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Aus: Ausgabe vom 10.09.2020, Seite 12 / Thema
Zwei-plus-vier-Vertrag

Der verschenkte Staat

Hinter dem Rücken ihrer diplomatischen Vertreter wurde die DDR von Gorbatschow preisgegeben. Über das Zustandekommen des Zwei-plus-vier-Vertrags
Von Eberhard Czichon und Heinz Marohn
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Feiern die Genehmigung, sich einen ganzen Staat einverleiben zu können: Die BRD-Politiker Kohl und Genscher mit Gorbatschow nach der Unterzeichnung des Zwei-plus-vier-Vertrags (Moskau, 12.9.1990)

In der Nacht zum Dienstag ist Eberhard ­Czichon im Alter von 90 Jahren gestorben. Der marxistische Historiker und jW-Autor war lange Zeit an der Akademie der Wissenschaften der DDR tätig. Nach dem Ende des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden schrieb er gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Heinz Marohn das Buch »Das Geschenk. Die DDR im Perestroika-Ausverkauf« (erschienen 1999 im Papyrossa-Verlag, 2. Auflage 2009). Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck eines redaktionell gekürzten Abschnittes über den Zwei-plus-vier-Vertrag. (jW)

Am 12. Februar 1990 trafen sich in Ottawa zum ersten und zum letzten Mal die 23 Außenminister der NATO-Staaten mit denen des Warschauer Vertrages, um einem Vorschlag von US-Präsidenten George Bush folgend, über einen »Offenen Himmel« (gemeint ist der »Open Skies«-Vertrag, der das Überfliegen der Territorien der Vertragspartner erlaubt; jW) und andere Fragen einer internationalen Rüstungskontrolle zu beraten. Im Mittelpunkt dieser Zusammenkunft sollte jedoch die »deutsche Frage« stehen. Die generelle Zustimmung ­Michail Gorbatschows (ab 1985 Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU und ab März 1990 Staatspräsident der UdSSR; jW) zur Liquidierung der DDR und zur Herstellung der deutschen Einheit, wollten der US-Außenminister James Baker und der BRD-Außenminister Hans-Dietrich Genscher schnellstens als völkerrechtliches Abkommen abgeschlossen wissen. Hier in Ottawa sollte die Chance dazu genutzt werden.

Nachdem der Bundesaußenminister am Vormittag des 12. Februar 1990 in seiner Rede vor den Außenministern ausführlich und salbungsvoll ein »europäisches Deutschland« beschrieben hatte, das die Grenzen von 1945 achte und sich von einem »deutschen Europa« als Ergebnis einer deutschen Vereinigung distanziere¹, begannen nach dem Mittagessen hinter dem Rücken des DDR-Vertreters Oskar Fischer emsige Gespräche mit dem sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse. Jetzt ging es darum, nach der Akzeptanz der Zwei-plus-vier-Verhandlungsformel durch Gorbatschow auch eine offizielle international verbindliche Zustimmung zu ihr durch die UdSSR zu erlangen und dies in einer Übereinkunft festzuschreiben. Erst damit konnten, so wurde von Baker und Genscher argumentiert, »die (Sechsmächte)Verhandlungen über die vorbereitenden außenpolitischen Rahmenbedingungen der ›deutsch-deutschen Vereinigung‹ in Gang gesetzt werden«. Die Delegation der BRD war fest entschlossen, berichtet Frank Elbe (ehemaliger Bürochef Genschers; jW), in Ottawa eine Einigung über einen internationalen Verhandlungsmodus zur Herstellung der Einheit Deutschlands herbeizuführen und die getroffenen Vereinbarungen darüber öffentlich zu machen.² Es kam den US-amerikanischen wie den bundesdeutschen Diplomaten in Ottawa vor allem darauf an, dass die bisher erzielten Verhandlungsergebnisse völkerrechtlich »unumkehrbar« festgeschrieben wurden. In Bonn wie in Washington herrschte noch immer die Furcht, dass Gorbatschow vor Abschluss des ganzen Prozesses doch noch von seinen politischen Gegnern in der UdSSR entmachtet werden könnte und diese seine persönlichen deutschlandpolitischen Zusagen annullieren würden.

Warum nicht »vier plus zwei«?

Warum aber legten die US-amerikanischen und bundesdeutschen Diplomaten ein so großes Gewicht auf den feinen Unterschied einer Zwei-plus-vier-Formel gegenüber Vier-plus-zwei, auf den Gorbatschow so gar nicht reagiert hatte? Vorderhand, so wurde offiziell argumentiert, ginge es darum, wer zur Konferenz über die Rahmenbedingungen der »deutschen Vereinigung« einladen würde, in Wirklichkeit aber sollte – nach Genschers und Bakers Kalkül – ein Primat der deutsch-deutschen Verhandlungen im Rahmen der Sechsmächteverhandlungen begründet werden, um der sowjetischen Führung jede reale Einflussnahme auf die Gestaltung des deutsch-deutschen »Einigungsprozesses« aus der Hand zu nehmen.

Es ging darum, ob die Vereinigung der beiden deutschen Staaten deren innenpolitische Angelegenheit bleiben oder ob die ehemaligen Siegermächte das Recht haben würden, in den Einigungsprozess einzugreifen, bzw. ihn zu gestalten. Letzteres aber hätte auf der diplomatischen Bühne eine Vier-plus-zwei-Variante bedeutet. Im Bundeskanzleramt und im Bonner Außenministerium waren die diplomatischen Feinheiten zur Umstellung des Vier-plus-zwei-Modus auf eine Zwei-plus-vier-Regelung rechtzeitig ausgearbeitet worden, und Baker hatte die Vorteile einer solchen Taktik, die Genscher ihm vorgeschlagen hatte, sehr schnell erkannt. Die in der Bush-Administration aufgetretenen Irritationen haben sogar möglicherweise geholfen, die Gruppe um Gorbatschow über die eigentliche Strategie der USA zu täuschen. Jedenfalls gelang es an diesem Nachmittag in Ottawa dem US-amerikanischen Außenminister und seinem Berater Unterstaatssekretär Robert Zoellick, dass sich der französische Außenminister Roland Dumas (der zunächst die Vier-plus-zwei-Formel favorisierte) und sein britischer Kollege Douglas Hurd im Bewusstsein einer »westlichen Solidarität« mit dem Zwei-plus-vier-Mechanismus einverstanden erklärten.³ Der anwesende DDR-Außenminister war über die Vorgänge bis zu diesem Zeitpunkt von seinem sowjetischen Kollegen überhaupt nicht informiert worden.

Am folgenden Vormittag trafen sich Baker, Hurd und Dumas mit Genscher zu einem Frühstück in der bundesdeutschen Residenz. Sie vereinbarten, bei den bevorstehenden Zwei-plus-vier-Verhandlungen keine Verzögerungen zuzulassen und sie mit einem Treffen der politischen Direktoren der Außenministerien der UdSSR, der BRD, der USA, Frankreichs und Großbritanniens noch vor den Volkskammerwahlen in der DDR am 18. März 1990 sozusagen völkerrechtlich einzuleiten. Eine offizielle Außenministerkonferenz sollte – wie bereits anvisiert – aber erst nach diesen »freien Wahlen« (also mit einer ­neuen DDR-Regierung) stattfinden. Schewardnadse hatte von Ottawa aus nochmals mit Gorbatschow telefoniert, und dieser wiederholte seine Zustimmung zur Zwei-plus-vier-Formel. Wenn das eine »Unbedachtsamkeit« darstellte, wie Walentin Falin (Berater Gorbatschows; jW) diese Haltung interpretiert, war solche »Fahrlässigkeit« für die USA-Diplomatie schon zu einem berechenbaren Faktor geworden.⁴

Vor vollendeten Tatsachen

Erst nach seinem Telefonat mit Gorbatschow informierte Schewardnadse nunmehr auch Oskar Fischer darüber, was inzwischen hinter dessen Rücken über die DDR vereinbart worden war. Der DDR-Außenminister wurde von seinem sowjetischen Amtskollegen – wie Falin schreibt – nunmehr genötigt, »an Ort und Stelle dem Druck der BRD nachzugeben« und ebenfalls die ­Konstruktion »Zwei-plus-vier« zu akzeptieren. Oskar Fischer war vollkommen isoliert und sah keine Alternative. Mit seiner Zustimmung war das Ende der internationalen Präsenz der DDR als Völkerrechtssubjekt und als souveräner Staat besiegelt.

Genscher würdigte die Formelumstellung von »vier plus zwei« auf »zwei plus vier« und ihre internationale Anerkennung als einen Erfolg von »historischer Bedeutung« und betonte, dass nunmehr die Termini »Vertragsgemeinschaft« und »Konföderation« aus dem Verkehr gezogen seien. Zwar zeigten sich die Niederländer, Italiener und Belgier verärgert darüber, dass auch sie vor vollendete Tatsachen gestellt worden waren, doch Bakers Mitarbeiter erinnerten sie in höflichen Worten daran, dass es sich hierbei ausschließlich um eine Angelegenheit jener Alliierten handle, die vertraglich festgelegte Rechte in Deutschland hätten, und Genscher soll den italienischen Außenminister Gianni De Michelis sogar zurechtgewiesen haben: »Bei dieser Runde gehören Sie nicht zu den Mitspielern.«⁵ Danach wurde der vereinbarte Text des Mandats der sechs Außenminister für ihre weiteren Verhandlungen veröffentlicht. Dieser Text enthielt nicht einmal mehr einen Hinweis auf die Europäisierung der deutschen Vereinigung.

Hans Modrow hatte am 13. Februar in Bonn und am 6. März 1990 in Moskau noch einmal versucht, wenigstens eine Synchronisierung der deutschen Vereinigung mit dem europäischen Vereinigungsprozess zu erreichen und den Anschluss der DDR an die BRD nach Artikel 23 GG zu verhindern. Doch in Bonn hatte auch Christa Luft (Stellvertreterin Modrows als Ministerpräsident; jW) der Währungs- und Wirtschaftsunion zugestimmt, sie fand sie sogar »faszinierend« und auch »wünschenswert«, und in Moskau ging Gorbatschow auf keinen Vorschlag des DDR-Ministerpräsidenten, auch nicht auf dessen Anregung, noch vor den Volkskammerwahlen neue stabile Wirtschaftsbeziehungen mit der UdSSR zu vereinbaren, die nach dem 18. März 1990 von Bestand bleiben sollten, mehr ein. Am 5. Mai 1990 stimmte dann Schewardnadse schließlich auch noch offiziell der »Abkopplung der äußeren von den inneren Aspekten der deutschen Frage« zu.⁶

Die Vision vom »gesamteuropäischen Haus« hatte zu diesem Zeitpunkt ihren politischen Zweck erfüllt. Modrow war ebenso wie Gorba­tschow diplomatisch ausgetrickst, die DDR international abgetrieben worden. Den ökonomischen wie politischen Eliten der Bundesrepublik war ein großer Coup gelungen, sie hatten in Ottawa – wie Falin es bewertet – eine »Carte blanche« zur Schaffung eines neuen deutschen Nationalstaates erhalten. Die damit vollzogene Trennung beider Prozesse, der Restauration eines neuen Gesamtdeutschlands und der europäischen Einigung, ermöglichte es der deutschen Großbourgeoisie, sich aus jeder europäischen Kontrolle zu lösen und in Europa wieder Kurs auf eine Vormachtstellung zu nehmen. Georgi Schachnasarow, einer der einflussreichsten außenpolitischen Berater Gorba­tschows, schreibt mit erstaunlicher politischer Naivität: Der Generalsekretär des ZK der KPdSU hätte alles getan, damit der »geschichtlich vorbestimmte Prozess der Vereinigung Deutschlands« vonstatten gehen konnte.⁷

Welch ein Hohn. Die Bemühungen Gorba­tschows, die DDR zu liquidieren, unterlagen keinem Fatum, sie waren und bleiben ein politisch hochbrisanter Deal mit dem politischen Gegenspieler für die unbestimmte Hoffnung, dadurch eine eigene Stabilisierung zu ermöglichen.

Hauptsache beliebt

Angesichts der katastrophalen ökonomischen und innenpolitischen Lage der UdSSR zeigte sich Gorbatschow, als er sich vom 30. Mai bis 3. Juni 1990 in Washington und Camp David mit Bush zu einem erneuten Gipfeltreffen aufhielt, nicht nur außerordentlich reizbar. Er hatte auch bereits seine Souveränität verloren, wie das Robert Blackwill (Diplomat und Berater von Bush; jW) »mit Entsetzen« beobachtete.⁸ Bis dahin meinte Gorbatschow, hinsichtlich der deutschen Frage noch immer einen politischen Trumpf in der Hand zu halten und mit ihm taktieren zu können – eben seine offizielle Zustimmung zur NATO-Mitgliedschaft des vereinten Deutschlands. In Washington versuchte er nun, wenigstens dafür ein Handelsabkommen und die Meistbegünstigungsklausel auszuhandeln. Bush und Baker lehnten erst einmal ab und forderten neue Zugeständnisse, vor allem in der Litauen-Krise (Litauen hatte sich im März 1990 als erste Unionsrepublik der UdSSR für unabhängig erklärt; jW), hielten ihn aber mit vagen Versprechungen über ein denkbares Handelsabkommen hin. Und wieder gab Gorbatschow in der Hoffnung, doch noch Geld zu bekommen, nach und gab für die inzwischen angelaufenen Zwei-plus-vier-Verhandlungen erst einmal die grundsätzliche Zusage, die DDR in die NATO zu entlassen. Über diesen »Wendepunkt« des UdSSR-Präsidenten in der NATO-Frage war Kohl sofort telefonisch von Bush informiert worden.⁹

Sozusagen als »Entgelt« dafür, wurde Gorba­tschows Bedürfnis »nach Bekundungen seiner Beliebtheit« üppig entsprochen: Vier Stunden wurde er in Washington in einem festlich geschmückten Saal vor sowjetischen und US-amerikanischen Fernsehkameras mit Lob und Preisen unterschiedlicher Organisationen überschüttet. Als Condoleezza Rice im Terminplan von Gorbatschow sah, dass dieser Showdown »eingeplant« gewesen war, sagte sie erstaunt: »Jetzt wird mir klar, dass es in Moskau wirklich hart sein muss.«¹⁰

Am 5. Juni trafen sich Baker und Schewardnadse anlässlich einer KSZE-Ministerkonferenz in Kopenhagen, und der sowjetische Außenminister versuchte, für die DDR-Mitgliedschaft in der NATO von den USA noch einmal wenigstens die Meistbegünstigungsklausel für die UdSSR herauszuhandeln. Doch Baker gab nicht nach, machte aber den salomonischen Vorschlag, die »deutsche Armee« künftig zu begrenzen und die »Zukunft der sowjetischen Truppen in Ostdeutschland« zu regeln. Auch stellte er in Aussicht, dass sich die »NATO wandeln werde«. Nun bestätigte Schewardnadse endgültig die Einbeziehung der DDR in die NATO. Ebenfalls am 5. Juni war in Moskau der Politisch Beratende Ausschuss des Warschauer Vertrages zusammengetreten und hatte nach dem Bericht Gorbatschows über seine Washingtoner Zusammenkunft mit Bush eine Erklärung abgegeben, sich politisch reformieren zu wollen. Ungarn hatte sich auf der Tagung sogar dafür ausgesprochen, »dass ein geeintes Deutschland Mitglied der NATO bleiben solle«. Lothar de Maizière – der als neuer DDR-Ministerpräsident an der Beratung teilnahm – berichtete umgehend nach Bonn: Es sei eine »Beerdigung erster Klasse« gewesen, der Pakt würde sich nunmehr selbst auflösen.¹¹ De Maizière wurde anschließend in die USA eingeladen und am 11. Juni 1990 von Bush empfangen, der ihn in einem Schreiben an Kohl, als einen »nachdenklichen, in Staatsgeschäften unerfahrenen Mann« mit einem »ausgeprägten Sinn für Verantwortung« charakterisierte.¹²

Kohl hilft nach

Gorbatschow hoffte noch immer auf eine großzügige Entlohnung seiner Zugeständnisse, auf Kredite von mindestens 20 Milliarden Dollar. Diese Summe hatte Schewardnadse am 14. Mai 1990 in seinem Gespräch mit Baker genannt. Doch Bush und Toshiki Kaifu, der japanische Ministerpräsident, machten auf dem G-7-Gipfel in Houston Anfang Juli Bedenken geltend, Gorbatschow soviel Geld zu geben, weil er es nicht vernünftig einsetzen könnte. Bush wollte dafür lieber US-amerikanische Fachleute in die UdSSR entsenden, um »die Reformen voranzubringen«. Bundeskanzler Kohl wollte aber die deutsche Einheit im Rahmen der NATO nicht am schnöden Mammon scheitern lassen. Er versuchte, wenigstens 15 Milliarden DM aufzubringen. Es war ihm auch schon Anfang Mai 1990 gelungen, einen mit Hermesbürgschaften garantierten Kredit von fünf Milliarden DM zu bekommen, von Hilmar Kopper von der Deutschen Bank und Wolfgang Röller von der Dresdner Bank zugesagt. Gorbatschow nahm diesen Kredit sofort in Anspruch und lud seinen Freund, den Bundeskanzler, nach dem 28. KPdSU-Parteitag zu einem Besuch in die UdSSR ein.

So flog Kohl wenige Tage nach dem Treffen in Houston »in bester Stimmung« noch einmal nach Moskau. In einem Vieraugen- und einem Delegationsgespräch im Gästehaus des sowjetischen Außenministeriums am 15. Juli entschied Gorbatschow »in einem Zug das deutsche Theorem«, wie Falin des Präsidenten Verhalten kommentiert, und traf Entscheidungen, zu denen er staatsrechtlich nicht bevollmächtigt war. Doch Falins Vorwurf bleibt eine moralische Bewertung, die politischen Weichen waren vor diesem Treffen längst gestellt. Als Endpunkt, sozusagen als Highlight seiner »neuen Deutschlandpolitik«, ließ Gorba­tschow für den nächsten Tag noch einen idyllischen Ausflug in den Kaukasus organisieren. Im Flusstal des Selentschuk, beim malerisch gelegenen Ort Archys bot sich an einem reißenden Bergbach eine grandiose Szenerie: Kohl, in Strickjacke, offerierte dem sowjetischen Präsidenten (im legeren Pullover) und Schewardnadse nochmals die Kreditzusage und die Versicherung, die »Obergrenze« der deutschen Truppen nach der »Vereinigung« bei 370.000 Mann einzufrieren.

Gorbatschow war zufrieden, bedankte sich vor allem für die Kreditbürgschaft der Bundesregierung und entließ die DDR nun nochmals, speziell für Kohl, in die NATO. Der Bundeskanzler musste lediglich noch einen Zuschlag für Stationierungs- und Abzugskosten der Westgruppe der Sowjetarmee zusagen. Auf das vertrauliche Angebot Kohls, nun auch noch jenen Personenkreis aus der DDR-Führung zu benennen, »gegen den keine strafrechtlichen Verfahren eingeleitet werden sollten«, erwiderte der UdSSR-Präsident arrogant: »Die Deutschen würden schon selbst mit diesem Problem fertig.«¹³

Das Szenario von Archys war kein »Wunder im Kaukasus«, sondern die Schmierenkomödie eines verantwortungslosen politischen Hasardeurs. Für Bush aber war das ein Schnäppchenkauf aus dem Perestroika-Nachlass, dessen Ergebnis sich Kohl hier lediglich abholen durfte. Dennoch behauptete er selbstgefällig und legendenbildend im Public-Relations-Stil: »Wir hatten Gorbatschow die volle und uneingeschränkte NATO-Mitgliedschaft des vereinten Deutschland abgerungen.«¹⁴ »Das große Ziel war erreicht. (...) Die Sensation ist perfekt«, jubelte auch Teltschik.¹⁵ Gewiss wird an der Kaukasuslegende weiter gewoben werden, dennoch, die DDR war im Perestroika-Ausverkauf verschleudert worden, sie wurde verschenkt. Soweit ist Falin zuzustimmen, verschenkt wurde sie aber nicht an »die Deutschen«, sondern an jene ökonomischen Machtträger, die – im Besitz von Kapital – aus diesem »Geschenk« ein grandioses Geschäft machten und damit ihre militärische Niederlage vom 8. Mai 1945 egalisieren konnten. Der Spiegel kommentierte damals treffend: »Das Geschäft lief reibungslos« (23.7.1990).

Zwar hat Kohl den Preis später mit einem weiteren Kredit und mit Entschädigungszahlungen für den Rückzug der sowjetischen Streitkräfte aufbessern müssen, um deren Höhe der Bundeskanzler noch hart feilschte, dafür konnte er dann aber auch die DDR nach seinem freien Ermessen und ohne internationale Vorschriften im Zwei-plus-vier-Verfahren abwickeln. Die De-Maizière-Verwaltung plante für das zweite Halbjahr 1990 schon einmal 400.000 Arbeitslose im »neuen Bonner Territorium« ein.

Die rechtliche Abwicklung

Die völkerrechtliche Ausführung dieser Abwicklung der DDR vollzog sich im Rahmen der inzwischen angelaufenen Außenministergespräche. Sie hatten am 5. Mai 1990 in Bonn begonnen und wurden am 12. September 1990 in Moskau mit der Unterzeichnung des »Vertrages über die abschließenden Regelungen in bezug auf Deutschland«, dem sogenannten »Zwei-plus-vier-Vertrag« sowie mit einem »Abzugs- und Stationierungsvertrag« beendet, dem später noch ein »Deutsch-Sowjetischer Freundschaftsvertrag« folgte. Inzwischen hatten Wolfgang Schäuble und Günther Krause einen »Vertrag zwischen der BRD und der DDR über die Herstellung der Einheit Deutschlands« ausgearbeitet, der von ihnen am 31. August 1990 unterzeichnet worden war. Zuvor hatte am 23. August die Volkskammer auf einer Sondersitzung den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland nach Artikel 23 GG beschlossen. Eigentlich hatte Wolfgang Ullmann diesen Antrag schon in der zweiten Junihälfte in der Volkskammer stellen wollen, doch offenbar wollte sich Helmut Kohl – angesichts der Vorgaben aus Washington – die wohldosierte Regie nicht aus der Hand nehmen lassen. Und diese sah vor, dass erst nachdem der »Zwei-plus-vier-Vertrag« unterzeichnet war, der in seinem Artikel 7 die Vier-Mächte-Rechte aussetzte, die im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges von den vier Alliierten 1945 übernommen worden waren, so dass die Vereinigung beider deutscher Staaten möglich wurde. Jede Unvorsichtigkeit hätte die mit Mühe arrangierte Legende gestört, dass die DDR der BRD beigetreten ist. Am 18. September 1990 ließen Schäuble und Krause noch eine Rechtsangleichungsvereinbarung ausarbeiten und dann wurde das komplette Vertragswerk am 20. September vom Deutschen Bundestag und der Volkskammer der DDR fristgemäß und eben auf der Grundlage des Artikels 7 des »Vertrages über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland« verabschiedet, um die Wahlen zum ersten gesamtdeutschen Bundestag am 2. Dezember 1990 zu ermöglichen.

Schachnasarow beantwortete später in einem TV-Gespräch die Frage, ob »die Sowjetunion die DDR im Stich gelassen, verraten« hat, so: »Wenn man von dem Standpunkt des früheren Systems ausgeht, als es zwei Machtblöcke gab und jeder für seinen Teil verantwortlich war und verpflichtet war, seine Verbündeten zu unterstützen, dann ja, selbstverständlich. (...) Aber im Zusammenhang mit dem Begriff des neuen Denkens (...) war es unsere Pflicht so zu handeln, wie es Gorbatschow tat.«¹⁶ Wir haben diesem Eingeständnis keinen Kommentar hinzuzufügen.

Anmerkungen

1 Hans-Dietrich Genscher: Erinnerungen. Siedler-Verlag, Berlin, 1995, S. 724 f.

2 Frank Elbe und Richard Kiessler: Der diplomatische Weg zur deutschen Einheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1996, S. 99

3 James Baker: Drei Jahre, die die Welt veränderten. Erinnerungen. Siedler-Verlag, Berlin, 1996, S. 191

4 Walentin Falin: Konflikte im Kreml. Zur Vorgeschichte der deutschen Einheit und Auflösung der Sowjetunion. Karl-Blessing-Verlag, München, 1997, S. 162

5 Michael R. Beschloss und Strobe Talbott: Auf höchster Ebene. Das Ende des Kalten Krieges und die Geheimdiplomatie der Supermächte 1989–1991. Econ-Verlag, Düsseldorf 1994, S. 252

6 Niederschrift eines Gesprächs von Gregor Gysi mit Walentin Falin am 18.5.1990. Vgl. Detlef Nakath u. a. (Hrsg.): »Im Kreml brennt noch Licht«. Die Spitzenkontakte zwischen SED/PDS und KPdSU 1989–1991. Dietz-Verlag, Berlin 1998, S. 190 ff.

7 Georgi Schachnasarow: Preis der Freiheit. Eine Bilanz von Gorba­tschows Berater. Bouvier-Verlag, Bonn 1996, S. 151

8 Beschloss/Talbott, a. a. O., S. 285 und S. 291 f.

9 Telefonat vom 1.6.1990, siehe: Philip Zelikow/Condoleezza Rice: Sternstunden der Diplomatie. Die deutsche Einheit und das Ende der Spaltung Europas. Propyläen-Verlag, Berlin 1997, S. 387

10 Beschloss/Talbott, a. a. O., S. 294 f.

11 Horst Teltschik: 329 Tage. Innenansichten der Einigung. Siedler-Verlag, Berlin 1991, S. 259 bis 261

12 Schreiben von Bush an Kohl vom 13.6.1990, in: Akten des Bundeskanzleramtes, S. 1.212 f.

13 Walentin Falin: Politische Erinnerungen. Droemer-Verlag, München, 1993, S. 495 f.

14 Helmut Kohl: Ich wollte Deutschlands Einheit [Dargestellt von Kai Diekmann und Ralf Georg Beuth]. Propyläen-Verlag, Berlin 1996, S. 435

15 Teltschik, a. a. O., S. 338 f.

16 Zitiert nach Ekkehard Kuhn: Gorbatschow und die deutsche Einheit. Aussagen der wichtigsten russischen und deutschen Beteiligten. Bouvier-Verlag, Bonn 1993, S. 112

Eberhard Czichon und Heinz Marohn: Das Geschenk. Die DDR im Perestroika-Ausverkauf. 2. Auflage, Papyrossa-Verlag, Köln, 2009, 526 Seiten, 22,90 Euro

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Debatte

  • Beitrag von Dieter R. aus N. (10. September 2020 um 07:29 Uhr)
    Dass DDR und UdSSR ganz »oben« mit miesesten Tricks verramscht und verkauft wurden, war letztlich nur möglich, weil ganz »unten« leider keine politische Substanz für entscheidenden Widerstand mehr vorhanden war.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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