Gegründet 1947 Donnerstag, 26. November 2020, Nr. 277
Die junge Welt wird von 2453 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 16.09.2020, Seite 5 / Inland
Arbeitskämpfe in der BRD

Mobil gegen Schock

Autozulieferer Schaeffler kündigt Stellenstreichungen an und dürfte Zukäufe planen – IG Metall protestiert mit Aktionstag
Von Oliver Rast
Zulieferer_Schaeffle_66596387.jpg
Gegenwehr: Beschäftigte und IG Metaller mobilisieren gegen Firmenpolitik der Schaeffler-Familie (Herzogenaurach, 1.10.2015)

Die Botschaft ist klar: »Kein Stellenabbau« steht mit weißer und schwarzer Farbe auf einem roten Transparent. Dahinter stehen knapp hundert Personen, viele im Dress ihrer Gewerkschaft. Bereits am Montag morgen hatten Beschäftigte und Mitglieder der IG Metall (IGM) im Schweinfurter Werk des Autozulieferers Schaeffler protestiert. Ein Prolog zum bundesweiten Aktionstag am heutigen Mittwoch. Die Situation ist akut: Stellenstreichungen, Standortverlagerungen und Betriebsschließungen drohen. Das volle Programm.

Betroffen sind vor allem Arbeitsplätze und Werke in Bayern: Schweinfurt, Eltmann, Höchstadt und Herzogenaurach, der Firmenhauptsitz in der Sportartikelmetropole. Gegen die Pläne der Unternehmensspitze macht die regionale IGM mobil. Johann Horn, deren Bezirksleiter, erklärte am Dienstag gegenüber jW: »Standortschließungen und Verlagerungen an Billigstandorte sind kein Zukunftskonzept. Die Beschäftigten und die IG Metall werden das nicht akzeptieren.« Klare Ansagen.

Die Gegenseite indes hat andere Probleme: die Eigenkapitalbasis des Unternehmens etwa. Die Schaeffler-Familie samt Vorstandsvorsitzendem Klaus Rosenfeld sorgte rasch für Abhilfe, sie riefen am Dienstag eine außerordentliche Hauptversammlung ein. Die beschloss die Ausgabe von 200 Millionen neuen Vorzugsaktien. Ein »Vorratsbeschluss«, wie Rosenfeld laut Reuters gleichentags behauptete: »Es gibt dafür bislang keine konkrete Transaktion, die wir im Blick haben.« Schaeffler gehe es nur darum, Chancen auch in der Krise nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Mit dem sogenannten genehmigten Kapital könnte Schaeffler bis zu einer Milliarde Euro frisches Geld einsammeln. »Spielgeld« für Zukäufe und Übernahmen, befürchten Gewerkschafter.

Standortverlagerungen

Zuvor hatte Schaeffler sein Schockprogramm, was lieblich »Maßnahmenpaket« heißt, auf fünf DIN-A4-Seiten verkündet. Demnach gibt es »zwei Stoßrichtungen«, im Telegrammstil steht dort: »1) Abbau von Kapazitäten und Konsolidierung von Standorten, sowie 2) Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und Ausbau von lokalen Kompetenzen.« Übersetzt heißt das: Rund 4.400 Stellen sollen bis Ende 2022 gestrichen werden, fast alle hierzulande, das Gros davon in Bayern. Kürzungsziel im Jahresbudget: zwischen 250 bis 300 Millionen Euro. Die Betriebsräte wurden darüber in Kenntnis gesetzt, mehr nicht. »Wir haben in der vergangenen Woche unsere Arbeitnehmervertreter informiert«, sagte eine Unternehmenssprecherin am Dienstag auf jW-Anfrage lapidar. Verhandlungen über die Kürzungen gebe es noch nicht.

Vor zwei Jahren klang vieles noch besser: 2018 hatte Schaeffler mit der IGM eine sogenannte Zukunftsvereinbarung abgeschlossen. Kernpunkte: Stärkung der Standorte in Deutschland, Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen. Abmachungen, die nun zur Disposition stehen – Bezirksleiter Horn: »Schaeffler will die Coronakrise ausnutzen, um Kosten zu sparen und Profite zu steigern. Wir erwarten, dass Schaeffler statt dessen Verantwortung übernimmt und Beschäftigung sichert.« Dazu sei das Unternehmen auch in der Pflicht, so Horn, zumal es Sozialversicherungsbeiträge für Beschäftigte in Kurzarbeit nicht abführen muss, also gewissermaßen staatlich teilfinanziert wird.

Trotz der Drohkulisse herrscht Aufbruchstimmung unter den Beschäftigten. Timo Günther, Pressesprecher der IGM in Bayern, betonte am Dienstag im jW-Gespräch: »Unser Aktionstag findet bundesweit und an allen Standorten statt.« Schwerpunkt ist das mittelfränkische Höchstadt. 445 der 1.500 Stellen dort sollen gestrichen werden, die Hälfte wandert nach Schweinfurt, so Günther. Der Standort in Eltmann soll komplett geschlossen werden. Komplex sei das Verlagerungskarussell des Unternehmens, so Günther, bisweilen schwer durchschaubar. Günther ärgert vor allem eines: Schaeffler will keine Produktionslinien einstellen, sondern billiger produzieren, vorzugsweise im benachbarten Tschechien.

Zusammenhalten

Fest steht: Den Betroffenen ist der Geduldsfaden gerissen, in Höchstadt sowieso. »Schaeffler-Beschäftigte ertragen viel, aber irgendwann haben sie die Schnauze voll«, sagte Martin Feder, 2. Bevollmächtigter der IGM Bamberg, am Dienstag gegenüber jW. Seit 2016 habe es eine »Abbauwelle« nach der anderen gegeben, ganze Familien stünden vor dem Abgrund. Nun sei Schicht, deshalb die Mobilisierung einer ganzen Region.

Mehr noch: Ein Signal der Geschlossenheit soll vom Aktionstag ausgehen – Pressesprecher Günther: »Standortübergreifend solidarisieren sich die Kolleginnen und Kollegen, halten zusammen.«

Unverzichtbar!

»Kapitalismus und intakte Umwelt sind wie Feuer und Wasser. Die junge Welt benennt hier Ursachen und Verursacher und liefert damit die Basis für die Arbeit in der Klimagerechtigkeitsbewegung.« Jupp Trauth, Klimaaktivist bei Ende Gelände

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung im Netz ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme – gedruckt und online!

Debatte

  • Beitrag von Manfred G. aus H. (16. September 2020 um 16:16 Uhr)
    Der zahnlose und altstinkende Bettvorleger, der sich deutsche Gewerkschaft nennt, der im politischen Schongang vom Kapitalismus weichgespült und glattgebügelt wurde, gibt sich »kampfbereit«. Er will zum hunderttausendsten Mal der Öffentlichkeit glauben machen, dass er für soziale und wirtschaftliche Interessen der Arbeiter kämpft und sie auch vor kapitalistischer Unbill schützt. Absolut lächerlich. Die deutsche Gewerkschaft ist ein Konzern. Ein Konzern, der seit Kriegsende immer antikommunistisch und antisozialistisch war und noch ist. Jeder Konzern ist darauf bedacht, das kapitalistische System zu beschützen, aber nicht zu beseitigen.

    Der deutsche Gewerkschaftskonzern hat die Aufgabe, die Widersprüche zwischen Kapital und Arbeit zu dämpfen und zu verschleiern. Das niedrige politische Niveau der Arbeiter lässt es zu, dass die Arbeiter weder politisches Wissen noch ökonomisches Wissen haben, was Kapital und Arbeit bedeuten. Obwohl sie in ihrer Arbeitswelt die Erfahrung machen, dass sie weder was zu sagen haben noch politische Macht haben, können sie diese Wahrheit nicht verstehen. Weil ihnen niemand beibringt, dass Erfahrung Wahrheit ist. Und dass es eine objektive und eine subjektive Wahrheit gibt. Weil sie beides vermischen und die »Gewerkschaft« dabei mithilft, bleiben sie »Gefangene« in einem riesigen Gefängnis, das sich Verblödung nennt.

    Der »Gewerkschaftskampf« gegen »Stellenstreichungen« wird damit enden, dass die »Stellenstreichungen" durchgeführt werden und die »Gewerkschaft« dies als ihren »Kampferfolg« in der Öffentlichkeit verkündet. Danach werden die Arbeiter zum tausendsten Mal demoralisiert und geschlagen nach Hause gehen. Das ist deutsche »Gewerkschaft«.

Ähnliche:

  • Noch nicht auf den Barrikaden, aber längst auf der Straße: Besch...
    11.09.2020

    Mit Kampfeslust

    Automobilzulieferer Continental will Tausende Stellen streichen und Werke schließen – IG Metall organisiert Aktionswoche
  • Die Autositze werden künftig aus Tschechien herangekarr...
    02.04.2013

    Der Osten ruft

    Autozulieferer Fehrer will Produktionsstätten in Sachsen und Bayern schließen. Verlagerung der Sitzpolsterfertigung nach Tschechien und Ungarn
  • IG Metall fordert »Task Force« zur Rettung der Zulieferbetriebe....
    04.02.2009

    Zulieferer in Not

    Pleite von Edscha ist nicht nur Machenschaften eines Finanzinvestors geschuldet. Druck der großen Autokonzerne Teil des Problems. Branche vor Massensterben?

Regio: