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Aus: Ausgabe vom 16.09.2020, Seite 4 / Inland
Kein Zuschlag für G-36-Folgegewehr

Schlappe für Heckler & Koch

Bisher führender deutscher Kleinwaffenhersteller scheitert im Auswahlverfahren für neues Standardgewehr der Bundeswehr
Von Claudia Wangerin
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Kampfschwimmer vom Kommando Spezialkräfte der Marine (KSM) mit G-36-Sturmgewehren in Eckernförde (Archivbild, Dezember 2019)

Die Firma Heckler & Koch kann auf eine makabere Erfolgsgeschichte zurückblicken: Durch Produkte des bisher führenden deutschen Kleinwaffenherstellers stirbt nach Schätzung des Rüstungsinformationsbüros Freiburg weltweit alle 14 Minuten ein Mensch. Sieben bis zehn Millionen Exemplare des seit den 1950er Jahren produzierten G-3-Sturmgewehrs sind in rund 80 Ländern im Umlauf. Das Nachfolgemodell G 36 hat sich dagegen als Flop erwiesen: Es tauge »nicht einmal für Hirsch und Sau«, schrieb 2013 Springers Welt. 2015 verkündete die damalige Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen, »dass das G 36, so wie es heute konstruiert ist, keine Zukunft in der Bundeswehr hat«. Wegen der Präzisionsmängel sollte es schnellstmöglich ersetzt werden – und wie am Montag abend bekannt wurde, bekommt Heckler & Koch jetzt nicht einmal den Zuschlag. Die 1949 gegründete Rüstungsschmiede im baden-württembergischen Oberndorf sei im Auswahlverfahren gegen den Kleinwaffenproduzenten C. G. Haenel GmbH aus Thüringen gescheitert, berichtete die Sächsische Zeitung online.

Heckler & Koch habe sich »völlig verzockt«, erklärte dazu am Dienstag Jürgen Grässlin, Sprecher der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) und zudem aktiv bei den »Kritischen Aktionär*innen Heckler & Koch«. Erst im Juli 2019 war der Bundeswehr-General a. D. Harald Kujat eigens zum Aufsichtsratschef berufen worden – »um seine hervorragenden Connections zum Bundesverteidigungsministerium zu nutzen und den Nachfolgeauftrag für das G 36 nach Oberndorf zu holen«, merkte Grässlin an. Kujat war im Juli dieses Jahres zurückgetreten – als »prominentes Opfer« eines Machtkampfs, wie die Stuttgarter Zeitung seinerzeit schrieb. Kujat hatte den Posten auf Betreiben des langjährigen Mehrheitseigentümers Andreas Heeschen bekommen. Letzterer hatte allerdings im Jahr 2015 Aktien verpfändet – so konnte die Luxemburger Finanzholding CDE des Franzosen Nicolas Walewski in diesem Sommer ihr Aktienpaket auf rund 60 Prozent aufstocken. Ein von Heeschen erhofftes Veto der Bundesregierung gegen die Übernahme durch eine ausländische Firma blieb aus.

Der Entscheid zugunsten von Haenel kam offenbar selbst für viele Insider überraschend, da das Unternehmen zur Merkel-Gruppe gehört, die ihrerseits Teil der Tawazun Holding in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist. Für Heckler & Koch sei dies »ein womöglich tödlicher Knockout«, kommentierte Grässlin. Angesichts des immens hohen Schuldenstandes könnte die weitere Existenz der Kleinwaffenfirma gefährdet sein. Viele Aufträge ausländischer Armeen, die sie mit der Produktion des G-36-Nachfolgemodells an Land ziehen wollte, könnten in den kommenden Jahren an Haenel gehen.

Im vergangenen Jahr hatte Heckler & Koch womöglich den Bogen überspannt und mitten im laufenden Vergabeprozess das Verteidigungsministerium kritisiert: Es gebe keine faire und sachkundige Auswahl für das Nachfolgemodell, hatte die Geschäftsführung in einem Schreiben an von der Leyens Ressort moniert – und die Festlegung auf ein größeres Kaliber gefordert. Sonst werde die Bundeswehr ein Sturmgewehr bekommen, »das den Bedürfnissen der Truppe nicht gerecht wird«, hatte die Welt am Sonntag im Mai 2019 aus dem elfseitigen Schreiben zitiert. Die Ausschreibungskriterien umrissen demnach ein »munitionsbedingt leistungsschwaches Gewehrmodell«, das »nicht den Einsatzbedingungen und den Mindestanforderungen an den Eigenschutz der Soldaten« entspreche.

Das im Vergabeprozess erfolgreiche Unternehmen C. G. Haenel war im Jahr 2008 neu gegründet worden – der Namensgeber Carl Gottfried Haenel hatte bereits seit 1840 die industrielle Waffenfertigung in Suhl etabliert. Die ursprünglichen Haenel-Werke waren aber 1946 weitgehend demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion verbracht worden.

Als dritter Bieter hatte sich SIG Sauer in Eckernförde noch aus der laufenden Ausschreibung zurückgezogen und eine Ungleichbehandlung beklagt.

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