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Aus: Ausgabe vom 14.09.2020, Seite 5 / Inland
Fleischindustrie

Im Fokus: »Schweinesystem«

Düsseldorf: Bündnis demonstriert gegen den Fleischmagnaten Tönnies und fordert Ende der Ausbeutung von Mensch und Tier
Von Bernhard Krebs
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Bunter Straßenprotest gegen den »fleischindustriellen Komplex« (Düsseldorf, 11.9.20)

Unwürdige Zustände für Mensch und Tier in der Fleischindustrie haben einen Namen: »Tönnies«. Spätestens seit der Covid-19-Masseninfektion von mehr als 1.300 Arbeitern im Stammwerk der Tönnies Holding im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück im Juni steht der größte deutsche Player in der Fleischproduktion im Fokus der Kritik.

Am Freitag ging nun ein buntes Bündnis von Tier- und Klimaschutzgruppen, Arbeitsrechtsorganisationen und Gewerkschaften in Düsseldorf unter dem Motto: »Das System Tönnies stoppen!« auf die Straße. Zwei Tage vor der Kommunalwahl in NRW am gestrigen Sonntag lautete die Botschaft: »Keine Stimme für Parteien und Kandidaten, die mit dem System Tönnies kungeln!«

In Redebeiträgen und Sprechchören wurde die Abschaffung von Werkverträgen, Leiharbeit, Dumpingpreisen für Fleisch und der Tierindustrie gefordert und auf die sozialen Folgen sowie die Schäden für Umwelt und Klima durch Unternehmen wie Tönnies aufmerksam gemacht. »Werkverträge und Leiharbeit gehören grundsätzlich überall abgeschafft«, sagte Jessica Reisner von der »Aktion gegen Arbeitsunrecht« aus Köln auf der Auftaktkundgebung vor dem Düsseldorfer Hauptbahnhof. Es müsse Schluss sein mit dem Schmusekurs der NRW-Landesregierung gegenüber Tönnies und Co.

Schon Monate vor dem Coronaausbruch hatte der Verein darauf aufmerksam gemacht, dass es sich beim System der Werkverträge bei Tönnies um verdeckte Leiharbeit handeln könne. Bereits am Nachmittag vor der Demonstration hatte Elmar Wigand, Sprecher der »Aktion gegen Arbeitsunrecht«, an den Abteilungsleiter Arbeitsrecht im von der CDU geführten NRW-Arbeitsministerium, Markus Leßmann, eine Unterschriftenliste übergeben. Darin beklagen die 962 Unterzeichner, dass trotz wiederholter Anzeigenerstattung durch den Verein hinsichtlich Mietwucher und Scheinwerkverträgen in der Fleischindustrie bis heute keine Ermittlungsergebnisse vorlägen. Durch die angeprangerte illegale »Arbeitnehmerüberlassung« seien Arbeiterinnen und Arbeitern, den Sozialkassen und dem Fiskus Löhne bzw. Abgaben und Steuern in Millionenhöhe entgangen. Zudem befürchtet der Verein, dass die Einführung des Arbeitsschutzkontrollgesetzes, mit dem Werkverträge in der Fleischindustrie verboten werden sollen, als Generalamnestie für bislang begangene Delikte genutzt werden könnte.

Vom Düsseldorfer Hautbahnhof setzten sich die rund 150 Demonstrierenden zur Prachtmeile Königsallee in Gang. Redner machten immer wieder auf die existierenden Überschneidungen beim Kampf für Arbeiter- und Tierrechte in der Fleischindustrie aufmerksam. So reichte das Spektrum der Teilnehmer auch vom »Bündnis gegen die Tierindustrie«, »Tear down Tönnies« und »Shutdown Schweinesystem« über Mitglieder der Basisgewerkschaft »Freie Arbeiter Union« (FAU) bis hin zu Vertretern der »Katholischen Arbeitnehmerbewegung« (KA).

Gegenüber dem Düsseldorfer Büro der international tätigen Wirtschaftskanzlei »Eversheds Sutherland LLP« auf der Königsallee berichtete Sheila Schmidt bei einer Zwischenkundgebung über ein Gerichtsverfahren, das derzeit Aktivisten von »Tear Down Tönnies« bedroht. Die Hamburger Dependance der Anwaltskanzlei will für Tönnies 40.000 Euro Schadenersatz von ihnen eintreiben. Sie hatten im Oktober 2019 den Tönnies-Schlacht­hof Thomsen im schleswig-holsteinischen Kellinghusen blockiert und die Produktion lahmgelegt. »Wenn jemand Schadenersatz zu leisten hat, sind es die Konzerne, die für das Morden von Tieren, die Ausbeutung von Menschen, für Klimawandel, Artensterben, Landraub und die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen verantwortlich sind«, sagte Schmidt. Man werde sich trotz der dreisten Tönnies-Forderung nicht »mundtot machen« lassen und auch weiterhin Aktionen unternehmen. »Ziviler Ungehorsam ist angesichts der Untätigkeit der Politik legitim und erforderlich«, so Schmidt. Weitere Zwischenkundgebungen fanden vor einer Edeka- und einer Aldi-Filiale statt.

Bei allem Ernst blieb aber auch ein bisschen Spaß am Freitag nicht auf der Strecke. Dafür sorgte die musikalische Begleitung durch die »Alliierte Marschkapelle Schwarzer Freitag« die sich aus Köln in die Landeshauptstadt aufgemacht hatte. Besonders auf der im Volksmund nur »Kö« genannten Königs­allee läuteten viele Düsseldorfer in Restaurants, Bars und Cafés das Wochenende ein. Die Mischung aus Arbeiter-, Kinder- und Volksliedern sowie der Eigenkreation »Gieriges Schwein« zur Melodie vom Udo-Jürgens-Evergreen »Griechischer Wein« sorgte gleichermaßen für Unterhaltung und Irritation.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • N. N.: Linke für höhere Lebensmittelpreise? Dass Ihr gegen Werkverträge und Umweltverschmutzung demonstriert, ist schon ok, aber muss diese reaktionäre Forderung nach Erhöhung der Fleischpreise wirklich sein? Schaut doch mal in »Lohn, Preis ...

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