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Aus: Ausgabe vom 08.09.2020, Seite 12 / Thema
Frankreich

Hirntote NATO

Emmanuel Macron kritisiert das nordatlantische Bündnis deutlich. Hintergrund ist das eigene imperialistische Ziel eines Europas unter Frankreichs Führung
Von Theo Wentzke
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Unter Macrons Führung marschiert französisches Militär für expansionistische Ziele. Paraden mit fortschrittlichem Sinn – wie hier am 6.6.2019 zum 75. Jahrestag der Landung in der Normandie – sind die Ausnahme

Emmanuel Macrons Interview mit dem Economist am 21. Oktober 2019 im Élysée-Palast über den Zustand des NATO-Bündnisses hat für Aufsehen gesorgt. Speziell dank seines Statements: »Ich möchte hinzufügen, dass wir irgendwann eine Bilanz der NATO ziehen müssen. Meiner Meinung nach erleben wir derzeit den Hirntod der NATO. Wir müssen das deutlich sagen.«¹

Der Präsident Frankreichs hat nicht nur seine damaligen Interviewpartner überrascht, die dieses Statement als eine »fast existentielle Bemerkung über die Zukunft Europas« aufgefasst haben. Auch bei seinen europäischen Partnern, vor allem Deutschland, hat Macron mit seinen Äußerungen über das transatlantische Bündnis für allerhand Aufregung gesorgt. Die Geringschätzung des US-Präsidenten für dieses Bündnis quittiert Macron – in auffälligem Unterschied zu seiner deutschen Amtskollegin – keineswegs mit Betroffenheit über den Verlust sicherheitspolitischer Verlässlichkeit oder mit tiefem Bedauern oder Vorwürfen wegen dieser hoffentlich nicht endgültigen Fehlentscheidung einer erratischen Führungsfigur des mächtigsten Militärbündnisses der Welt, wie man in Berlin Trumps Anwendung des Prinzips »America first!« auf die NATO zu kommentieren pflegt. Statt, wie seine deutsche Kollegin in defensives Jammern über die neue Generallinie der USA zu verfallen, erblickt der aktuelle Sachwalter des französischen Imperialismus in der neuen Stellung der USA zur NATO einen »Weckruf«, nämlich für das europäische Bündnis: »Die Instabilität unseres amerikanischen Partners und die wachsenden Spannungen haben dazu geführt, dass sich die Idee der europäischen Verteidigung allmählich durchsetzt. Es ist das Aggiornamento (ital.: auf den Tag bringen/an heutige Verhältnisse anpassen; jW) für ein mächtiges und strategisches Europa.«

Macron lässt also keinen Zweifel daran, worauf seine kritischen Äußerungen über die »Instabilität unseres Partners« zielen und worauf nicht: Er beabsichtigt jedenfalls nicht, auf den US-amerikanischen »Partner« im Sinne einer Korrektur von dessen Linie einzuwirken; die hakt Macron als nicht mehr zu ändernde Realität ab, die er seinem Präsidentenkollegen streng genommen noch nicht einmal übel nehmen kann. Macrons zusammenfassender Kommentar zu Trumps Absagen an überkommene Bündnisverpflichtungen der USA lautet schlicht: »Er konstatiert einen Fakt«. Er konzediert seinem US-Konterpart dessen nationalen Egoismus sogar als sein gutes Recht: »Das ist vollkommen legitim vom Standpunkt eines Präsidenten der Vereinigten Staaten.«

Egal, wie ehrlich oder geheuchelt Macron die konzessive Geste in Richtung Trump meint, die diesem das, was er sowieso machtvoll und ohne jede Rücksicht auf französische oder sonstige europäische Beurteilungen äußert und unternimmt, als »legitim« zubilligt – die eigentlichen Adressaten von Macrons Beschwerden über den Zustand der NATO und die Politik ihrer Führungsmacht sind Frankreichs europäische Alliierte. Denen kommt er mit einer – weit über die ganz aktuelle US-amerikanische Politik hinausgehenden – »Bilanz der NATO«, an der vor allem eines auffällt: Sie gibt der Sache nach lauter Auskünfte über den Standpunkt des französischen Imperialismus – seine Reichweite, sein Selbstverständnis, seine To-do-Liste und seinen Blick auf die europäischen Partner.

NATO als US-Gehilfe

Macron erklärt sich nicht nur unzufrieden damit, dass »wir einen amerikanischen Verbündeten haben, der uns in strategischen Fragen so schnell den Rücken kehrt«. Gerade dann, wenn er feststellen muss, dass umgekehrt die derzeitigen US-Strategen den Apparat und das europäische Gelände des NATO-Bündnisses für ihre einseitig beschlossene Kriegsplanung gegenüber ihrem strategischen Rivalen Russland in Beschlag nehmen, sieht er darin eine unerträgliche Gefährdung und Entmündigung der europäischen Nationen: »Seit Anfang der 2000er Jahre ist die gesamte Sicherheitsarchitektur in Europa, die nach 1945 während des Kalten Kriegs nur mühsam zu errichten war, nach und nach zerbrochen und dann Stein für Stein bewusst demontiert worden. Nach dem Stillstand der Verhandlungen über konventionelle Waffen ist das Ende des INF-Vertrags (Intermediate Range Nuclear Forces Treaty, ein Abrüstungsvertrag zwischen den USA und der UdSSR/Russland; jW) im Jahr 2019 ein Symbol für diesen Zerfall. Die Europäer müssen sich nun gemeinsam darüber bewusst werden, dass sie sich in Ermangelung eines rechtlichen Rahmens schnell der Wiederaufnahme eines konventionellen oder sogar nuklearen Wettrüstens auf ihrem Boden ausgesetzt sehen könnten. Sie können sich nun nicht auf eine Zuschauerrolle beschränken. Es wäre nicht hinnehmbar, wieder zum Schauplatz einer Konfrontation zwischen außereuropäischen Atommächten zu werden. (…) Wir stehen vor der Wahl, ob wir unser Schicksal in die eigenen Hände nehmen oder uns unter Verzicht auf eine eigene Strategie in die Hände irgendeiner anderen Macht begeben wollen.« (Macron, Rede vor der Pariser Militärakademie »École de Guerre«, 7.2.2020)

In der Kriegsplanung der USA gegen Russland inklusive der Kündigung der diversen Rüstungsabkommen mit Russland – vom INF-Vertrag über den »Open Skies«-Vertrag bis hin zur erwarteten Kündigung des »New Start«-Abkommens – sieht Macron einen existentiellen Angriff auf die Staaten Europas. Interessant ist, was genau Macron daran seinen Militärs und dem Rest der Welt als »nicht hinnehmbar« präsentiert: An der Perspektive, »wieder zum Schauplatz einer Konfrontation« mit atomarem Vernichtungspotential zu werden, findet Macron den Umstand entscheidend und entschieden katastrophal, dass es sich um ein Szenario handelt, dessen Subjekte »außereuropäische Atommächte« sind, so dass die europäischen auf eine bloße »Zuschauerrolle« degradiert sind.

Diese Charakterisierung der neuen wie alten Konfrontationen zwischen den USA und dem sowjetischen bzw. postsowjetischen Russland – die eine, vom Standpunkt deutscher Westbündnistreue aus betrachtet, geradezu schockierende Äquidistanz zu den besagten »außereuropäischen Atommächten« einschließt – führt dann ganz automatisch zu der Konsequenz, von der her sie gedacht ist: Die Betroffenheit europäischer (Front)Staaten von ihrer Instrumentalisierung seitens außereuropäischer Mächte, denen womöglich »sogar nukleare« Kriegführung samt einer möglichen nuklearen Verwüstung durch auswärtige Kriegsgegner droht, spricht für die Besinnung der Nationen der Europäischen Union auf ihre Souveränität auch und gerade in den entscheidenden Fragen der Kriegführung, insbesondere auf dem höchsten nuklearen Niveau. Als Oberkommandierender der autonomen französischen Nuklearstreitmacht stört sich Macron eben nicht an irgendwelchen Nuklearkriegsszenarien überhaupt, sondern an der Fremdbestimmung, die ihm in dieser Hinsicht vor Augen steht. Von diesem Standpunkt aus ist eine »eigene Strategie« der Europäer die einzige und quasi natürliche Konsequenz, die der Chef der ­­französischen Atommacht seinen EU-Partnern präsentiert, die sie als doch wohl auch auf ihre Selbstbehauptung bedachte Staaten der gegenwärtigen Lage entnehmen ­­müssten: Europa muss sein »Schicksal in die eigenen Hände nehmen« und »die Sicherheitsarchitektur in Europa« selbst bestimmen, wobei dann die französische Atomstreitmacht endlich die ihr angemessene Rolle im Kräfteverhältnis aller anderen großen Mächte spielt.

Russland einschätzen

Diese von jedem falschen, eigentlich noch nie und nun erst recht nicht mehr vernünftigen Bündnisdogma befreite Perspektive auf die Konfrontation der – für Europas machtvolle Selbstbestimmung gleichermaßen bedrohlich »außereuropäischen« – Amerikaner und Russen öffnet dann auch den Blick auf die Unterschiede zwischen diesen beiden Mächten, die sich ergeben, wenn man sie konsequent vom Standpunkt Europas aus begutachtet, den Macron für sich und Frankreich reklamiert: Die USA erscheinen aus dieser Perspektive nicht als machtvoller Bündnispartner, den es braucht, um die von Russland ausgehende Gefahr auszuhalten und abzuwehren, sondern als diejenige Macht, die diesen für Europa nicht auszuhaltenden Gefährdungszustand durch ihre Konfrontationspolitik überhaupt erst herbeiführt. Denn von Europa aus gibt es laut Macron heutzutage, nach dem Sieg der NATO über den Warschauer Vertrag, für eine solche Konfrontation überhaupt keinen guten, strategisch triftigen Grund: »Die NATO wurde als Reaktion auf einen Feind entworfen: den Warschauer Pakt. 1990 haben wir dieses geopolitische Projekt nicht im geringsten neu bewertet, als unser ursprünglicher Feind verschwand. Die unausgesprochene Annahme ist, dass der Feind immer noch Russland ist (...) Ich schaue auf Russland und frage mich, welche strategischen Entscheidungen es hat? (...) Ein Land mit dem gleichen BIP wie Spanien. Das im Sturmschritt aufrüstet, mehr als jedes andere europäische Land (...). Und aus meiner Sicht ist dieses Modell nicht nachhaltig. Russland ist in eine Übermilitarisierung verstrickt, in eine Konfliktmultiplikation, hat jedoch seine eigenen internen Probleme: Demographie, Wirtschaft usw. Was sind also seine strategischen Optionen? Eine Möglichkeit besteht darin, sich selbst wieder als Supermacht aufzubauen. Das wird extrem schwierig sein. (…) Ich glaube nicht viel an diese eigenständige Option. Ein zweiter Weg, den Russland hätte gehen können, ist das eurasische Modell. Nur, dass es schon ein dominierendes Land dort gibt, nämlich China, und ich glaube nicht, dass dieses Modell jemals ausgewogen sein würde. (...) Welche anderen Optionen hat er (Putin; T. W.) noch? Wiederherstellung einer Politik des Gleichgewichts mit Europa. Respektiert werden. Er ist fest entschlossen zu denken: ›Europa war der Vasall der Vereinigten Staaten, die Europäische Union ist eine Art Trojanisches Pferd für die NATO, es ging bei der NATO um die Expansion bis an meine Grenzen.‹ (...) Sein Konservatismus veranlasste ihn, ein antieuropäisches Projekt zu entwickeln, aber ich sehe nicht, dass sein Projekt auf lange Sicht etwas anderes als ein Partnerschaftsprojekt mit Europa werden kann.«

Macron versetzt sich, gewissermaßen von Großmachtführer zu Großmachtführer, in die imperialistischen Kalkulationen des Chefs der östlichen Großmacht hinein und wägt stellvertretend für Putin deren »strategische Optionen« ab. Worauf er dann kommt, verrät zwar nichts über Standpunkt und Kalkulationen der russischen Macht, dafür um so mehr über die französische Sichtweise auf sie: Diese als Feind zu behandeln hat sich längst überholt! Ein Russland, das wirtschaftlich nicht mehr zu bieten hat als Spanien, das zu einem Wettrüsten mit der Supermacht USA mangels ökonomischem Unterbau gemäß Macrons Expertise gar nicht in der Lage ist, das – so viel Anspruchsdenken konzediert er den Russen allemal – doch sicher auch nicht zum Juniorpartner Chinas werden möchte, das hat, vom Standpunkt eines ausgewiesenen Experten für imperialistische Kräfteverhältnisse aus gesehen, gar keine andere Wahl, als »ein Partnerschaftsprojekt mit Europa« einzugehen. Mit diesem Aperçu über russische Kalkulations- und Handlungsmöglichkeiten spricht Macron vor allem seine europäischen Partner an. Die europäischen Sicherheitspolitiker sollen sich von ihrem strategischen Vordenker Macron gesagt sein lassen: Statt sich von den USA für eine gefährliche Feindschaft mit Russland einspannen zu lassen, muss und kann sich Europa die Freiheit nehmen, mit Russland ganz nach eigenen Kalkulationen zu verkehren.

Frankreichs »Hinterhof«

Vom gleichen Maßstab der Brauchbarkeit für französische Interessen ist die zweite Abteilung von Macrons »Bilanz der NATO« getragen. Diese gilt der Beurteilung des Nutzens des Bündnisses für die Auswärtsspiele von Frankreichs Militär, die über die europäische Heimatfront und deren eventuelle Gefährdung immer schon ziemlich weit hinausgegangen sind. Die einschlägigen Interessen Frankreichs umfassen in erster Instanz die Gegenküste Europas: das Mittelmeer in seiner Eigenschaft als »Mare Nostrum« (unser Meer; jW) mitsamt seinem ganzen nah- und mittelöstlichen Hinterland. Darüber hat Macron mit dem US-Präsidenten gesprochen, um die Brauchbarkeit der USA für die französische Machtprojektion auszuloten. Er vermeldet folgendes Ergebnis: »In meinen Gesprächen mit Präsident Trump sagte er: ›Es ist eure Nachbarschaft, nicht meine.‹ Wenn er öffentlich erklärt: ›Die Terroristen, die Dschihadisten, die da drüben sind, die sind Europäer, keine Amerikaner‹, wenn er sagt: ›Es ist ihr Problem, nicht meins‹, müssen wir verstehen, was er sagt. Er benennt ein Faktum: Es bedeutet einfach: Ich bin nicht länger bereit zu dem, was der NATO bis dahin zugrunde lag, nämlich ein Sicherheitssystem für sie zu bezahlen und zu garantieren; es ist ein Weckruf.«

Der »Weckruf«, den Macron vernommen haben will, belegt für ihn die Notwendigkeit einer autonomen Sicherheitspolitik auch im Bereich der sehr ausgreifend definierten französisch-europäischen Interessensphäre ums Mare Nostrum herum, die Trump der »Nachbarschaft« seines Kollegen aus Paris überstellt. Wiederum schenkt Macron sich eine Klage über dank Trump verlorengegangene Potenzen für eigenen Einfluss. Frankreich hat schließlich nicht nur mit Waffenlieferungen, sondern auch mit der eigenständigen Eröffnung von und tatkräftigem Mitwirken bei den vielen blutigen Gemetzeln von Syrien bis tief nach Afrika bereits gezeigt, dass es eine militärische Macht ist, die gewillt ist, mit ihren Potenzen die dortige Staatenwelt auf ihre Funktion als Mittel französischer Macht festzulegen. Und wo Frankreich in dieser Hinsicht etwas vermisst, legt es dies den Objekten seiner Anspruchshaltung als mangelnde Unterordnung zur Last; ein Verdikt, das durchaus das Zeug dazu hat, von Frankreich als Kriegsgrund und -fall behandelt zu werden.

Immer schon stehen diese Aktionen auch für das strategische Programm, auf das Frankreich seine werten europäischen Partner ausrichten will: Es ist die berufene Macht, den erweiterten Mittelmeerraum als europäischen Hinterhof zu erschließen und sich mit der Rückendeckung durch die ganze EU dort als die führende Ordnungsmacht festzusetzen. Macron beruft sich für den Standpunkt, den er als imperialistischer Aktivist ohnehin hat, auf seinen Kollegen im Weißen Haus, von dem er sich darauf hinweisen lässt, was auf der imperialistischen Tagesordnung steht: statt auf die sowieso schon immer unzuverlässige Bündnisvormacht ganz auf die eigene Stärke zu bauen und diese Stärke zu potenzieren durch den Zugriff auf Mittel, die Frankreichs europäische Bündnispartner liefern sollen.

Syrien-Konflikt

Am Fall Syrien ist Macron aufgefallen: »Präsident Obama (...) zog sich aus dem Nahen Osten zurück und sagte: ›Dies ist nicht länger meine Politik von Nachbarschaft.‹ Aber das hat dann ein Problem und eine Schwäche geschaffen: die Krise von 2013/2014, das Versäumnis, als Reaktion auf den Einsatz chemischer Waffen in Syrien einzugreifen, was bereits die erste Phase des Zusammenbruchs des Westblocks war. Denn zu diesem Zeitpunkt sagten sich die großen Regionalmächte: ›Der Westen ist schwach.‹«

Die »Syrien-Frage«, nämlich die Frage, ob sich Assad noch länger an der Macht halten darf und kann, hatte Frankreich seit 2011 zum Gegenstand seiner Mittelmeerpolitik gemacht, hatte als erster westlicher Staat offiziell die Parole ausgegeben: »Assad muss weg!«, und seitdem versucht, einen bestimmenden Einfluss auf das international gesponserte Gemetzel zur Entmachtung Assads und damit auf die Perspektive für ein »Syrien nach Assad« zu bekommen. Eine sachgerechte Sondergelegenheit für diese Ambition hat Frankreich dann in dem zwischenzeitlichen Höhepunkt eines Massakers gefunden: Anlässlich eines Giftgaseinsatzes hat es sich gegenüber den »from behind« agierenden USA als Scharfmacher versucht, nämlich darauf gedrängt, die inkriminierte Verletzung der von Obama offiziell gezogenen »roten Linie« – »Einsatz von Massenvernichtungsmitteln gegen die eigene Bevölkerung« – durch eine gemeinsame Aktion von Frankreich, Großbritannien und den USA zu ahnden. Dem ist Obama nicht gefolgt. Washington stellte klar, dass es dann, wenn es eine Strafaktion verfügt, diese sich schuldig ist und nicht seinen Bündnispartnern.³

Für Macron ist dieser Fall von brüskierender Zurückweisung einer französischen Kriegsausweitungsinitiative viel mehr als nur ein Rückschlag in der Konkurrenz der Ordnungsmächte, den Frankreich da eingesteckt hat, nämlich nicht weniger als »die erste Phase des Zusammenbruchs des Westblocks«. Das »Versäumnis«, militärisch stärker zuzulangen, stilisiert er zu einem großen Schadensfall für dieses imperialistische Kollektiv, dem er sich in diesem Fall offensichtlich eigens zu dem Zweck zuordnet, dessen Brauchbarkeit für seine französische Machtprojektion anzuzweifeln: Er will dem »Westblock« – zum Nachteil Frankreichs – eine von seiner Führungsmacht verschuldete folgenreiche Schwäche nachsagen, die über den syrischen Schauplatz weit hinausreicht, nämlich wie eine generelle Aufforderung an »die großen Regionalmächte« wirkt, die echten Aufsichtsmächte der Region für schwächlich zu befinden und herauszufordern.

Türkei

Der NATO-Partner Türkei ist die prominenteste unter diesen »großen Regionalmächten«, die laut Macron »den Westen schwach« finden. Für ihn besagt das soviel wie: Die eigentlich zuständige Macht für die »Region« dort ist Frankreich mit der EU im Rücken. Die weist auch der Türkei den untergeordneten Status zu, der ihr in der Hierarchie der Mächte vor Ort zusteht. Dafür beansprucht Frankreich die NATO, der es die Aufgabe zuweist, innerhalb ihrer Hierarchie die Türkei auf ihren minderen Status festzulegen. Doch was muss Macron registrieren? Auch dafür erweist sich die NATO als unbrauchbar in dem Moment, in dem es darauf ankommt. Denn als die Türkei unter Recep Tayyip Erdogan Frankreich in dessen ureigener Interessensphäre als Ordnungsmacht über die südöstliche Mittelmeerregion herausfordert, legt die NATO-Vormacht diesem ­NATO-Unterchargen bei seinem Eindringen in Frankreichs Besitzstand keinerlei Zügel an, erweist sich also als kontraproduktiv für die Wahrung des französischen Status als Platzanweiser für die Staaten vor Ort: »Sehen Sie sich nur an, was gerade passiert. Im selben Teil der Welt gibt es gemeinsame Partner, und es gibt keinerlei Koordination von strategischen Entscheidungen zwischen den Vereinigten Staaten und ihren NATO-Verbündeten. Keine. Es gibt eine unkoordinierte aggressive Aktion eines anderen NATO-Verbündeten, der Türkei, in einem Gebiet, in dem unsere Interessen auf dem Spiel stehen. Es gab weder eine NATO-Planung noch eine Koordinierung. Es hat nicht einmal eine NATO-Konfliktentschärfung gegeben. (…) Was wir gesehen haben, weshalb ich über ›Hirntod‹ gesprochen habe, ist, dass die NATO als System ihre Mitglieder nicht reguliert. Sobald es also ein Mitglied gibt, das sich im von den Vereinigten Staaten gewährten Recht wähnt, allein vorzupreschen, macht es das. Und genau das ist passiert.«

Dass Trump den IS für erledigt erklärt und seine Truppen aus Syrien abzieht, nimmt Erdogan als Signal dafür, dass jetzt die Gelegenheit da ist, um das Kurdenproblem der Türkei militant endgültig zu lösen – und zwar so weit jenseits der eigenen Grenzen, wie ihr Führer dieses Problem und überhaupt die Rechte der Türkei auf sichere, also kontrolliert botmäßige Nachbarschaft definiert. Dafür bekämpft die türkische Armee unter anderem eine von syrischen Kurden dominierte Miliz, die für die westlichen Kriegsmächte einige Zeit die Funktion des nützlichen Idioten hat spielen dürfen und die von Frankreich aktiv unterstützt worden ist, sabotiert also Frankreichs Kriegführung dort. Das ist denn auch das einzig Interessante und Entscheidende an der türkischen »Aktion«: Sie spielt sich ab »in einem Gebiet, in dem unsere Interessen auf dem Spiel stehen«. Der französische Präsident bezieht die türkischen Kriegsmaßnahmen in Syrien auf Frankreich und definiert sie als klaren Fall von Insubordination eines Emporkömmlings gegen die rechtmäßige Aufsichtsmacht über diese Region – fertig ist die »aggressive Aktion«.

Zum Zeitpunkt seines Economist-Interviews konnte Macron die Fortsetzungen noch nicht kennen, die die türkische Regionalmachtoffensive seitdem genommen hat. Klar ist aber: Er findet sich davon in seinem Urteil bestätigt, dass die Türkei dringend die Zurückweisung ihres Räuberns im französisch-europäischen Hinterhof verdient. Die Türkei mischt sich in Konkurrenz zu Frankreich in den Machtkampf um Libyen ein: Sie unterstützt dort die zwar offiziell anerkannte, in französischer Sicht aber falsche Regierung; sie schließt mit dieser Abkommen zur Nutzung von Erdgasvorkommen im Mittelmeer, auf die die EU-Mitglieder Zypern und Griechenland im Verein mit Israel Ansprüche erheben; sie verschärft in diesem Zuge ihren Dauerkonflikt mit dem NATO- und EU-Mitglied Griechenland um Hoheitsrechte in der Ägäis. Und die Führungsmacht der NATO erklärt diese Sorte gewaltmäßig ausgetragener Konkurrenz ums Mare Nostrum »zuallererst« für eine »europäische« Angelegenheit, verweigert mithin Frankreich die Unterstützung für dessen imperialistische Ansprüche.

Für Macron kommt die ganze US- und sonstige Weltpolitik also einem Aufruf zu autonomer strategischer Machtentfaltung gleich, weil er erstens alles von diesem Standpunkt aus betrachtet und sich dafür zweitens auf die militärischen Potenzen und die längst gepflegte strategische Praxis Frankreichs berufen kann. Angesichts von so viel imperialistischer Selbstsicherheit steht fest, wofür Frankreich, das sich hier in Sachen Militanz quasi auf Augenhöhe mit den USA präsentiert, Europa braucht: um es für Frankreichs global ausgerichteten Imperialismus zu gebrauchen.

Anmerkungen

1 Alle nicht anders gekennzeichneten Zitate Macrons sind diesem Interview entnommen und vom Autor aus dem Englischen übersetzt

2 Vgl. dazu »Die Ukraine in Zeiten von Corona« in Gegenstandpunkt 2/2020

3 Näheres zu den imperialistischen Konkurrenzaffären, auf die ­Macron hier anspielt, ist nachzulesen im Artikel »Giftgas in ­Syrien – Die Weltführungsmacht statuiert ein Exempel ihrer Glaubwürdigkeit« in Gegenstandpunkt 4/2013

Mehr zum Thema in dem am 18. September erscheinenden Heft 3/2020 der Vierteljahrszeitschrift Gegenstandpunkt, zu beziehen unter: de.gegenstandpunkt.com

Theo Wentzke schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 30. Juli über die Coronapandemie und die Frage der Systemrelevanz von Konzernen.

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