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Aus: Ausgabe vom 15.09.2020, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Worum es bei dem Wirbel geht

Vom Schluchzen zum Orgasmus: »Der Herr der Krähen« am Jugendtheater in Berlin-Spandau
Von Katrin Lange
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»Es ist ihr gemeinsames Ding, das sie hier über die Rampe bringen«

Aburiria, ein fiktiver Staat in Afrika. Ein gigantomanisches Bauprojekt, finanziert durch riesige Kredite, soll Glück und Wohlstand sichern. Horden gerissener Unternehmer stürmen den Regierungssitz, um die Beamten des Herrschers zu schmieren und sich vom erhofften Geldsegen ihren Teil zu sichern; ins Land zurückkehrende Hochschulabsolventen erfahren, dass es für sie keine Arbeit gibt. Der Roman »Herr der Krähen« (2006, dt. 2011) des kenianischen Schriftstellers Ngugi wa Thiong’o gilt als eine der bedeutendsten Gesellschaftssatiren der jüngeren Vergangenheit. Die abstrus überzeichnete Herrscherfigur und ihr nutznießendes Gefolge stehen für eine Elite, die ihre nach Abzug der europäischen Kolonialisten gewonnene Macht zu hemmungsloser Bereicherung ausnutzt, die Bevölkerungsmehrheit dabei dem Elend überlässt.

Der Roman geht weit über Afrika hinaus; in phantastischer Verfremdung liefert er Bilder vom Verhalten der Menschen in Diktaturen, von Hoffnungen, von Niederlagen. Ein unbändiges Panoptikum mit einem schrägen Helden, einem Wissenschaftler, der dank einer Verkettung von Zufällen von der Armutsbevölkerung als Wunderheiler verehrt wird.

Und so was soll auf dem Theater gehen? Ja, fanden die Laien der Jugendtheaterwerkstatt Berlin-Spandau, die in den vergangenen Jahren unter der künstlerischen Leitung des Regisseurs Carlos Manuel schon einige interessante Aufführungen zustande gebracht haben. Das Domizil der Truppe am westlichen Stadtrand – mitten in einer braven Einfamilienhaussiedlung – kontrastiert sonderbar mit der grotesken Endzeitfarce, die da über die Bühne, durch den Garten, aufs Dach und zurück in den Saal tobt. Des öfteren erschließt sich das Geschehen nur mühsam – was wohl auch an der gemeinsam erarbeiteten Textfassung liegt. Romanauszüge werden zu Sprechchören oder Monologen; die Entwicklung von Figuren oder Szenen bleibt schlaglichtartig. Das hat seine Tücken. Ein merkwürdiger Überdruck entsteht, es wird viel geschrien, ein Hauch von Oratorium oder auch von Agitprop weht durchs Haus, anstrengend zuzuhören … Aber dann: Tänze, mal wild, rauh, mal diszipliniert. Gestalten in krachend farbigen, alptraumhaften Kostümen in wohlgeordnetem Chaos, raumgreifende, unablässige Bewegung auf der Bühne – beachtlich.

Dennoch ist die Aufführung am stärksten in den wenigen stillen Szenen. Beispiel: Thema Verrat und Denunziation, ein ältliches Ehepaar – ein Mann spielt die Frau, eine Frau den Mann – bricht nach einer Gewaltorgie in Tränen aus. Gelangt (auf Corona-Abstand von drei Metern!) vom Schluchzen zum Orgasmus. Und bestaunt schließlich miteinander ein wunderbar farbiges Gemälde vom friedlichen Leben, das als Dekorationsteil gerade in die Szene gedreht wurde. Momente dieser Art erfordern Mut von Regie und Darstellern. Auch von den Zuschauern, zu begreifen, worum es bei dem Wirbel geht, um die Zerstörung von Menschen unter repressiven Bedingungen. Und um Widerstand.

Dieser Theaterabend lebt – seltsam genug – sehr davon, dass die Darsteller keine Profis sind. Von ihrer Spielfreude, ihrer fröhlichen Entschlossenheit, die eigene Sache zu verhandeln. Auffällig und sympathisch ist, dass sich von dem guten Dutzend nicht einer in den Vordergrund spielt, nein, es ist ihr gemeinsames Ding, das sie hier vertreten. Und so steckt im Willen, dieses Anliegen rüberzubringen über die Rampe, schon etwas von der Erfindung des Theaters. Was um so mehr berührt, da gegenwärtig die Existenz des Mediums – es lebt vom Zusammenkommen von Menschen – auf dem Spiel steht.

Nächste Aufführunggen: 18. u. 19. September, 19 Uhr, 20. September, 16 Uhr, Jtw Spandau, Gelsenkircher Str. 20, 13583 Berlin, Eintritt frei

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