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Aus: Ausgabe vom 14.09.2020, Seite 5 / Inland
Stahlbranche in der BRD

Stahlindustrie im Umbruch

IG Metall fordert Staatsbeihilfe für Branche – und lehnt Fusionspläne ab
Von Bernd Müller
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Überproduktion beim Stahl gefährdet Jobs – Thyssen-Krupp dürfte bald mit Konkurrenten fusionieren (Duisburg, 11.12.2018)

In der Diskussion um mögliche Staatsbeihilfen für deutsche Stahlkonzerne erhöht die Gewerkschaft IG Metall den Druck: Führende Gewerkschafter erklärten am Donnerstag abend erneut, die Bundesregierung müsse den Stahlkochern beim Umbau zu einer kohlendioxidfreien Produktion unter die Arme greifen. Auch eine Staatsbeteiligung an Thyssen-Krupp müsse in Erwägung gezogen werden. »Es fehlt eine ordnende Hand«, beklagte IG-Metall-Vorstandsmitglied Jürgen Kerner, der auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei Thyssen-Krupp ist. »Eitelkeiten« in der Branche müssten überwunden werden.

Die Stahlbranche steckte bereits vor der Pandemie in der Krise: Die weltweiten Überkapazitäten haben sich nach dem Einbruch der Stahlnachfrage im Automobil- und Maschinenbau weiter erhöht. Gleichzeitig befindet sich die Branche im technologischen Umbruch: Klimaschädliche Kokskohle soll durch Wasserstoff ersetzt werden. Bis 2050 werden dafür in der Stahlindustrie hierzulande Investitionen von 30 Milliarden Euro notwendig. Allein Thyssen-Krupp, Deutschlands größter Stahlproduzent, rechnet für den Komplettumbau seiner Produktion mit Kosten von zehn Milliarden Euro.

Die Probleme sind aber auch zum Teil hausgemacht. So scheiterte Thyssen-Krupp mit der Expansion nach Amerika, wovon sich der Konzern bis heute nicht erholt hat. Beim Bau neuer Stahlwerke in Übersee setzte er zehn Milliarden Euro in den Sand. Um sich finanziell wieder Luft zu verschaffen, hatte der Konzern seine gewinnbringende Aufzugssparte für 17 Milliarden Euro verkauft – allerdings verpufft dieser »Befreiungsschlag« zusehends.

Thyssen-Krupp selbst bringt noch einen anderen Weg zur Konsolidierung der Branche ins Gespräch: einen Zusammenschluss mit Konkurrenten. Vorstandschefin Martina Merz will sich dabei alle Optionen offenhalten. Im Gespräch sind eine Partnerschaft, eine Fusion, aber auch ein Verkauf der Stahlsparte. Als mögliche Interessenten oder Partner gelten dabei in Branchenkreisen der SSAB-Konzern aus Schweden, die chinesische Baosteel; auch der neue Versuch einer Fusion mit Tata Steel wird nicht ausgeschlossen. Thyssen-Krupp selbst macht sich für den Zusammenschluss mit dem deutschen Konzern Salzgitter AG zu einer Art Deutsche Stahl AG stark.

Eine Fusion mit Salzgitter lehnt die IG Metall allerdings ab, wie ihr Vorsitzender Jörg Hofmann Anfang September deutlich machte. Die Gewerkschaft fürchtet Arbeitsplatzvernichtung im großen Stil, falls beide Konzerne zusammengehen. So hatte Hofmann der Nachrichtenagentur Reuters gesagt: »Über Fusionen kann man einen angeschlagenen Konzern nicht stärken«. Statt dessen sollten beide Konzerne beim Wechsel zu klimaschonender Stahlerzeugung kooperieren – und der Staat solle einspringen.

Anfang Juni hatte die Bundesregierung ihr Konjunkturprogramm beschlossen. Enthalten sind sieben Milliarden Euro, mit denen die im Frühjahr beschlossene »Nationale Wasserstoffstrategie« umgesetzt werden soll. Nach den Vorstellungen des Bundeswirtschaftsministeriums sollen vor allem Stahlkonzerne davon profitieren. Damit nicht jedes Unternehmen seine eigene Technologie entwickelt, solle die Politik eingreifen, hieß es am Donnerstag von der IG Metall. Es dürfe nicht »für jedes Unternehmen eine eigene Technologieförderung« geben. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) stehe in der Pflicht.

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