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Aus: Ausgabe vom 09.09.2020, Seite 12 / Thema
Coronapandemie

Pandemischer Kapitalismus

Covid-19 hat die gesellschaftliche Ungleichheit nicht ausgelöst, verschärft sie aber zunehmend. Über die unsozialen Folgen der Krisenpolitik
Von Christoph Butterwegge
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Die Pandemie macht es schwieriger, die ohnehin geringe Hilfe für arme Menschen aufrechtzuerhalten. Mit Schutzvorkehrungen werden hier an einer Verteilstation der Essener Tafel dennoch Lebensmittel geliefert (30.5.2020)

Während die ökonomischen Verwerfungen der Covid-19-Pandemie, die globale Rezession und die politischen Entscheidungen zu staatlichen Infektionsschutzmaßnahmen und Hygienevorschriften sowie Protestaktionen in der Öffentlichkeit unseres Landes große Aufmerksamkeit finden, sind die sozialen Folgen bislang eher unterbelichtet geblieben. Dabei hat die Ausnahmesituation das Phänomen der gesellschaftlichen Ungleichheit, ein Kardinalproblem der meisten Länder und der Menschheit insgesamt, wie unter einem Brennglas sichtbar gemacht. Wie nie zuvor nach dem Zweiten Weltkrieg wurde erkennbar, dass ein großer Teil der Bevölkerung – trotz eines verhältnismäßig hohen Lebens- und Sozialstandards sowie entgegen allen Beteuerungen des sogenannten (partei)politischen und publizistischen Mainstreams, bei der Bundesrepublik handle es sich um eine »klassenlose« Gesellschaft mit gesichertem Wohlstand all ihrer Mitglieder – nicht einmal für kurze Zeit ohne seine ungeschmälerten Regeleinkünfte auskommt.

Schweinisch statt rheinisch

Der französische Ökonom Michel Albert hat die deutsche Gesellschaft kurz nach der »Vereinigung« von BRD und DDR zusammen mit der in den Niederlanden und der Schweiz sowie den skandinavischen Staaten und Japan als »rheinischen Kapitalismus« bezeichnet und diesen dem angelsächsischen bzw. US-amerikanischen Wirtschaftsmodell idealtypisch gegenübergestellt. Obwohl das rheinische Modell gerechter und effizienter sei, werde sich das ultraliberale, weniger egalitäre Modell des US-Kapitalismus, bedingt durch die Entwicklung der modernen Informations- und Kommunikationstechnologien sowie die neoliberale Globalisierung der Finanzwirtschaft, über die ganze Welt ausbreiten, prognostizierte Albert damals.

Tatsächlich hat in den vergangenen Jahrzehnten – feuilletonistisch ausgedrückt – ein Wandel vom rheinischen zum »schweinischen Kapitalismus« stattgefunden. Bei dem letzteren handelt es um ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das brutale Ausbeutung, drastische Entrechtung der Beschäftigten, systematisches Lohn- und Sozialdumping, skrupellose Leuteschinderei und in der Fleischindustrie massenhafte Tierquälerei duldet sowie der Profitmaximierung durch eine kleine Gruppe von Multimillionären und Milliardären, die eng mit Exponenten des politischen Systems verbunden sind, praktisch keine Grenzen setzt.

Dies wurde nie deutlicher als während der Covid-19-Pandemie: Mehr als 1.400 Beschäftigte der größten Fleischfabrik Europas, in der man täglich Zehntausende Schweine schlachtet, zerlegt und weiterverarbeitet, wurden im Juni 2020 positiv auf SARS-CoV-2 getestet. Darunter waren besonders viele polnische, rumänische und bulgarische Werkvertragsarbeiterinnen und -arbeiter, die unter skandalösen Arbeits- und Wohnbedingungen litten. Alle seinerzeit am Hauptsitz des Fleischkonzerns Tönnies in Rheda-Wiedenbrück tätigen Menschen mussten sich mitsamt ihren Familien in Quarantäne begeben, weil eine massenhafte Ansteckung mit dem Virus befürchtet wurde. Kurz darauf drang an die Öffentlichkeit, dass der Fleischbaron Clemens Tönnies eine beträchtliche Summe an die nordrhein-westfälische CDU gespendet (laut der Datenbank Lobbypedia wurden vom Tönnies-Konzern seit 2005 rund 147.000 Euro an die CDU gespendet; jW) und der frühere SPD-Vorsitzende, Wirtschaftsminister und Vizekanzler Sigmar Gabriel von März bis Ende Mai 2020 gutdotiert als Berater für die ­Familienholding gearbeitet hatte.

Sozioökonomische Gleichmacher?

Seuchen haben in der Vergangenheit oftmals zur Verringerung der Ungleichheit beigetragen, wenn auch nur für eine gewisse Zeit. Dies geschah etwa bei der mittelalterlichen Pest, die in Europa ab 1347 unzählige Menschen aller Stände dahinraffte, woraufhin die Lebensmittel-, Boden- und Immobilienpreise wegen fehlender Käuferinnen und Käufer sanken, wohingegen die Löhne wegen fehlender Arbeitskräfte und einer gestärkten Position der Arbeiter, die überlebten, stiegen.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als seien vor einem Virus alle Menschen gleich. Bezüglich der Infektiosität von Coronaviren trifft diese Aussage zu, im Hinblick auf das Infektionsrisiko allerdings nicht. So traf die Covid-19-Pandemie alle Menschen, aber keineswegs alle gleichermaßen. Je nach Arbeitsbedingungen, Wohnverhältnissen und Gesundheitszustand waren sie vielmehr ganz unterschiedlich betroffen. Wegen der niedrigen Lebenserwartung von Armen, die rund zehn Jahre geringer ist als die von Reichen, gilt selbst in einer wohlhabenden, wenn nicht reichen Gesellschaft wie der Bundesrepublik Deutschland die zynische Grundregel: Wer arm ist, muss früher sterben. Während der Coronapandemie galt: Wer arm ist, läuft eher Gefahr zu sterben. Denn das Infektionsrisiko von Arbeitslosen, Armen und sozial Abgehängten war deutlich höher als das von Reichen.

Mit den bakteriell ausgelösten Epidemien, die Deutschland im 19. Jahrhundert heimsuchten – Cholera, Tuberkulose und Typhus –, hat die Covid-19-Erkrankung gemeinsam, die Immun- und Einkommensschwächsten am stärksten zu treffen. Untersuchungen aus den USA zeigen, dass die afroamerikanische Minderheit dort besonders stark von einer Covid-19-Erkrankung betroffen ist, wo diejenigen wohnen, die das Leben der Reichen durch ihre meist schlecht entlohnten Servicedienste erleichtern und verschönern. Ebenso in Brasilien, wo sich das Virus hauptsächlich in den Favelas eingenistet hat.

Gesellschaftliche Spaltung

Sozial bedingte Vorerkrankungen wie Adipositas (Fettleibigkeit), Asthma, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Rheuma oder COPD (Raucherlunge), katastrophale Arbeitsbedingungen sowie beengte und hygienisch bedenkliche Wohnverhältnisse erhöhen das Risiko für eine Infektion mit SARS-CoV-2 bzw. für einen schweren Covid-19-Krankheitsverlauf. Die finanzschwächsten Bevölkerungsgruppen, zu denen Obdach- und Wohnungslose, aber auch andere Bewohnerinnen und Bewohner von Gemeinschaftsunterkünften wie Gefangene, Geflüchtete sowie Werkvertrags- und Saisonarbeiterinnen und -arbeiter, Migrantinnen und Migranten ohne gesicherten Aufenthaltsstatus, Menschen mit Behinderungen, Pflegebedürftige, Suchtkranke, Prostituierte, Erwerbslose, Geringverdienerinnen und -verdiener, Kleinstrentnerinnen und -rentner und Transferleistungsbezieherinnen und -bezieher gehören, sind größtenteils auch die immunschwächsten.

Durch wochenlange Kontaktverbote, Ausgangsbeschränkungen und Einrichtungsschließungen wurde die ohnehin brüchige Lebensgrundlage der ärmsten Menschen, die aufs Betteln, Pfandflaschensammeln oder das Verkaufen von Straßenzeitungen angewiesen sind, zerstört, weil Passanten ausblieben und die Furcht der verbliebenen davor, sich zu infizieren, manchmal zum Totalausfall der Einnahmen führten, was stärkere Verelendungstendenzen in diesem Sozialmilieu nach sich zog. Die finanzielle Belastung unterprivilegierter Bevölkerungsgruppen nahm durch die Schließung der meisten Lebensmitteltafeln weiter zu.

Die durch das Coronavirus bewirkte Zerstörung von Lieferketten und Vertriebsstrukturen, der Verlust von Absatzmärkten sowie die als Reaktion auf die Covid-19-Pandemie behördlich verordnete Schließung von Geschäften, Gaststätten, Hotels, Klubs, Kinos, Theatern und anderen Einrichtungen hatten erhebliche wirtschaftliche Einbußen und Konkurse oder Entlassungen für die dort Tätigen zur Folge. Die schon jetzt als größte Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg geltende ökonomische Krise warf nicht bloß ein Schlaglicht auf die hierzulande bestehende Ungleichheit, sondern verschärfte sie in Teilbereichen vielmehr noch. Einerseits blieben Kurzarbeit sowie Entlassungen (z. B. in der Gastronomie, im Tourismus und in der Luftfahrtindustrie) nicht aus, andererseits realisierten Großkonzerne krisenresistenter Branchen (z. B. Lebensmitteldiscounter, Drogeriemärkte, Versandhandel, Lieferdienste, Digitalwirtschaft und Pharmaindustrie) in der Coronakrise sogar Extraprofite.

Unter dem Druck der Krise, die zu Einkommensverlusten durch Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und Bankrotten geführt hat, kauften mehr Familien bei Lebensmitteldiscountern ein, um Haushaltsgeld zu sparen, wodurch die Besitzer von Ladenketten wie Aldi Nord, Aldi Süd und Lidl noch reicher geworden sein dürften. Schon vorher war beispielsweise das Privatvermögen von Dieter Schwarz, dem Eigentümer von Lidl und Kaufland, mit 41,5 Milliarden Euro (Stand: September 2019) veranschlagt worden. Zu den mutmaßlichen Krisengewinnlern gehört auch der Münchner Multimilliardär Heinz Hermann Thiele, der im März 2020 bei der Lufthansa billig einstieg, seinen Aktienanteil auf dem Höhepunkt der Covid-19-Pandemie aufstockte und als neuer Hauptaktionär das mit Staatsgeldern vor der Insolvenz bewahrte Unternehmen, die Betriebsräte sowie die Gewerkschaften von Piloten, Flugbegleiterinnen und -begleitern und des Bodenpersonals zu Personaleinschnitten, Gehaltseinbußen, einer Kürzung der Betriebsrenten und einem Verzicht auf Sonderzahlungen nötigte.

Hilfspakete und Rettungsschirme

Bund, Länder und Gemeinden haben in der Coronakrise nach kurzem Zögern fast über Nacht mehr als 1,5 Billionen Euro für direkte Finanzhilfen, Bürgschaften und Kredite bereitgestellt. Letztere wurden über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) abgewickelt und kamen in erster Linie großen Unternehmen zugute, während kleine und mittlere nur mit einmaligen Zuschüssen unterstützt wurden, die zur Deckung der laufenden Betriebskosten, aber nicht zur Bestreitung des Lebensunterhalts verwendet werden durften.

Mit dem »Gesetz zur befristeten krisenbedingten Verbesserung der Regelungen für das Kurzarbeitergeld« ermächtigte das Parlament die Bundesregierung, bis zum 31. Dezember 2021 befristet per Rechtsverordnung festzulegen, dass fast die gesamten Lohnkosten von Unternehmen (einschließlich der sogenannten Arbeitgeberbeiträge zur Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung) getragen werden, sofern mindestens zehn Prozent der in einem Betrieb beschäftigten Arbeitskräfte zu mindestens zehn Prozent vom Entgeltausfall betroffen sind. Zwar konnten fortan auch Leiharbeiterinnen und -arbeiter das Kurzarbeitergeld beziehen; dieses betrug aber zunächst höchstens 60 Prozent des pauschalierten Nettoentgelts für Kinderlose und 67 Prozent des pauschalierten Nettoentgelts, sofern Kinder im Haushalt lebten. Überstundenzuschläge, Einmalzahlungen sowie steuer- und beitragsfreie Zuschläge für Sonntags-, Feiertags- und Nachtarbeit blieben bei der Berechnung unberücksichtigt, was im Falle der »Kurzarbeit null« nicht bloß für Geringverdienende drastische Einbußen gegenüber ihrem früheren Lohn und gravierende Einschränkungen ihres gewohnten Lebensstandards mit sich brachte.

Mit dem »Sozialschutz-Paket II« wurde das Kurzarbeitergeld bis zum Jahresende befristet auf 70 bzw. 77 Prozent nach drei Monaten und auf 80 bzw. 87 Prozent nach sechs Monaten angehoben, sofern die Arbeitszeit um mindestens 50 Prozent reduziert war. Außerdem erweiterte der Gesetzgeber die Hinzuverdienstmöglichkeiten für Kurzarbeiterinnen und -arbeiter. Sinnvoller wäre die Schaffung eines Mindestkurzarbeitergeldes gewesen, wie es den CDU-Sozialausschüssen vorschwebte, weil Geringverdienende davon stärker profitiert hätten als Besserverdienende. Um drei Monate verlängert wurde die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I für diejenigen Erwerbslosen, deren Anspruch sonst zwischen dem 1. Mai und 31. Dezember 2020 geendet hätte.

Selbst die beiden »Sozialschutz-Pakete« der CDU/CSU-SPD-Koalition wiesen allerdings eine verteilungspolitische Schieflage auf. Während der Arbeitslosengeld-II-Bezug für von der Coronakrise geschädigte Soloselbständige erleichtert wurde, indem man die strenge Vermögensprüfung für sie vorübergehend aussetzte und ein halbes Jahr lang die Angemessenheit der Wohnung stillschweigend voraussetzte, erhielten langjährige Hartz-IV-Bezieherinnen und -bezieher selbst dann keinen Ernährungszuschlag, wenn ihre Kinder während der Kita- und Schulschließungen zu Hause verpflegt werden mussten, anstatt wie sonst kostenfrei die Gemeinschaftsverpflegung in der öffentlichen Betreuungseinrichtung zu nutzen.

Obwohl das »Konjunktur- und Krisenbewältigungspaket« sowie das »Zukunftspaket« auch sinnvolle Vorschläge enthielten, begünstigten sie ebenfalls die materiell Bessergestellten. Überbrückungshilfen für Branchen, die von einem »Coronabedingten Umsatzausfall« betroffen waren, stellten mit Kosten in Höhe von 25 Milliarden Euro den größten Einzelposten des Konjunktur- und Krisenbewältigungspakets dar. Kaum weniger teuer wird die Senkung des Mehrwertsteuersatzes von 19 Prozent auf 16 Prozent bzw. von sieben Prozent auf fünf Prozent, die dem Staat einen Einnahmeausfall in Höhe von 20 Milliarden Euro bescheren kann.

Ein niedrigerer Mehrwertsteuersatz ist an sich durchaus wünschenswert, weil diese Steuerart arme Personen, die einen Großteil ihres Einkommens in den Alltagskonsum stecken (müssen), am härtesten trifft. Nur wird kaum ein Händler wegen der befristeten Mehrwertsteuersenkung die Preise seiner Waren für die Dauer eines halben Jahres senken, sondern die meisten Unternehmer dürften die geringere Umsatzsteuerabführung ans Finanzamt als zusätzlichen Gewinn für sich verbuchen, ganz unabhängig davon, ob sie Umsatzeinbrüche wegen der Covid-19-Pandemie erleiden oder nicht. Man kann von einem steuerpolitischen Paradox sprechen: Existiert keine oder eine niedrige Umsatzsteuer, nützt das vor allem den Armen. Von einer Senkung der in der Bundesrepublik 1968 eingeführten Steuer profitieren die Armen trotzdem nur selten.

Je umsatzstärker (und vermutlich auch größer und kapitalkräftiger) ein Unternehmen ist, um so stärker profitiert es von der Mehrwertsteuersenkung, falls es diese überhaupt an seine Kundinnen und Kunden weitergibt. Passgenau sind die Hilfen für Unternehmen daher nicht. Bei der Ausweitung des steuerlichen Verlustrücktrags, der Einführung einer degressiven Abschreibung für Abnutzung (AfA) mit einem höheren Faktor und maximal 25 Prozent pro Jahr für bewegliche Wirtschaftsgüter des Anlagevermögens 2020/21 und der unbefristeten »Modernisierung« des Körperschaftsteuerrechts (Einführung eines Optionsmodells zur Körperschaftsteuer für Personengesellschaften) handelt es sich um drei ziemlich teure Steuergeschenke, die der Wirtschaftsflügel der Unionsparteien den Unternehmern schon lange machen wollte.

Die »Sozialgarantie«

Um eine Steigerung der gesetzlichen »Lohnnebenkosten« – gemeint sind die Beiträge der Kapitalseite zur Sozialversicherung – zu verhindern, hat die große Koalition mit ihrer »Sozialgarantie 2021« einer alten Forderung der Unternehmerverbände nachgegeben, die Sozialversicherungsbeiträge durch den Einsatz von Steuermitteln bei 40 Prozent vom Bruttolohn oder -gehalt zu deckeln. Arbeiterinnen und Arbeiter haben ein sehr viel weniger ausgeprägtes Interesse an niedrigen Sozialversicherungsbeiträgen als die Kapitalseite, weil dadurch zwar ihr verfügbares Monatseinkommen steigt, das Leistungsniveau der gesetzlichen Krankenversicherung, der Arbeitslosenversicherung, der gesetzlichen Rentenversicherung und der sozialen Pflegeversicherung aber tendenziell sinkt.

Die am härtesten von der Pandemie betroffenen Personengruppen wurden – wenn überhaupt – nur ganz am Rande bedacht. Verlängert wurde der erleichterte Zugang in die Grundsicherung für Arbeitsuchende (Arbeitslosengeld II), welcher Soloselbständigen und Kleinstunternehmerinnen und -unternehmer zugutekommt, deren Existenz bedroht war, die aber ein das Schonvermögen überschreitendes Vermögen oder eine teure Mietwohnung haben. Transferleistungsbezieherinnen und -bezieher, die schon länger Arbeitslosengeld, Sozialgeld, Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung oder Asylbewerberleistungen erhielten, hatten davon nichts.

Eltern bekommen im Herbst 2020 in zwei Raten eine Einmalzahlung von 300 Euro pro Kind, die bei höheren Einkommen mit dem steuerlichen Kinderfreibetrag verrechnet wird. Zwar hilft dieser »Kinderbonus« den Familien im Hartz-IV-Bezug etwas, weil er nicht auf das Arbeitslosengeld II bzw. das Sozialgeld angerechnet wird. Familien werden jedoch mit dieser Einmalzahlung abgefunden, während man kriselnden Unternehmen zum Teil eine längerfristige Förderung in Aussicht stellte.

Ausländerinnen und Ausländern, die beispielsweise als Geduldete im Jahr 2020 nicht mindestens einen Monat lang Anspruch auf Kindergeld hatten, gehen leer aus. Familien im Transferleistungsbezug wäre eher mit einem Ernährungszuschlag in Höhe von 100 Euro pro Monat gedient gewesen, wie ihn Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbände und Kirchen forderten, weil im Frühjahr viele Lebensmitteltafeln geschlossen und die Preise für Frischeprodukte gestiegen waren. Eine gezielte Unterstützung von Bedürftigen wäre nicht bloß moralisch geboten, sondern auch ökonomisch sinnvoll, weil dadurch die Massenkaufkraft gestärkt würde. Finanzschwache tragen zusätzliches Einkommen sofort in die Geschäfte, es fließt also zurück in den Wirtschaftskreislauf und kurbelt die Binnenkonjunktur an. Geld, das die Armen erhalten, landet weder auf dem Bankkonto noch an den Börsen.

Das kostenlose Mittagessen für bedürftige Kinder konnte bei geschlossenen Schulen und Kindertagesstätten aufgrund des »Sozialschutz-Pakets II« zwar nach Hause geliefert werden. In der Praxis zeigte sich jedoch, dass die Träger der besagten Einrichtungen zur Belieferung von Privathaushalten meistenteils gar nicht in der Lage waren und Eltern die Ernährung für ihren Nachwuchs auch weiterhin ohne zusätzliche Finanzmittel sicherstellen mussten. Die entstandenen Mehrkosten wurden den Eltern im Transferleistungsbezug nicht erstattet, wie sie auch häufig keine digitalen Endgeräte und keinen WLAN-Zugang für das »Homeschooling« hatten.

Alleinerziehenden gewährte die große Koalition aufgrund ihres höheren Betreuungsaufwandes und der damit verbundenen finanziellen Mehraufwendungen auf zwei Jahre befristet einen höheren Entlastungsbetrag, den allerdings nur solche Elternteile nutzen können, die Steuern auf ein relativ hohes Einkommen zahlen müssen. Die von Armut betroffenen oder bedrohten Alleinerziehenden – das waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes schon vor Covid-19-Pandemie, Lockdown und Rezession immerhin 42,7 Prozent aller Alleinerziehenden – kommen nicht in den Genuss dieser Maßnahme.

Dieser Konstruktionsfehler einer an sich durchaus zweckmäßigen Maßnahme ist typisch für die Regierungspolitik von CDU, CSU und SPD. Wenn sie einem Vergabeprinzip folgt, ist es die »Leistungsgerechtigkeit«, bei der es um den ökonomischen Erfolg einer Personengruppe geht, die Hilfe braucht: Gewinneinbußen vor der Covid-19-Pandemie rentabler Unternehmen wollte die große Koalition mittels finanzieller Soforthilfen ausgleichen und Lohn- bzw. Gehaltseinbußen sozialversicherungspflichtig Beschäftigter mittels Kurzarbeitergeld abmildern. Wer Transferleistung empfängt, hatte durch den Lockdown hingegen scheinbar nichts verloren und daher auch wenig zu erwarten.

Die Lehre der Krise

Während zahlreiche Unternehmen, darunter auch solche mit einer robusten Kapitalausstattung, von der Bereitschaft des Staates zu einer hohen Neuverschuldung (Abschied von der schwarzen Null und den Restriktionen der sogenannten Schuldenbremse) profitierten, mussten sich die Finanzschwachen im Vergleich mit den Fördermaßnahmen für die Wirtschaft bescheiden. Da bei ihnen von den milliardenschweren Hilfspaketen und Rettungsschirmen für die Unternehmen kaum etwas ankam, stieg ihre Überschuldung während der historischen Ausnahmesituation.

Von einem »Ungleichheitsvirus«, wie der Historiker Colin Gordon es nennt, kann trotz der sozioökonomischen Polarisierungs- und Entsolidarisierungstendenzen nicht die Rede sein. Denn weder hat SARS-CoV-2 die Kluft zwischen Arm und Reich verursacht, noch war das neuartige Coronavirus für die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verantwortlich, auf die es traf. Unter ihnen ließ Covid-19 die bestehenden Interessengegensätze nur deutlicher hervortreten, während sie der Lockdown und die staatlichen Rettungspakete zuspitzten. Nicht das Coronavirus ist demnach unsozial, sondern eine reiche Gesellschaft, die ihre armen Mitglieder nur unzureichend vor einer Infektion und den wirtschaftlichen Verwerfungen der Pandemie schützt.

Die durch SARS-CoV-2 ausgelöste Existenzkrise zahlloser Menschen verweist nicht zuletzt auf die Krisenhaftigkeit des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Für den Fall, dass die Pandemie, der Lockdown und die coronabedingte Rezession – wie oft behauptet – tiefe Spuren im Kollektivgedächtnis der Bundesrepublik hinterlassen, müssten sie eine nachhaltige öffentliche Debatte über die sozioökonomische Ungleichheit und Möglichkeiten ihrer Reduktion auslösen, zumal sich das Problem im Gefolge dieser Ereignisse noch verschärfte.

Nach den positiven Erfahrungen vieler Unternehmen mit Homeoffice, Online-Workshops und Videokonferenzen im Lockdown dürfte am Ausbau der digitalen Infrastruktur verstärkt gearbeitet werden. Hingegen ist die Lobby für den Ausbau der sozialen, Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur sowie die Erweiterung der öffentlichen Dienstleistungen im Pflegebereich und im Gesundheitswesen politisch weniger einflussreich. Darüber hinaus ist eine grundlegende Veränderung des kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems nötig, damit die Menschheit in der Zukunft existentielle Herausforderungen bestehen kann. Wenn die Coronakrise eines gelehrt hat, dann jedenfalls, dass die Produktions-, Konsum- und Lebensweise eines pandemischen Kapitalismus weder nachhaltig noch geeignet ist, die durch den Ausstoß von Treibhausgasen drohende Klimakatastrophe zu verhindern.

Prof. Dr. Christoph Butterwegge hat von 1998 bis 2016 Politikwissenschaft an der Universität zu Köln gelehrt. Heute erscheint sein Buch »Ungleichheit in der Klassengesellschaft« im Papyrossa-Verlag, 183 Seiten, 14,90 Euro.

Christoph Butterwegge schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 7. Juli über die von der großen Koalition beschlossene sogenannte Grundrente.

Wann, wenn nicht jetzt?

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Eine gute Gelegenheit, um die Tageszeitung gegen Kapitalismus kennenzulernen. Auf zum Endspurt!

Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. ( 8. September 2020 um 21:36 Uhr)
    Die Pflegeberufe sind extem stark psychiatrielastig, insbesondere was die Altenpflege angeht, wo Religion durch Psychopharmaka direkt »substituiert« ist!

    Es ist auch von den sozialpsychologischen Verhältnissen (Mann/Frau, Eltern/Kinder, Lehrer/Schüler) her so.

    Die alten »Weisen«, da im Todesüberwinden per Erkenntnis weiter, unsterblicher, also gottgleicher, werden geradezu langsam »eingeschläfert« wie Hunde, Katzen, was der Hunde und Katzen Veralltäglichung ganz inhumane soziologische Wirkungen haben lässt.

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