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Aus: Ausgabe vom 16.09.2020, Seite 10 / Feuilleton
USA

Wohnen über dem Drogenlabor

Wachsendes Unbehagen: Wie die Entwicklungen in den USA im benachbarten Kanada verfolgt werden
Von Hannes Klug
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»Sie glauben immer noch, dass sie alle anderen übertreffen«: Trump Tower im kanadischen Toronto

Genau 21 Sekunden dauerte das vielleicht berühmteste Schweigen dieses Jahres. Soviel Bedenkzeit brauchte Kanadas Premierminister Justin Trudeau, als er am 2. Juni von einem Fernsehreporter gefragt wurde, wie er die derzeitigen Vorgänge in den USA bewerte. Konkret gemeint waren damals die eskalierende Gewalt auf den Straßen, die Räumung eines Kirchenvorplatzes mit Tränengas, damit der US-Präsident sich dort mit einer Bibel aufstellen konnte, und Donald Trumps Drohungen, das Militär gegen Demonstranten einzusetzen. Trudeau blickte in die Kamera, blinzelte, kniff die Lippen zusammen, atmete ein und aus, bis er schließlich zu einem denkwürdigen Satz anhob: »Wir alle beobachten mit Schrecken und Bestürzung, was in den Vereinigten Staaten vor sich geht.«

Das gilt sicher für viele Länder, doch die Perspektive des nördlichen Nachbarn ist eine besondere: Vom vormaligen Premierminister Pierre Trudeau (Justin Trudeaus Vater) stammt die berühmte Formel, neben den USA zu leben sei, als schlafe eine Maus neben einem Elefanten. Die Maus verhalte sich dabei am besten möglichst unauffällig. In einem Artikel für den Rolling Stone, der online mehr als zehn Millionen Mal geteilt wurde, hat der Anthropologe Wade Davis von der University of British Columbia im kanadischen Vancouver diese Aussage der heutigen Zeit angepasst: Neben den USA zu leben, schreibt er auf die gegenwärtige Lage gemünzt, sei, als wohne man über einem Drogenlabor.

Der kanadische Blick auf die USA ist nach wie vor der eines Juniorpartners, der sich Wohlverhalten verordnet, doch inzwischen mischen sich andere Töne in die Debatte, von unverhohlener Besorgnis bis zu beißender Kritik. Das Drogenlabor könnte jederzeit in die Luft fliegen, so hat man im Moment den Eindruck. Die Dealer von unten könnten sich die Wohnung obendrüber auch einfach einverleiben. Diese latente Angst gehört seit jeher zur kanadischen Grundbefindlichkeit, und in dem Maße, wie der Klimawandel den US-amerikanischen Süden ausdörrt, wird das fruchtbare Nachbarland mit seinen mehr als zwei Millionen Seen für den durstigen Giganten attraktiver.

Das Unbehagen im Norden wächst, viele Kritiker nehmen kein Blatt mehr vor den Mund. Davis bezeichnet die USA offen als »gescheiterten Staat« und den Zustand der dortigen Gesellschaft als »Dekadenz im Endstadium«. Als Belege führt er die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, den radikalen Individualismus und die damit einhergehende Abkehr von jeglicher Vorstellung einer solidarischen Gemeinschaft an. Dagegen sei das Gesundheitswesen in Kanada sozial, die Schulbildung egalitär. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Institutionen und die Lohngerechtigkeit seien deutlich größer. Alles Pluspunkte, die nicht zuletzt der Pandemie einen Teil ihres Schreckens nahmen.

Keine Frage: Auch an Kanada ist die neoliberale Welle nicht vorbeigeschwappt, auch dort gibt es Rassismus. Im Vergleich aber ist Kanada ein eher stabiler Vielvölkerstaat, dem es gelingt, eher die Gemeinsamkeiten als die Unterschiede zwischen seinen Bürgern zu fördern.

Der sogenannte Amerikanische Traum versinkt laut Davis gerade in einem Abgrund aus Lügen, Hass und Eigennutz. Diese Haltung ist unter seinen Landsleuten nicht sonderlich radikal: Es gibt keinen »Amerikanischen Traum«, schreibt etwa Heather Mallick im Toronto Star, Kanadas größter Tageszeitung: Mittel- und Arbeiterklasse seien seit Ronald Reagan zerstört, übrig sei eine Nation durchgeknallter Waffennarren, die sich für etwas Besonderes halten: »Egal, wie mies es den Amerikanern geht, sie glauben immer noch, dass sie alle anderen übertreffen.« Selbst wenn den USA etwas gnadenlos misslinge wie der Umgang mit dem Coronavirus, so Mallick, »dann, denken sie, waren sie immer noch besser darin, schlecht zu sein, als jede andere Nation, einschließlich des langweiligen Kanadas«.

Zwischen beiden Ländern verkehren täglich Waren im Wert von mehr als zwei Milliarden Dollar, doch für Reisende ist die Grenze momentan dicht. Für viele Kanadier ist das eine Erleichterung, denn auch wenn die USA deren Urlaubsland Nummer eins sind, so ist das Bedürfnis, sich vom dortigen Chaos abzuschotten, momentan größer als jedes Fernweh. Das wichtigste kulturelle Thema der Kanadier sei das Überleben, sagte einst die Schriftstellerin Margaret Atwood, während die US-Amerikaner von Geld »als Zeichen göttlicher Gnade oder Vorsehung« besessen seien. Dem US-Exzeptionalismus, so ergänzt Mallick, stehe die grunddemokratische kanadische Überzeugung gegenüber, dass niemand besser sei als irgend jemand anderes. Die Zahl der Coronafälle ist in Kanada wohl auch aus diesem Grund vergleichsweise niedrig. Das Land ist eines der wenigen, aus denen die EU die Einreise für unbedenklich hält.

Nicht nur den Harvard-Professor Steven Levitsky oder den Chef des Washingtoner Büros des Toronto Star, Edward Keenan, erinnern bewaffnete Milizen, Propaganda und ein Brandstifter und Möchtegerndiktator als US-Regierungschef an das präfaschistische Europa der 1920er und 30er Jahre. Was, fragt sich Keenan mit düsterer Vorahnung, wenn Trump die US-Wahlen im November gewinnt oder – schlimmer noch – im Falle einer Niederlage sich weigert, seinen Posten zu verlassen? Offen gesteht auch der preisgekrönte politische Kolumnist Bob Hepburn seine Sorgen vor einem drohenden Bürgerkrieg in den USA. Aus der mitschwingenden Angst, hineingezogen zu werden, resultiert das Streben nach mehr Autonomie.

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