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Ade, Geisterspiele im Geiste

Von Gabriele Damtew
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7.500 zugelassene Hansa-Rostock-Anhänger heißen den VfB Stuttgart willkommen

»Unser Ziel ist, einstellig zu verlieren«, schärfte Trainer Jens Martens seinen Jungs von der Eintracht Norderstedt in der Halbzeitkabine ein. Da lag der Viertligist aus der Regionalliga Nord gegen Bundesligist Leverkusen schon 0:6 zurück. Eine durchaus realistische Ansage, die seine Spieler im Rahmen ihrer Möglichkeiten beherzigten. Sie verteidigten fortan ihren Strafraum mit Mann und Maus, am Ende stand es nur 0:7, woran, ehrlich gesagt, auch die klägliche Chancenverwertung der hochbezahlten Profis Anteil hatte.

Die Mär des DFB-Pokals, wonach für die Kleinen alles möglich wäre, erfüllte sich in den letzten Jahren fast nie. Wie auch? Pokalspiele sind ein Kampf mit ungleichen Mitteln. Die Großen haben inzwischen hinzugelernt und ihre Arroganz größtenteils abgelegt. Zudem sind in Zeiten von Corona die Prämienausschüttungen für die Pokalteilnahme auch bei vielen Bundesligisten fest im Etat eingeplant. Der bitterarme Deutsche Fußballbund sah sich sogar genötigt, diese Gelder zu kürzen, mit der Begründung, dass er den unteren Ligen immerhin jeweils 30.000 Euro für die Umsetzung der Hygienekonzepte zur Verfügung stellt. Allerdings hatten die meisten Underdogs trotzdem auf ihr Heimrecht verzichtet, denn es erfordert nicht nur Geld, sondern auch eine enorme logistische Leistung der zumeist Ehrenamtlichen, ihre Spielstätten coronasicher zu machen. Nebenbei hätte man als Gastgeber auch die Schiedsrichterteams bezahlen müssen.

Einige unterklassige Mannschaften nahmen ihr Heimrecht dennoch wahr und hielten zumindest mit. Fünftligist SV Todesfelde unterlag Zweitligist Osnabrück vor heimischer Tribüne (die Fans extra errichtet hatten) nur knapp mit 0:1. Der neue Viertligist Chemnitzer FC strauchelte vor über 3.000 Fans erst im Elfmeterschießen gegen die TSG Hoffenheim aus der Bundesliga. Tragischer Held war Christian Bickel, der in der Verlängerung erst die Führung schoss, den entscheidenden Elfmeter aber vergab. Auch Hansa Rostock aus der 3. Liga schlug sich im Ostseestadion tapfer gegen Bundesligaaufsteiger VfB Stuttgart (0:1). Die Schwaben verzweifelten fast an den Paraden von Torhüter Markus Kolke, zum Klang von 7.500 zugelassen singenden Hansa-Anhängern. Ade, Geisterspiele im Geiste.

Zwei Viertligisten dürfen jedoch weiterhin träumen. Der SSV Ulm machte gegen die eigentlich als kämpferisch bekannte Elf von Erzgebirge Aue (2. Liga) zwei Tore, ohne eines zu kassieren. Richtig peinlich wurde es für den FC St. Pauli, ebenfalls Vertreter der 2. Bundesliga, gegen den Viertligisten aus dem Saarland, die SV 07 Elversberg. Obgleich Pauli in Führung ging, hieß das Resultat am Ende 4:2, geschmeichelt für die Kiezkicker, da sie dem offensiven Kombinationsspiel wenig entgegenzusetzen hatten.

Schon amtlich: Für Hertha BSC wird es wieder kein Heimfinale im Pokal geben.

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