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Aus: Ausgabe vom 15.09.2020, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Die eigene Abstumpfung

Zeitenwende in Abu Ghraib: »Reich des Todes«, das neue Stück von Rainald Goetz, am Schauspielhaus Hamburg
Von Erik Zielke
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»Eindringliches Bildertheater« (Wolfgang Pregler und Anja Laïs)

»Die Kaputtheit zeigen«, darum geht es gegen Ende in Rainald Goetz’ neuem Theatertext. »Eine vergiftete Bösartigkeit im Blick auf die Welt als Resultat der Lebenserfahrung, ist das Zynismus oder Weisheit, Dummheit, Neonaivität? Wir wissen zu wenig, wie müssen mehr wissen.« So kann es wahrscheinlich nur dieser Autor ausdrücken, der sich als Enfant terrible der deutschsprachigen Literatur damit nach Jahren zurückmeldet. Die Zeit seines Verstummens hat vor Augen geführt, dass Literatur und Literaturbetrieb einen wie ihn wohl weitaus nötiger haben als er sie.

Psychiatrie, Rote Armee Fraktion, schonungslose Beschreibungen der Gegenwart – das ist der Stoff für Goetz’ Schreiben. 2012 legte er mit »Johann Holtrop« seinen bisher letzten Roman vor. Nach »Jeff Koons« (1999) wurde kein Goetzsches Bühnenwerk mehr uraufgeführt. Nun liegt – zur Überraschung vieler – ein neuer Text des Meisters vor: »Reich des Todes« lautet der Titel, geschrieben für das Theater.

Karin Baier, Intendantin des Hamburger Schauspielhauses und Regisseurin der Uraufführung, hat für das monumentale Werk das große Besteck herausgeholt. Die gigantische Bühne ist gut gefüllt. Tänzer und Musiker haben ihre Auftritte. Stumme Bild- und Videoprojektionen werden fast nahtlos in das Bühnengeschehen eingewoben. Monolithische Textbrocken wechseln mit Schlagabtauschdialogen. Auf szenische Übertragungen, die das Grundthema Folter bildhaft erfassbar machen, folgen clowneske Einlagen. Überhaupt gelingt es der Regie, dem starken, wortreichen Text ein ebenso eindringliches Bildertheater gegenüberzustellen. Besonders aber tobt sich ein virtuoses, vielköpfiges Schauspielensemble aus, vor allem Sebastian Blomberg ist hier zu nennen, der den ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney und dessen Alter Ego Silch mimt.

Termin der Uraufführung war Freitag, der 11. September. »9/11« ist der Ausgangspunkt dieses Stücks Theaterliteratur, war es vielleicht auch für Goetz’ Beschäftigung mit der Politik der Gegenwart überhaupt. Der Autor, promovierter Historiker und Psychiater, versteht sich zum einen als Chronist einer Zeitenwende, die vom demokratiefeindlichen Willen zur absoluten Macht gekennzeichnet ist. Zum anderen beleuchtet Goetz facettenreich das Foltern, wie es nach Maßgabe Washingtons in beispielhafter Brutalität im Gefängnis Abu Ghraib praktiziert wurde. Wer welchen Grund hat, Menschen menschenunwürdiges anzutun, ist die wiederkehrende Leitfrage in Text und Inszenierung.

Goetz lässt das machthabende Personal aus den USA unter Namen wie Grotten, Frau von Ade, Roon auftreten. Chiffren, die keine sind, weil der geneigte Zuschauer die Bezeichneten auf Anhieb benennen kann. Überhaupt wird hier Bekanntes literarisch aufbereitet. Wozu, mag man fragen. Mit dem Text vollzieht das Publikum Denkbewegungen nach, setzt sich Abgründen der Täterschaft aus. Das Theatererlebnis ist ein ständiger Kampf mit dem Gegenstand. Die politische Entscheidung, foltern zu lassen, die Ausführung – manifestiert durch projizierte Bilder und das Nachspielen bekannter Szenen – und das Schreien auf der Bühne sind Zumutungen. Eine Überforderung des Zuschauers auch, die eigene Abstumpfung während des mehr als vier Stunden währenden Spektakels zu bemerken. Doch plötzlich entwickelt sich aus der Zähigkeit des Bühnengeschehens, das spätestens nach der Pause qualvoll wird, eine unfassbare Energie. Das Ensemble findet noch mal zusammen zu einem mitreißenden Chor, der mit Informationen überladene Text mündet in einen sprachgewaltigen Essay und Goetz dringt zum Publikum durch als großer Zweifler ohne Scheu.

Nächste Vorstellungen: 19.9., 2., 15. und 30.10., Schauspielhaus Hamburg

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