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Aus: Ausgabe vom 14.09.2020, Seite 12 / Thema
Weimarer Republik

Der Paukenschlag

Aus der Reichstagswahl am 14. September 1930 gingen die Faschisten gestärkt hervor. Die Weimarer Republik stand vor einer Wende
Von Manfred Weißbecker
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Es wurde mit allen Mitteln um Stimmen gekämpft. Sogar Kranke wurden zu den Wahllokalen getragen, vor denen noch aggressiv geworben wurde (Berlin, 14.9.1930)

Vor 90 Jahren – zehn Jahre nach ihrer Gründung und drei Jahre vor der Machtübertragung an Adolf Hitler – gelingt jenen, die sich demagogisch als »nationalsozialistisch« bezeichnen und eine faschistische Diktatur anstreben, ein erster großer Erfolg: Nahezu sechseinhalb von 35 Millionen Wählern votieren für die NSDAP, darunter viele Neu- und bisherige Nichtwähler. Noch im Mai 1928 hatten sich nur rund 800.000 für sie entschieden. Jetzt erhöhte sich ihr Stimmenanteil auf 18,3 Prozent. Mit einem Schlag ist sie die zweitstärkste Partei. Sie verfügt nun über 107 Sitze im höchsten deutschen Parlament, 95 mehr als zuvor. Die größten Zugewinne kann sie in Nord- und Ostdeutschland verbuchen. In Schleswig-Holstein steigt ihr Anteil von vier sogar auf 27 Prozent. Auch in Ostpreußen, Pommern, in der Provinz Hannover und in Mecklenburg erreicht sie jeweils über 20 Prozent.

Herbe Verluste erlitt die rechtsliberale Deutsche Volkspartei (DVP), deren Anteil von 8,7 auf 4,5 Prozent zurückging. Die konservative Deutschnationale Volkspartei (DNVP) rutscht sogar von 14,2 auf 7,0 Prozent ab. Die SPD verliert 5,3 Prozentpunkte, obgleich sie mit 24,5 Prozent noch stärkste Partei bleibt. Die KPD kann sich um 2,5 Prozentpunkte verbessern und kommt auf 13,1 Prozent. Zusammen würden Sozialdemokraten und Kommunisten mehr als jeden dritten Wähler vertreten. Allein die großbürgerlich-katholische Zentrumspartei und die Bayerische Volkspartei (BVP) erhalten ihren Wählerstamm. Die Nazis jubeln und reden vom Zerfall des »Weimarer Systems«. Joseph Goebbels schreibt am Tag danach voller Stolz in sein Tagebuch, der Berliner Sportpalast, in dem gefeiert wird, gleiche einem »Irrenhaus«, und die SA trage ihn »auf den Schultern durch den Saal«.

Kurswechsel der Herrschenden

Das Wahlergebnis kam keineswegs so unerwartet, wie oft dargestellt wird. Es spiegelte das Bild einer tiefen Krise der ohnehin schon in sich zerrissenen und von der Weltwirtschaftskrise stark gebeutelten deutschen Gesellschaft. Die Weimarer Republik stand vor einer tiefgreifenden Wende. Mehr noch: Deutschland drohte einer politischen Katastrophe entgegenzugehen.

Das Wählervotum war vor allem Ausdruck und Ergebnis der Tatsache, dass in den Reihen der ökonomisch und politisch Mächtigen sich mehr und mehr radikale Kräfte durchzusetzen begannen und – die grassierende nationalistische Stimmung bei vielen Deutschen nutzend – Kurs auf eine andere Republik nahmen. Sie forderten nun nicht mehr allein rechtslastige Veränderungen der ungeliebten parlamentarischen Demokratie, sondern zielten auf deren Beseitigung. Ein sozialdemokratisches Mitregieren wurde zunehmend als überflüssig betrachtet, das rechte Lager weiter gestärkt.

Die 1928 nach den Regeln des Parlamentarismus entstandene Regierung einer großen Koalition, geleitet vom Sozialdemokraten Hermann Müller, war bereits Ende März 1930 durch ein allein auf den Reichspräsidenten eingeschworenes Kabinett ersetzt worden. Mit der Berufung des konservativen Zentrumspartei-Politikers Heinrich Brüning zum neuen Reichskanzler begann die Zeit autoritären Regierens, diktiert vom Bestreben, einen rigorosen Abbau der Sozialleistungen sowie neue Formen präsidialer Herrschaft durchzusetzen. Zur Bewältigung der Weltwirtschaftskrise dachte man an »Einsparungen«, und diese betrafen – wie unter kapitalistischen Verhältnissen nicht anders zu erwarten – in erster Linie die Ärmsten der Armen.

Um den Widerstand der Reichstagsmehrheit gegen Brünings Notverordnungen zu brechen, löste Reichspräsident Paul von Hindenburg am 18. Juli das Parlament auf. Dass danach die ohne Zustimmung gebliebenen Verordnungen in Kraft gesetzt wurden, kam einem Staatsstreich gleich, denn laut drittem Absatz des Artikels 48 der Verfassung war dies untersagt. Über den tatsächlichen Abbau der Weimarer Demokratie täuschte auch nicht die kaum ernst gemeinte Erklärung des Reichskanzlers hinweg, er wolle den Parlamentarismus nicht abschaffen, sondern ihn lediglich etwas verändern, um ihn zu »retten«. In der Realität wurden so aber neue Weichen zur Zerstörung der Weimarer Demokratie gestellt.

Zum erkennbaren politischen Kurswechsel gehörte auch ein unkritischer werdendes Verhältnis konservativer und rechtsliberaler Kräfte zu jener neuen Partei, die rechts von ihnen sich ganz offen den Kampf gegen alle Ergebnisse der Novemberrevolution, gegen die Weimarer Republik und für eine Revision der Ergebnisse des Ersten Weltkrieges auf ihre Fahnen schrieb. Es mehrte sich die Zahl der lokalen und regionalen Bündnisse rechter Organisationen mit den Nazis. Vor allem deren Aufnahme in die organisierten Reihen der Gegner des Young-Planes zur Regelung der umstrittenen Reparationsfrage hatte sie »salonfähig« gemacht. Den nationalistisch-antidemokratischen Parteien und Verbänden schien die faschistische NSDAP ein nützlicher Bündnispartner zu sein.

In der Annahme, dieser »Juniorpartner« könne an der Leine geführt werden, fühlten sich die Regierenden in keiner Weise von den wachsenden Erfolgen der Nazipartei bedroht. Dabei hatte diese bei der Landtagswahl in Thüringen vom 8. Dezember 1929 erstmalig die Zehn-Prozent-Hürde überspringen, bei Kommunalwahlen in Coburg sogar eine absolute Mehrheit erringen können. Bei den sächsischen Landtagswahlen vom 22. Juni 1930 waren ihr 240.000 Stimmen mehr zugefallen, womit sie einen Anteil von 14,4 Prozent erreichte, während für die KPD nur 11.000 Wähler mehr als zuvor votierten und die SPD sogar 54.000 verlor. Der wachsende Einfluss der Faschisten zeigte sich noch deutlicher an Universitäten und Hochschulen, ebenso an Gymnasien und Oberrealschulen. Die Nazipartei erntete, was die in ihrer Mehrheit konservative, teils stockreaktionäre, parteipolitisch zu einem guten Teil deutschnational orientierte Professoren- und Lehrerschaft mit nationalistischen, revanchistischen und rassistischen Ideen gesät hatte. 1929 erhielt der »NS-Studentenbund« an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg bei den Wahlen der Allgemeinen Studentenausschüsse 38 Prozent, an der Tierärztlichen Hochschule Berlin 30 Prozent der Stimmen. Ein Jahr später verbuchte er an ersterer sogar die Unterstützung von 66,6 Prozent und an der anderen von 50 Prozent der Wähler, abgejagt den konkurrierenden Rechtskräften und vor allem den waffentragenden Verbindungen.

Fehleinschätzung der Lage

Nach der Auflösung des Reichstages hatte ein erbitterter Wahlkampf begonnen. Die in der Regierung vertretenen Parteien gaben vor, gegen jeden Radikalismus auftreten zu wollen. Im Auge hatten sie indessen nur die beiden Arbeiterparteien. Zwar rechnete man auch mit einem gewissen Zuwachs für die NSDAP, doch der wurde als relativ klein und unerheblich eingeschätzt. In demagogischer Manier erklärte Brüning am 31. August 1930 in Trier, es könne keinem verantwortlichen deutschen Staatsmann in den Sinn kommen, das deutsche Volk »in Abenteuer irgendwelcher Art zu verstricken«.

Der Vorwurf des Abenteurertums richtete sich allerdings eher gegen parteipolitische Querelen in den eigenen Reihen. In der DNVP regte sich Widerstand gegen den Kurs des Parteivorsitzenden Alfred Hugenberg, dem die Zerstörung der Weimarer Demokratie nicht rasch und gründlich genug erfolgte. Er forderte in einer Wahlkampfrede am 14. August 1930, es müsse ein »Drittes Reich« kommen. Verfechter der Interessen der Großagrarindustrie und eines behutsameren antiparlamentarischen Weges sahen dadurch vor allem die »Osthilfe« gefährdet, mit der großagrarische Betriebe in den preußischen Provinzen jenseits der Elbe entschuldet und saniert werden sollten.

Von den 63 Abgeordneten der DNVP schieden unmittelbar nach der Auflösung des Reichstages 27 aus der Partei aus und gründeten am 23. Juli die Konservative Volkspartei (KVP). Vorbehalte gegen ein Bündnis mit der NSDAP richteten sich nicht gegen deren diktatorische und rassistische Positionen, sondern lediglich gegen deren »radikale agitatorische Überspitzung«. In diesem Sinne hoffte beispielsweise der KVP-Politiker Kuno Graf von Westarp auf eine »Gesundung der nationalsozialistischen Bewegung«. Auch in der DVP, die nach dem Tod ihres Vorsitzenden Gustav Stresemann entscheidend am Sturz der großen Koalition beteiligt war, zeigte sich die Parteiführung zerstritten. Ende Juli 1930 gab die Deutsche Demokratische Partei (DDP) bekannt, sie wandele sich gemeinsam mit einigen Gruppen aus dem Umfeld des Jungdeutschen Ordens zur Deutschen Staatspartei um – das Wort »demokratisch« verschwand schlicht und einfach aus ihrem Namen.

Je stärker die bürgerlichen Parteien mit sich selbst beschäftigt und die Regierung um die Durchsetzung der Notverordnungen bemüht waren, ließ man alle Gefahren außer acht, die von der erstarkenden NSDAP ausgingen. Die völlige Fehleinschätzung der politischen Lage zeigte sich auch im sorglosen Umgang mit einer Denkschrift, die 1929/30 im preußischen Innenministerium ausgearbeitet worden war und zu dem Ergebnis kam, die NSDAP sei eine »staats- und republikfeindliche, hochverräterische Verbindung«. Die Reichsregierung meinte jedoch zurückhaltend, sie könne sich zur Frage von deren Legalität oder Illegalität nicht äußern. Auf wirksame Aktionen gegen die Nazipartei hoffte man vergebens. Währenddessen bemühten das Zentrum und andere konservative Parteien sich vor allem darum, die beabsichtigten sozialpolitischen Maßnahmen so zu konkretisieren, dass ihren linken Gegnern kein »bedenklicher Agitationsstoff« geboten würde.

Brüning strebte ein Ermächtigungsgesetz an, da parlamentarische Mehrheiten für weitere Notverordnungen zwar notwendig, aber nicht zu erwarten waren. Auch an Wahlrechtsänderungen wurde im Kabinett gebastelt. Allein die Themen, die in den Ministergesprächen mehrfach zur Debatte standen, sprechen Bände: Osthilfe, Reform der Arbeitslosenversicherung und der Krankenversicherung, Maßnahmen zur »Verhütung unwirtschaftlicher Preisbindungen«, Einführung einer »Bürgersteuer«, Senkung der »Industriebelastung«, Erhöhung von Agrarzöllen, zum Beispiel des Erbsenzolls von vier auf 20 Mark, Handelsverträge und anderes. Im Kabinett hieß es mit dem Blick auf den Wahlkampf demagogisch: »Dieser ganze Verordnungsinhalt müsse gerechtfertigt werden mit der Devise (sic!): Aufrechterhaltung der Arbeitslosenversicherung und Maßnahmen zur Ermöglichung der Beschäftigung der Arbeitslosen.«

Warnende Stimmen vor dem, was ein Erfolg der NSDAP mit sich bringen würde, kamen vor allem aus den Reihen von SPD und KPD. Doch über die eigenen Anhänger hinaus wurden sie nur von wenigen vernommen. Beide Parteien sahen in den Hakenkreuzlern eine große Gefahr, mitunter jedoch nicht die größte. Sie warnten vor dem Faschismus und erreichten bei Demonstrationen unter dem Motto »Nie wieder Krieg«, zum Beispiel am 1. August 1930 in Berlin, mehrere zehntausend Menschen. Die Parteiveranstaltungen fanden allerdings getrennt statt, die der SPD im Lustgarten, die der KPD auf dem Winterfeldtplatz. Von antifaschistischer Gemeinsamkeit keine Spur, im Gegenteil: Beide nutzten jede Gelegenheit, sich gegenseitig zu beschuldigen. Da diffamierten die einen die anderen als »Sozialfaschisten«, jene wiederum die anderen als »rotlackierte Nazis«. Demokraten und Pazifisten, die wie Carl von Ossietzky in Die Weltbühne vom Februar 1930 den »Rotkoller« der Herrschenden erkannt hatten, zeigten sich vom realitätsfernen Verhalten der Arbeiterparteien enttäuscht. Auch nach der Wahl vom 14. September 1930 änderte sich daran kaum etwas – es gab eine Reihe falscher Urteile zu deren Ergebnissen.

Die Drachensaat geht auf

Die Auflösung des Reichstages war niemandem gelegener gekommen als den Nazis. Man werde, so verkündete Hitler am 2. August in einem Artikel des Illustrierten Beobachters mit dem Titel »An der Wende des deutschen Schicksals«, ein Vielfaches gegenüber der bisherigen Zahl an Stimmen erhalten. Diese Hoffnung war nicht unbegründet. Die NSDAP verbuchte tatsächlich einen erheblichen Zulauf an Mitgliedern und Mitläufern. Soziologische Studien, auch wenn sie angesichts fehlender verlässlicher Quellen damals unzulänglich waren, weisen darauf hin, in welch hohem Maße die neuen Anhänger der Faschisten den Mittelschichten und anderen von der Wirtschaftskrise besonders stark betroffenen Kreisen entstammten. In politischer Hinsicht kamen sie aus dem Umfeld jener Parteien, die von vielen heutigen Historikern wider besseres Wissen als demokratische Mitte der Weimarer Gesellschaft bezeichnet werden.

Viele fühlten sich angezogen von einzelnen Parolen der NSDAP, die der eigenen Kritik an den Missständen der Zeit zu entsprechen schienen. Durchaus als attraktiv empfanden viele das neuartige Auftreten und kraftstrotzende Gebaren der Nazis, ebenso die demonstrativ zur Schau gestellte nationalistische Kompromisslosigkeit gegenüber den Siegern des Ersten Weltkrieges. Manche glaubten auch an das Versprechen der Nazis, sich hauptsächlich für »Arbeit und Brot« einsetzen zu wollen. Mit dem Differenziertheit verlangenden Blick auf heutiges Geschehen könnte bei einem Teil damaliger Wähler auch von Ent- und Getäuschten sowie von Irrenden und Suchenden gesprochen werden, die sich der Folgen ihres Handelns nicht bewusst waren und dennoch historisch verantwortungslos handelten. Manche schienen ob ihres Ärgers über gewiss zu kritisierende Zustände nicht erkennen zu wollen oder zu können, dass es den Faschisten keineswegs nur um irgendeine Reform dieses Staates, sondern um die Beseitigung der Weimarer Republik als ganzer ging. Im Sog nationalistischen und rassistischen Denkens formierte sich auch aus solchen Wählern eine faschistische Gefolgschaft.

Arbeiter, die bisher schon rechten bürgerlichen Parteien anhingen, nahmen den vorgetäuschten Antikapitalismus der Nazis hin, ohne zu bemerken, wie diese es sorgsam vermieden, die Ausbeutergesellschaft insgesamt anzugreifen. Einzelne Politiker und einzelne Kapitalisten erschienen vielen als die Alleinschuldigen am Massenelend. Einer von Hitler geführten Regierung wurde zugetraut, gangbare Auswege aus der Krise zu finden und eine »positive« Wendung auch des eigenen Schicksals zu erreichen. Die nazistischen Parolen von angeblich notwendiger »Raumerweiterung für das deutsche Volk«, die Krieg bedeutete, und von der Durchsetzung »deutscher Grundwerte« in der Welt, die rassistischer Gewalt bedurfte, wurden nicht hinterfragt. Blind wurde hingenommen, dass man nicht von »Brüderlichkeit« oder »Nie wieder Krieg« reden dürfe, denn das sei zu allen Zeiten nur »faules Lügengewäsch« gewesen, wie beispielsweise der Illustrierte Beobachter am 16. August 1930 behauptete.

Ihren Wahlkampf führte die NSDAP sowohl gegen die beiden großen Arbeiterparteien als auch gegen die bürgerlichen Parteien. Hitler sprach vom »Elend«, das der Marxismus dem deutschen Volke aufgeladen habe: »Sozialdemokratie und Kommunismus haben gemeinsam Deutschland in dieses namenlose Unglück gestürzt, beide müssen vernichtet werden«, las man am 9. August im Illustrierten Beobachter. Zugleich verfassten die Wahlkampfstrategen der Partei Anklagen gegen ihre direkte Konkurrenz: Das Bürgertum, das mit der Pest des Marxismus paktiere, das »sie schützt und deckt, verdient den gleichen Weg zu gehen«. Alle wurden als »Novemberverbrecher« und »Systemparteien« beschimpft, Plakate zeigten »saufende Minister« und »feiste Bonzen«. Bestechungsskandale, in die Beamte verwickelt waren, wurden weidlich ausgebeutet, um das »verkommene« Gemeinwesen anzuprangern. Es müsse durch einen »sauberen« Staat ersetzt werden. Mit all diesen Attacken wurde an in der Bevölkerung weitverbreitete Gefühle des Unbefriedigtseins und der Verzweiflung appelliert.

Gestärkt sah sich die NSDAP zugleich durch finanzielle Zuwendungen, wovon auch der Ankauf des »Barlowschen Palais« im Zentrum Münchens zeugte, das nach seinem Umbau den Namen »Braunes Haus« erhielt. Wiederholte Aufrufe an Mitglieder und Gönner, Erwerb und Einrichtung dieses auch »Zentralheim« genannten Palastes finanzieren zu helfen, sollten vertuschen, dass der Großindustrielle Fritz Thyssen ein Darlehen in eine Spende umwandelte und so dem Zentralapparat der Faschistenpartei zu einer feudalen Residenz und einem höherem Grad der Organisiertheit verhalf. In dem Schwerindustriellen Thyssen besaß die NSDAP eine ihrer verlässlichsten Stützen im Ruhrgebiet, wo traditionell die Deutschnationalen gefördert wurden. Viele folgten seinem Beispiel, wenn auch zumeist weniger demonstrativ.

Rechter Terror

Zu der rund 34.000 Veranstaltungen umfassenden Wahlkampagne der Nazis gehörte ein immer gewaltbereiteres Vorgehen. Die in Uniform und in Zivil auftretenden Schlägertrupps verübten Anschläge und überfielen politische Gegner mit Revolvern, Hieb- und Stichwaffen. Rund 400 Faschisten rissen am 10. August bei einer Demonstration auf dem Berliner Schlossplatz die schwarz-rot-goldenen Fahnen herunter. Demonstrativ bekannten sich SA-Führer zum individuellen Terror. Zugleich perfektionierte die NSDAP ihren öffentlichen Auftritt. In Städten mietete sie die größten Versammlungshallen und verstand es meist auch, diese zu füllen. Häufig wurden Reden zusätzlich per Lautsprecher ins Freie oder in benachbarte Säle übertragen. Durch diesen geschickten Einsatz von Technik gewann die Öffentlichkeit den Eindruck, dieser Partei würden die Massen unaufhaltsam zuströmen. SA-Trupps, die vor den Rednerbühnen aufzogen, suggerierten Jugendlichkeit, Kraft und Geschlossenheit und standen bereit, jeden Zwischenrufer aus dem Saal zu prügeln. Systematisch wurde die Bevölkerung der Kleinstädte und des platten Landes bearbeitet. Die Faschisten schickten geübte Parteiredner, die ein festgelegtes Pensum von Einsätzen zu bestreiten hatten, auch in entlegene Gebiete. Manche von ihnen waren in der am 1. Juli 1929 ins Leben gerufenen Rednerschule vorbereitet worden, nach deren Besuch sie eine parteiamtliche Anerkennung erfuhren.

Als der neue Reichstag am 13. Oktober 1930 eröffnet wurde, kam es sofort zu einem Eklat: Die 107 Abgeordneten der NSDAP erschienen alle in brauner Parteimontur und verstießen damit provokativ gegen das in Preußen geltende Uniformverbot. Dennoch brauchten sie eine Strafverfolgung nicht zu befürchten, da dazu ihre politische Immunität hätte aufgehoben werden müssen. An diesem Tag kam es in Berlin zu ­pogromartigen Ausschreitungen. Jüdisch aussehende Passanten wurden von SA-Leuten beschimpft und verprügelt, jüdischen Geschäften wie dem Kaufhaus Wertheim wurden die Schaufensterscheiben eingeworfen.

Im Reich und auch im Ausland wuchsen Befürchtungen, es könne einen erneuten Putsch der NSDAP geben, zumal diese die Parole verbreitete: »Nach dem Sieg – Bindet den Helm fester!« Doch anders als noch im Herbst 1923 bemühte sich ihre Führung zugleich, den Ruf von Unzuverlässigkeit und illegitimem Verhalten gegenüber Bündnispartnern loszuwerden. Eine demonstrative Gelegenheit dazu ergab ein Prozess vor dem Leipziger Reichsgericht, der vom 23. September bis zum 4. Oktober 1930 gegen drei ehemalige Reichswehroffiziere stattfand, die in Kontakt mit SA-Führern versucht hatten, Nazizellen im Heer zu bilden. Hitler konnte als »Zeuge« eine zweistündige Rede über die angebliche vollkommene Legalität der Methoden und Ziele seiner Partei halten. Obwohl dem obersten Gericht der Republik haufenweise Dokumente vorlagen, durch welche die hochverräterische Tätigkeit der NSDAP bewiesen wurde, ließen die Richter Hitler behaupten, seine gesamte Partei lehne eine gewaltsame Beseitigung der Verfassung ab. Die SA sei ohne militärischen Charakter, waffenlos und lediglich als Schutztruppe gegen »links« gedacht. Wenn in seiner Bewegung von »Revolution« gesprochen werde, dann wäre ein geistiger Prozess gemeint. Als Hitler darauf eine oft zitierte Stelle aus den regelmäßig erscheinenden Nationalsozialistischen Briefen vorgehalten wurde, wonach er selbst drohend angekündigt hatte, dass im Kampf um die Macht Köpfe rollen würden, gab er dem zynisch die Auslegung, der Henker werde erst nach dem Sieg seiner Bewegung und dann auf der Grundlage von Urteilen eines Staatsgerichtshofes in Aktion treten.

Wie es ja in der Tat geschah, als den Nazis die Macht übertragen worden ist. Spätestens dann zeigte sich, dass die Wahlen vom 14. September 1930 ein außerordentlich folgenreicher Schritt hin zur Zerstörung der Weimarer Republik gewesen waren.

Manfred Weißbecker schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 20. Februar über die Gründung der NSDAP vor 100 Jahren.

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