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Aus: Ausgabe vom 15.09.2020, Seite 5 / Inland
Einkommensentwicklung

Im Konkurrenzkampf

Lohnunterschiede zwischen Gering- und Gutverdienern leicht gesunken, aber immer noch hoch. Frauen und Ostdeutsche bleiben benachteiligt
Von Susan Bonath
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Von Lohngleichheit zwischen Ost und West und zwischen den Geschlechtern kann hierzulande weiterhin keine Rede sein

Wer in Vollzeit für Mindestlohn schuftet, schafft es derzeit gerade auf ein Monatsbrutto von rund 1.600 Euro. Dennoch wirke das politische Instrument, konstatierte das Statistische Bundesamt am Montag. Dessen neuen Analysen zufolge verkleinerten sich die Lohnunterschiede in Deutschland zwischen gut und gering verdienenden abhängig Beschäftigten in den letzten Jahren minimal. Danach kamen erstere im Jahr 2014 durchschnittlich auf fast das Dreieinhalbfache des Einkommens von Niedriglöhnern. Vier Jahre später erzielten sie im Mittel das 3,27fache, wie die Statistiker feststellten. Die gesetzliche Lohnuntergrenze von derzeit 9,35 Euro pro Stunde habe maßgeblich dazu beigetragen.

Den Daten zufolge verringerte sich die Lohndifferenz zwischen oben und unten im Ostteil des Landes stärker als im Westteil. So erzielten Gutverdiener in den alten Bundesländern vor zwei Jahren immer noch 3,3mal höhere Gehälter als Armutslöhner, was ein Gefälle um Faktor 0,2 binnen vier Jahren ausmachte. In den neueren Bundesländern bekamen sie 2,8mal soviel, hier betrug der Faktor der positiven Angleichung 0,5. Allerdings liegt das Lohngefüge in Ostdeutschland insgesamt noch immer um rund 17 Prozent niedriger als im Westen, wie die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung vergangenes Jahr errechnet hatte.

Dennoch: 30 Jahre nach dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik beobachten die Statistiker eine schleichende Annäherung der kapitalistischen Verhältnisse in Ost und West. Während 2018 in den neuen Bundesländern 29,1 Prozent der abhängig Beschäftigten im Niedriglohnsektor malochten, betraf dies in den alten Ländern jeden fünften. Vier Jahre zuvor fiel der Unterschied drastischer aus: Im Osten verdienten damals 34,5 Prozent der Lohnarbeiter weniger als zwei Drittel des Medianeinkommens, im Westen 19,3 Prozent.

Und noch etwas geht aus den Daten der Behörde hervor: Diesen zufolge ist der Hochlohnbereich mit 22,3 Prozent in Westdeutschland doppelt so groß wie im Ostteil des Landes (11,2 Prozent). In den Bereich der Geringverdiener ordneten die Analysten alle Beschäftigten ein, die einen Bruttoverdienst von weniger als elf Euro pro Stunde hatten. Im Schnitt hätten diese 9,71 Euro erzielt, heißt es. Für die Gutverdiener ermittelten sie für das vorvergangene Jahr ein durchschnittliches Bruttoeinkommen von 31,76 Euro für jede Arbeitsstunde.

Nach wie vor sind Frauen am stärksten von niedrigen Löhnen betroffen. Die strukturelle Ungleichheit hat sich im Westen besonders verfestigt, wie eine neue Studie der Hans-Böckler-Stiftung aufzeigt, die am heutigen Dienstag veröffentlicht werden soll. Dort verdienten Frauen im Schnitt zuletzt noch immer 21 Prozent weniger als Männer. »Der Abstand ist damit dreimal so hoch wie in den neuen Ländern«, resümierten die Autoren. Im Westen sind Frauen demnach weiterhin stärker strukturell benachteiligt. Gründe dafür seien mangelnde Möglichkeiten für eine Ganztagsbetreuung der Kinder und überlieferte Rollenmuster. Außerdem arbeitet fast die Hälfte aller erwerbstätigen Frauen im Westen der Studie zufolge in Teilzeit, im Osten sind es knapp 35 Prozent.

Zwar hätten Frauen in den vergangenen Jahrzehnten gegenüber Männern aufgeholt, sagte Studienautorin Aline Zucco am Montag der Nachrichtenagentur dpa. »Dennoch bleibt die durchschnittliche berufliche, wirtschaftliche und soziale Situation von Frauen in beiden Landesteilen weiterhin schlechter als die von Männern«, betonte sie.

Zudem dürften die Coronamaßnahmen auf dem Weg zu Geschlechtergerechtigkeit einen deutlichen Rückschlag bedeuten. Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Böckler-Stiftung hatte schon im Mai vor einem Rückfall in patriarchale Rollenverhältnisse gewarnt. WSI-Forscher hatten knapp 8.000 Erwerbstätige befragt. Demnach trugen Mütter die Hauptlast zur Zeit der Schließungen von Schulen und Kindertagesstätten. Mehr als ein Viertel aller Frauen, aber nur jeder sechste Mann, hätte die Arbeitszeit reduziert, um die Kinder betreuen und beschulen zu können.

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