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Aus: Ausgabe vom 10.09.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Löss dö Höhnö fröh!

Baggerfahren im Metal-Himmel: Christian Y. Schmidts »Der kleine Herr Tod« will komisch, ernst und nachdenklich sein
Von Dirk Braunstein
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»Super, super, super nekro«: Illustration aus dem Buch

In der Danksagung wird »Der kleine Herr Tod« als »Kinderbuch für Erwachsene« präsentiert, und der Titel des Buches tut sein übriges, uns an den üblen Brachialkitsch vom kleinen Prinzen zu erinnern. Formal erinnert die lose Erzählweise und das Anarchisch-Kalauerhafte glücklicherweise eher an die Erzählungen von Wiglaf Droste und Gerhard Henschel, »Der Barbier von Bebra« und »Der Mullah von Bullerbü«. Leider aber hören die Gemeinsamkeiten hier auch schon wieder auf. Denn wo Droste und Henschel sprachmächtig und mit grandiosen Einfällen eine Polemik entfalteten, die vor nichts und niemanden zurückschreckte, will Schmidts Erzählung in der Hauptsache lieb sein und hilfreich.

Dem Autor, schreibt der, sei es »einige Zeit gesundheitlich sehr schlecht gegangen«, und man merkt der Erzählung an, dass sie eine Beruhigung gegen den stets drohenden Tod sein soll, indem ein Weiterleben in der Unterwelt ausgemalt wird, das sich vom Leben in der arbeitsorientierten Oberwelt allerdings kaum unterscheidet: Wer oben Gitarrist in einer Death-Metal-Band war, freut sich unten über »diesen Job« als »Baggerfahrerlehrer«. Aber der Reihe nach!

Der kleine Herr Tod fliegt zunächst – erzähltechnisch recht undurchsichtig motiviert – nach Rio de Janeiro, damit wir kapieren, dass er sich in der Oberwelt nicht auskennt. Weil er sich entspannen soll, aber keine Ahnung hat, wie so was geht, hat er einen Fünfpunkteplan aufgestellt: Er will in den Zuckerhut »mal reinbeißen und testen, wie süß er schmeckt«, und er interessiert sich für den »Regenwald mit den Piranhas«, die »einen Menschen, eine Kuh oder sogar einen Elefanten innerhalb von fünf Sekunden bis auf das Skelett abnagten. Das konnte der kleine Herr Tod kaum glauben und wollte es mit eigenen Augen sehen, denn diese Piranhas waren nicht so wahnsinnig groß, und Elefanten gab es in Südamerika schon mal gar nicht, außer vielleicht in Zoos.« – Nein, so wahnsinnig groß sind Piranhas nicht; nee, Elefanten hat’s da schon mal gar nicht; ja, vielleicht in Zoos dann wieder doch. Wer in der Verlagsreklame liest, es handele sich um ein »komisches, ernstes und nachdenkliches Buch«, mag sich fragen, ob überhaupt vom selben Buch die Rede ist. Weiter im Text: Als drittes weiß der kleine Herr Tod: »In Rio wurde eine Riesenparty gefeiert, die sich ›Karneval‹ nannte. Auf Deutsch hieß das so was wie ›Tschüss-Fleisch‹-Party.«

Okay, die beiden anderen Punkte der Verlagswerbung erlassen wir Ihnen, Sie müssen sich an dieser Stelle gewiss erstmal herzlich einen ablachen, weil Ihnen, wieder Verlagsreklame, die Erzählung »mit dunklem Charme und viel Humor zeigt, worauf es im Leben wirklich ankommt«.

Unterdessen sagt der kleine Herr Tod Sachen wie: »Aua, aua, aua. Betrug, Betrug. Der Zuckerhut ist ja gar nicht aus Zucker«, und wer das witzig findet, ist mit einem Kinderbuch tatsächlich gar nicht schlecht bedient. Der mag auch wissend in sich hineinschmunzeln, wenn die Rede kommt auf »diesen riesig langen Bücherfluss, der Amazonas heißt, wegen dieser Buchhandlung im Internet«, derweil – und jetzt müssen Sie wirklich noch mal ganz stark sein! – die Copacabana so heißt, »weil mal eine Frau ihre copa in einer cabana vergessen hat, also Tasse in Umkleidekabine«. Bad Homburg, übrigens, wird betitelt als »Bad Humbug oder so ähnlich«.

Immerhin wird an dieser Stelle paradigmatisch deutlich, woran es humortechnisch generell hapert. Denn auf seiner Rückreise aus Brasilien landet der kleine Herr Tod »in Frankfurt am Main. Puh, ausgerechnet in der hässlichsten Stadt von Deutschland.« – Okay, Boomer! Puh, es ist so: Menschen, Tiere, Steine, Orte, Länder, ganze Kontinente zu beleidigen ist eine gute und fast stets gerechte, weil gerechtfertigte Sache. Aber: Ohne Polemik ist alles bloß selbstgerechte Ansichtssache und daher so freud- wie witzlos. Jeder weiß, dass Frankfurt bei weitem nicht die hässlichste Stadt »von Deutschland« ist, genauso wenig wie Köln, das an anderer Stelle ebenso platt plattgemacht wird. Wer je sich in Wüsteneien wie Oberhausen, Hannover, Leverkusen u. a. hässlichen Unorten Deutschlands aufzuhalten vom Schicksal gezwungen war, weiß das. Lustig kann die offenkundig unwahre Behauptung nur werden, indem ihr eine, und sei es noch so haltlose, Begründung mitgegeben wird, andernfalls wird’s schnell kindisch: »Du bist am doofsten!«

Apropos kindisch: Wenn der kleine Herr Tod, der in der Unterwelt bei der Firma »Hades, Thanatos, Hypnos & Co.« für die Hühner zuständig ist, einen »waschechten Burnout« hat, denkt er: »Und dafür habe ich nun Sterbologie studiert und im Nebenfach noch Death Metal«, und der Erzähler seufzt ergänzend: »Immer nur das Federvieh.« Und weil Theodor Tod, wie der kleine Höllenprinz heißt, seinen irgendwie waschechten Burnout hat, heißt es waschecht weiter im Text: »›Was hatte ich für Flausen im Kopf gehabt, als ich zum ersten Mal vor dem großen Verwaltungshochhaus von Hades, Hypnos und Co. stand‹, schoss es ihm durch den Kopf. ›Flausen so groß wie die Beckenknochen von Echsenbeckensauriern.‹« Uns dünkt allerdings, dass das Kaufmanns-Und im Firmennamen abhandengekommen ist, Hochhäuser immer groß sind, weshalb sie ja vermutlich auch so heißen, sowie schließlich, dass derart Gedrechseltes niemandem durch den Kopf »schießt«, gleichgültig ob in der Unter-, Zwischen- oder Oberwelt oder gar in Frankfurt am Main. Unklar bleibt, ob derlei einfach schlecht geschrieben oder – Himmel, hilf! – »augenzwinkernd« gemeint ist. Unerfreulich bleibt es allemal.

Jedenfalls lernt der kleine Herr Tod zufällig noch Stephan kennen, einen an Leukämie erkrankten Jungen, den alle inklusive des Erzählers nur »Bengel« nennen. Beide werden kinderbuchapprobiert beste Freunde und gründen eine Death-Metal-Band, um mit ihrer Musik allen, die »Bengel« schon mal »blöd gekommen sind«, auf die Nerven zu gehen. Ihr Feldzug gegen das Blöde führt die beiden u. a. zu einer Hühnerschlächterei im Emsland (die unschwer als Franz-Josef Rothkötter GmbH & Co. KG zu identifizieren ist), deren Chef, der »größte Hühnerbaron aller Zeiten«, Goetz Zuckmayer, den Mast-, Schlacht- und insgesamt Scheißbetrieb nicht bloß des Geldes wegen unterhält, sondern auch, weil er hier als Sadist seinen Spaß haben kann. An dieser Stelle, immerhin, mussten wir tatsächlich sehr lachen: Als der kleine Herr Tod und »Bengel« Zuckmayer einen gefake­ten Hühnergott präsentieren, der sich an ihm für den Sadismus rächen will, lassen die zwei Freunde ihn, den Fake-Gott, in Death-Metal-Manier growlen: »Löss dö Höhnö fröh!« Weil die beiden daran ihren Spaß haben, grölt »Bengel« überraschenderweise noch die Frage: »Wösst dö, wös Ödöno zöm Jörgön dör Ögöntlöchköt gesögt höt?« Wir wissen es. Zum Beispiel: »Ör vörfögt öbör önö böschödönö Önzöhl sögnölhöft önschnöppöndör Wörtör.«

Am Ende wird alles gut bzw. »super, super, super nekro«, weil »Bengel« weiß, dass er in den Metal-Action-Himmel kommen wird, wo er bis ans Ende aller Tage Bagger fahren kann, der kleine Herr Tod bekommt eine Beförderung, alle freuen sich und tanzen. »›Nekrissimo‹, schrie der kleine Herr Tod so laut, dass alle ein bisschen zusammenzuckten.«

Kann man machen. Aber wozu?

Christian Y. Schmidt: Der kleine Herr Tod. Rowohlt, Berlin 2020, 144 Seiten, 16 Euro

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