Dietmar Bartsch, sagte: »Die Menschen in den neuen Ländern brauchen bessere Jobs, eine bessere Infrastruktur, gleiches Rentensystem, kurz: gleichwertige Lebensverhältnisse.« Weiter kritisierte er: »Nach 30 Jahren zu betonen, dass der Westen die Einheit bezahlt habe und ganz bewusst zu verschweigen, dass westdeutsche Verantwortungsträger über die Treuhand im Osten manches zerstört haben, versöhnt nicht, im Gegenteil.«

In die gleiche Kerbe schlagen die Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), eine aktuelle Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass sich Ost- und Westdeutschland in Fragen der Erwerbs- und Familienarbeit immer weiter annähern. Zwar habe das »Alleinernährermodell West«, in dem der Mann alleine Vollzeit tätig war, und die Frau sich um die Familienarbeit kümmerte »ausgedient«, so Studienautorin Katharina Spieß, aber nicht zum Vorteil von Frauen. Nach Untersuchungen des DIW hängen immer mehr Frauen in der Teilzeitfalle. Waren 1990 noch 77 Prozent der Frauen mit Kindern in Vollzeit tätig, lagen die Zahlen 2018 bei 30 Prozent im Osten und zwölf Prozent im Westen. Die Quote der teilzeitbeschäftigten Frauen hingegen stieg in den westdeutschen Bundesländern auf aktuell 48 Prozent und 32 Prozent in Ostdeutschland. Zudem habe das DIW herausgefunden, dass vor allem Frauen, die nach 1990 geboren wurden und einen geringen Schulabschluss haben, ein traditionelles »Familienbild leben, bei dem die Frau zu Hause bleibt und der Mann arbeiten geht«, sagte Katharina Spieß.

Auch die nach wie vor großen Unterschiede bei der Bezahlung kommen in den Berichten vor. Das DIW spricht von einer »ungenügenden Vermögensbildung«, die in Ostdeutschland »prägend« sei. Johannes Geyer, Rentenexperte und stellvertretender Leiter der Abteilung Staat am DIW, sieht die Politik in der Verantwortung: »Dort müssen dringend mehr Anreize geschafft werden«, sagte Geyer der jW. Angebote wie der Mietkauf für Familien, die auf diesem Wege Wohneigentum schaffen könnten, seien zwar erste Schritte in die richtige Richtung, aber reichten nicht aus. DIW-Chef Marcel Fratzscher sprach sich für grundsätzliche Veränderungen bei der privaten Altersversorge bei Geringverdienern und Familien aus. »35 Prozent der Deutschen haben keinerlei Vermögen, weniger als 50 Prozent besitzen eine Immobilien«, sagte Fratzscher der jW, diese Quoten gelte es zu erhöhen. Doch solange Deutschland den größten Niedriglohnsektor innerhalb Europas aufweist, dürfte so ein Vorhaben in weiteren Jahresberichten versickern.

Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. (17. September 2020 um 14:06 Uhr)
    Am Familieneinkommen, das über Finanzamt und Arbeitsamt, Rentenversicherung extrem mit Geldkommandogewalt auf Ernährehe festgelegt ist, macht aus der Frauenerwerbsquote mit Teilzeitarbeit ein riesiges Loch im Fesselballon der Gewerkschaft und ihrer Lohnsicherung. Weiter wird da sowieso schon nicht mehr gedacht,

    Was das Nihlismusquadrat von Religion und Politik intellektuell betoniert.

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