Gegründet 1947 Dienstag, 20. Oktober 2020, Nr. 245
Die junge Welt wird von 2422 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 10.09.2020, Seite 5 / Inland
Demonstration

Rote Welle in Berlin

Coronakrise macht Veranstaltungsbranche zu schaffen. Mehrere tausend Menschen folgen Aufruf von Aktionsbündnis
Von Raphaël Schmeller
13.jpg
DJs, Künstler, Musiker und Veranstalter fordern mehr Hilfen vom Staat (Berlin, 9.9.2020)

Der Initiator der Demonstration, Dirk Wöhler, Präsident des Berufsverbands Discjockey e. V., hatte es im Vorfeld oft wiederholt: »Es wird ein Protest sein, bei dem die Maskenpflicht, die Abstandsregeln sowie alle anderen Hygienevorschriften unbedingt eingehalten werden.« Die Veranstaltung richte sich nicht gegen die Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung der Pandemie, sondern werbe für Gespräche und finanzielle Hilfen, um die Veranstaltungsbranche zu retten. Nur wenige Tage nach dem Aufmarsch der Coronaleugner in Berlin schien es dem Veranstalter wichtig, sich von »Reichsbürgern« und Co. zu distanzieren. Und vielleicht ging es auch ein wenig darum, die schlechten Erinnerungen an eine Berliner Kundgebung vom 1. Juni für die Erhaltung der Klubkultur wettzumachen. Damals hatten etwa 3.000 Teilnehmer dichtgedrängt eine Technoparty am Landwehrkanal gefeiert, nur ein kleiner Teil der Gäste hatte die Schutzmaßnahmen zur Eindämmung der Pandemie befolgt.

Nach fast sechs Monaten ohne Geschäftstätigkeit und Umsatzeinbrüchen von 80 bis 100 Prozent hatte das Bündnis »Alarmstufe Rot« zu einer Großdemonstration am Mittwoch in Berlin aufgerufen. In den letzten Wochen hatten sich die einflussreichsten Initiativen, Verbände und Vereine der Branche deutschlandweit zusammengeschlossen, um das Bündnis auf die Beine zu stellen. Dies geschah, nachdem die Politik die Branche dazu aufgefordert hatte, einen zentralen Gesprächspartner zu stellen.

Trotz Anwesenheit Zehntausender in Rot eingekleideter Demonstranten wurden die Mindestabstände streng eingehalten, Desinfektionsmittel verteilt und Masken getragen. Die Protestierenden kamen aus den verschiedensten Bereichen der Branche: Theaterschauspieler, Künstler, Musiker, Unternehmer. Ein bunter Haufen also, in dem auch Plakate gegen Hartz-IV-Sanktionen und gegen rechts sowie Aufrufe, das Flüchtlingslager Moria zu befreien, ihren Platz hatten.

Falko Larsak, soloselbständiger Licht- und Tontechniker, ist seit zwei Monaten auf Hartz IV angewiesen. Er fällt aus dem jetzigen Hilfsprogramm der Bundesregierung raus. »Der Staat soll mal schauen, wer wirklich das Geld benötigt«, sagte er während der Demonstration zu jW. Im Hintergrund ertönte Technomusik von Lkws, auf denen DJs hinter ihren Pults performen, davor tanzende Menschen.

Doch so fröhlich, wie es aussieht, ist es nicht. Die »vergessene Branche«, wie sie sich selbst nennt, steht kurz vor dem Aus. Faktisch ist den Unternehmen der Veranstaltungswirtschaft mit dem Verbot der allermeisten Veranstaltungen die Arbeitsgrundlage entzogen. Rund eine Million direkt Beschäftigte sind betroffen, der sechstgrößte Wirtschaftszweig der BRD mit früher 130 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr steht still. Kein anderer Wirtschaftszweig leidet so sehr an den Folgen der Pandemie.

Nun ist also die Politik gefordert. Auf einer Pressekonferenz im Vorfeld der Demonstration präsentierte das Bündnis seine sechs Forderungen an die Regierung, um die Veranstaltungswirtschaft zu retten. Entscheidend ist dabei, dass auf einen Dialog auf Augenhöhe gesetzt wird. Hierfür fordert das Bündnis, dass ein Bundesbeauftragter für das Problem eingesetzt wird. Nur so könne ernsthaft über den Erhalt von Millionen von Arbeitsplätzen sowie von Tausenden Ausbildungsverhältnissen diskutiert werden.

Jörn Huber, Vorstandsvorsitzender des Kommunikationsverbands Famab e. V., beklagte, dass die Hilfen nicht ankämen. Nur ein Prozent der Hilfen sei bisher beantragt worden. Besonders Soloselbständige seien betroffen. Daher fordere das Bündnis ein Überbrückungsprogramm für alle Unternehmensgrößen, die Umsatzeinbrüche ab 60 Prozent verzeichneten. Die Programmlaufzeit solle außerdem bis mindestens zum 31. März nächsten Jahres verlängert werden. Neben einer Anpassung der aktuellen Kreditprogramme will das Bündnis auch eine Flexibilisierung der Kurzarbeiterregelung erreichen. Damit ist gemeint, dass Beschäftigte trotz des Kurzarbeitergeldes in den Unternehmen für notwendige Tätigkeiten arbeiten können. Dazu soll die Bezugsdauer auf 24 Monate inklusive Sozialversicherungsbeiträge verlängert werden. Nur so könne sich der Sektor für die Zukunft vorbereiten und neue Strategieprojekte erarbeiten.

Gegenüber jW sagte Huber, er hoffe, dass die Bundesregierung jetzt auf die Situation in der Branche ernsthaft reagiere. Dafür müsse man geschlossen auftreten und, wenn nötig, weiter Druck ausüben.

Dem Veranstalter zufolge beteiligten sich rund 15.000 Teilnehmer an der Demonstration. Außerdem brach ein Fahrzeugkorso am Olympiastadion auf. Gemeinsames Ziel war das Brandenburger Tor.

Unverzichtbar!

»Die einzige deutschsprachige Tageszeitung, die konsequent an der Seite Kubas steht. Das macht die junge Welt für mich unverzichtbar.« Petra Wegener, Vorsitzende der Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

Debatte

  • Beitrag von Franz L. aus S. (10. September 2020 um 06:52 Uhr)
    Mit Geld lassen sich die Probleme nicht lösen. Grundlage allen Geldes ist die menschliche Arbeit. Wenn die Kulturschaffenden und Soloselbständigen nicht kapieren, dass die eingebildete Pandemie die Ursache ihrer Probleme ist, werden sie nicht weit kommen. Wer meint, sich von der großen Demonstration am 29. August distanzieren zu müssen, um sich bei den herrschenden Parteien lieb Kind zu machen, wird aufs Maul fallen.
    • Beitrag der jW-Redaktion (10. September 2020 um 09:14 Uhr)
      Liebe Leser, wir möchten doch gerne darauf hinweisen, dass »Corona« keine Einbildung ist, auch wenn das in verschiedenen Kommentaren immer wieder behauptet wird. Zu unserem Standpunkt zum Beispiel:

      www.jungewelt.de/artikel/385398.kleines-corona-kompendium.html

      www.jungewelt.de/artikel/378457.die-pandemie-und-die-folgen-katalysator-corona.html

      www.jungewelt.de/artikel/383269.pandemie-und-%C3%B6konomie-hauptsache-zahlungsf%C3%A4hig.html

      (jt)
      • Beitrag von Marco O. aus B. (10. September 2020 um 10:24 Uhr)
        Richtig, Corona ist keine Einbildung.

        Es gibt dieses Virus.

        Aber von einer Pandemie kann man bei unter 0,4 Prozent Infizierten der Weltbevölkerung auch nicht sprechen.

        Und bei 0,012 Prozent Todesrate erst recht nicht.
  • Beitrag von Thomas W. aus K. (10. September 2020 um 20:44 Uhr)
    Es gab 2020 eine Pandemie nur nach den »neuen« Regeln der WHO vom 27. April 2009, die mutmaßlich von der Pharmaindustrie durchgesetzt wurden. Wer behauptet, »Coronaleugner« seien am 29. August »marschiert«, lügt. Schande für diese Zeitung und ihre Zeugen Coronas. Bill und Melinda werden Euch impfen, aber nicht retten.

Regio:

Mehr aus: Inland