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Aus: Ausgabe vom 12.09.2020, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Städtische Flora

Egal sind Bäume nie

Der Götterbaum gilt als invasive Art. Seine Adaption an veränderte klimatische Verhältnisse macht ihn zur Zukunftspflanze
Von Gisela Sonnenburg
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Ein schon sehr alter Götterbaum gegenüber der Grabstätte von Bertolt Brecht und Helene Weigel auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin

Bäume sind pure Poesie. Das Rauschen ihrer Blätter im Wind gehört zu den lyrischen Urgeräuschen. Und sie sind nützlich: Sie geben Vögeln und Insekten eine Heimat, produzieren Sauerstoff und reinigen wie ein Filter auf natürliche Weise die Luft. Sie dienen in Städten als Schall- und oft genug auch als Sichtschutz: vor den alltäglichen Hässlichkeiten des modernen Lebens. Das Holz der Bäume schließlich ist Brenn- und Werkstoff, und wenn sie im Wald verrotten, bilden sie die Lebensgrundlage für eine Vielzahl von Mikroorganismen. Das Jahr 1492 gilt dabei in Europa als Scheidejahr, ob es sich um einen einheimischen Baum (Archäotyp) oder um eine sogenannte invasive Art (Neophyt, auch Gastbaum genannt) handelt. Zu dieser Zeit erreichten Westeuropäer den amerikanischen Kontinent, und die ersten Pflanzen wurden von dort in die »alte Welt« gebracht. Die Bezeichnung »Gastbaum« führt jedoch in die Irre. Denn Pflanzen kommen, um zu bleiben.

In unserem Hof, einem alten Gelände in Berlin-Mitte, steht ein solcher Neophyt. Es ist ein etwa 70 Jahre alter Götterbaum, über die fünf Stockwerke der ihn umgebenden Altbauten ragt er in die Höhe. Dahinter verstecken sich graue Fassaden mit eintönigen Fensterfronten. Wie gut, dass der Baum im Sommer nicht nur Schatten, sondern auch blattrauschende Kulisse bietet. Über seine Blätter verdunstet stetig Wasser, so dass in seiner Nähe ein angenehmes, kühlendes Mikroklima entsteht. Von anderen Pflanzen häufig umrankt, spendet er den Kleineren zudem angenehmen Halbschatten.

Götterbäume, ursprünglich aus China stammend, sind außerdem sogenannte Gartenflüchtlinge, was bedeutet, dass sie sich aus eigener Kraft auch außerhalb kultivierter Flächen zurechtfinden. Und sie sind Pionierbäume, denn sie besiedeln als erste Brachen und unbestelltes Gelände. Die vom Wind verteilten Samen keimen schnell und zahlreich. Wenn sie ganz jung sind, muten sie an wie kleine Büsche. Aber sie wachsen extrem schnell – und hoch. Lässt man die Ableger gewähren, besiedeln sie eine Landschaft womöglich stärker als vom Menschen gewünscht.

Während Götterbäume darum in der Natur als Verdränger einheimischer Waldbäume gefürchtet sind, sind sie in den Städten willkommen. Der Riese hat nämlich die wichtigsten Zukunftsqualitäten: Er ist robust und kann Hitze und Trockenheit gut ab. Anderen Bäumen setzt der Hitzestress zu, kann sie sogar abtöten. Der Götterbaum aber mit gefiederten Blattschwingen steht unbekümmert da – und wächst weiter in die Höhe – bis zu 30 Meter. Rund 100 Jahre wird er dabei alt, dann verlassen ihn die Lebensgeister. Einzelne Exemplare kommen auch auf 150 Jahre. Da haben ihm Buchen, Eichen und Linden etwas voraus. Sie können älter werden, manche über 800 Jahre. Aber viele sterben viel früher, weil sie anfällig für Krankheiten sind. Oder weil sie wegen ihres Holzes gefällt werden.

Die klimatischen Veränderungen in Europa sprechen derweil für den Götterbaum. Dankbar vom Stadtmenschen aufgenommen, bietet er im Hochsommer ein Licht-Schatten-Spiel, winkt im aufkommenden Wind munter mit den Fiederzweigen, reckt und streckt die manchmal etwas borkigen Gliederäste – auch, wenn die Luft vor Hitze geradezu flirrt. Was für ein Zukunftsbaum. Er trotzt genau jenen Widrigkeiten, unter denen viele einheimische Pflanzen immer stärker leiden.

Auch in einer Stadt wie Berlin, wo die Temperaturen aufgrund der hohen Versiegelung von Flächen noch ein paar Grad höher sind als im Umland. Prompt fühlt sich der Götterbaum besonders wohl. »Berlin ist die deutsche Götterbaumhauptstadt«, sagt Ingo Kowarik im Gespräch mit jW. Er ist Professor für Ökologie an der Technischen Universität Berlin und beschäftigt sich von Berufs wegen mit Neophyten, den pflanzlichen Einwanderern. Etliche Baum- und Buscharten, Kräuter und Blumen, von der Robinie über den Estragon bis zur Rosskastanie, und natürlich die legendäre Kartoffel bereichern unsere Sphäre als ehemals eingewanderte Arten, weil sie mit den klimatischen Bedingungen gut zurechtkommen.

Genau in dieser Disziplin ist der Götterbaum der größte Spezialist. Der Ailanthus altissima, wie seine wissenschaftliche Bezeichnung lautet, kann darum hierzulande enorm gewinnen. Anders als die einheimischen Fichten und Buchen hält er selbst lange Trockenperioden durch. Laubbäume wie Spitzahorn, Winterlinde, Hängebirke und Kirsche kommen mit trockenen Böden zwar auch zurecht. Nur: Sie wachsen nicht so rasch und hoch wie der Götterbaum und sind als Stadtbäume zur Begrünung von Häuserreihen weit weniger geeignet.

Im Stadtgebiet ist der Götterbaum daher besonders beliebt. »Als schöner Park- und Straßenbaum wird er meist sehr positiv gesehen«, und er ist »bestens an die Schwierigkeiten urbaner Standorte angepasst«, attestiert ihm Kowarik. Gemocht hat ihn auch schon der berühmte preußische Landschaftsarchitekt Peter Joseph Lenné (1789–1866). Er ließ den Götterbaum in die von ihm geplanten Parks wie den Großen Tiergarten in Berlin und in Gartenanlagen setzen.

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Die weitverzweigte und unregelmäßige Krone eines Götterbaums in den besten Jahren in der Hamburger Parkanlage Planten un Blomen

Kowarik hingegen ist nicht nur forschender Professor, sondern auch Berliner Landesbeauftragter für Naturschutz und Landschaftspflege. Laut ihm gibt es rund 1.500 wildwachsende Pflanzenarten in Berlin (neben jenen auf Balkonen und in Gärten). Jede fünfte ist bewusst oder unbewusst eingeführt worden. Was für eine Vielfalt! Für Kowarik ist das »die typische Stadtnatur«. Deren Erhaltung ist heutzutage auch Aufgabe des Naturschutzes, wie Kowarik betont: »Neue Arten machen unsere Systeme insgesamt anpassungsfähig.« Ein Naturschutzproblem ist der Götterbaum also derzeit mitnichten, schon gar nicht in der Stadt.

Aber nicht jeder schätzt den Götterbaum. Invasionsbiologen beobachten ihn mit Argwohn auf freien Flächen und lassen ihn aus der Nähe von Wäldern rigoros entfernen. Man befürchtet dort eine Überfremdung der europäischen Flora. Diesen Argumenten folgte auch die Europäische Union und setzte den Götterbaum 2019 auf eine schwarze Liste, die den nicht wirklich passenden Namen »Unionsliste« trägt. Diese verzeichnet Tiere und Pflanzen, deren Bestände nicht unkontrolliert durch den Handel gefördert werden sollen. Erwerb und Verkauf sowie die Pflanzung des Götterbaums sind deshalb verboten. Allerdings darf man ihn gewähren lassen, wenn er sich selbst fortpflanzt.

Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) veröffentlicht die Liste im Internet und macht so auch bekannt, dass sie im vergangenen Jahr von 49 auf 66 Arten erweitert wurde. Die Kartoffel steht natürlich nicht darauf. Aber offenbar befürchten manche Mitgliedstaaten tatsächlich, dass ihre Wälder »unterwandert« werden könnten. Konkrete Beispiele dafür, dass Götterbäume weniger resistente, dafür einheimische Arten stark verdrängt hätten, sind allerdings kaum zu finden. Seine friedliche Koexistenz mit anderen, auch einheimischen Arten ist vielmehr überall dort zu beobachten, wo man ihn wachsen lässt. Außerdem verdurstet der Götterbaum nicht so rasch wie viele andere Arten. Das Klima wird sich in Zukunft nicht auf Geheiß der EU zurückverändern, sondern wir müssen uns auf mehr Trockenheit und Wärme einstellen. Sollte man den Götterbaum nicht schon darum besonders gutheißen und sogar zumindest teilweise fördern? Wenigstens wächst er ohne Probleme da, wo andere Pflanzen trotz Fürsprache der EU eingehen.

Für Kowarik macht der jeweilige Standort den entscheidenden Unterschied beim Götterbaum aus. Nah an unüberschaubaren Waldgebieten sollte er auch seiner Ansicht nach als Jungpflanze ausgerissen werden, während er für ein städtisches Umfeld ideal zu sein scheint. Und gerade in Berlin gehöre er unabdingbar zur »Strategie der biologischen Vielfalt«. Man merkt es schon: Es ist kein Gespräch über Bäume möglich, ohne einen bestimmten Standpunkt zu vertreten. Egal sind Bäume eben nie.

Eingeführt wurde der Götterbaum in Europa übrigens aufgrund einer Verwechslung: Ein französischer Missionar brachte ihn 1740 von einer Fernreise mit, in der Hoffnung, aus dem Baumsaft den für die chinesische Lackkunst verwendeten Rohstoff herstellen zu können. Rasch entdeckte man, dass der Götterbaum zwar nicht beim Lackieren half, sehr wohl aber beim Lustwandeln. Sein formschöner, hoher Wuchs mit der buschigen Krone und dem sattgrünen, kleinteiligen Laub schmückt seither die Sichtachsen derer, die in den Parks flanieren.

Im Jahr 1780 startete der Götterbaum seine Karriere in Berlin – und muss hier als Neophyt mit Zukunft gelten. Die Bienen freut es: Sie lieben seinen Nektar so sehr, dass mancherorts – etwa in der Lausitz – bereits Götterbaumhonig angeboten wird, mit der seltenen Geschmacksnuance der Muskatnuss. Die Imker wissen: Das ökologische und das lukullische Potential der Götterbäume wird noch oft unterschätzt. Dass in den letzten Jahren ehrenamtliche »Naturschützer« durch Berlin streiften, um junge Ableger auszureißen, ist darum eher zu bedauern als zu belobigen.

Zudem hat sich der Götterbaum nicht nur in Deutschland gut angepasst, er ist ein Kosmopolit: Noch viel länger als in Europa ist er in Nord- und Südamerika, in Kasachstan, Sibirien und in Australien heimisch. Aber in Berlin, zumal in den Höfen, stehen besonders markante Exemplare, auch gegenüber dem Grab des Dramatikers Bertolt Brecht auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof oder auf der malerischen Pfaueninsel in Wannsee. Wie der Baum zu seinem Namen kam, ist allerdings nicht herauszubekommen. Wahrscheinlich beeindruckte sein hoher Wuchs gen Himmel schon immer.

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