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Aus: Ausgabe vom 09.09.2020, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Nackte Brüste, nackte Birne

Blut, Gesang und die Skepsis im Pas de deux: Frank Castorf und John Neumeier an der Staatsoper Hamburg
Von Gisela Sonnenburg
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Voll aufdrehen: Bariton Georg Nigl vor Tarantino-Szene (»Molto agitato«)

Gegensätzlicher kann es an einem Opernhaus kaum zugehen. Am Sonnabend hatte das neue Stück von Frank Castorf, »Molto agitato« (sehr aufgeregt), Premiere an der Staatsoper Hamburg – mit Blut, Gesang und nackten Brüsten. Am nächsten Abend folgte eine subtilere Uraufführung durch das Hamburg-Ballett: »Ghost Light« von John Neumeier lässt zumeist unter Einhaltung von Abständen auftanzen, mehr zart als hart. Wo das Ballett die sanfte Ästhetik des körperlich Machbaren zeigt, und zwar in einem vor lauter Purismus kaum vorhandenen Bühnenbild, dreht das Musiktheater made by Castorf trotz der Einschränkungen durch Coronaschutzmaßnahmen voll auf.

Langeweile hat da keine Chance. Valery Tscheplanowa darf in rotem Lackleder über die Bühne stöckeln und der Geschichte der Prostituierten Anna aus »Die sieben Todsünden« von Bertolt Brecht und Kurt Weill neues Leben einhauchen. Das geschieht im zweiten Teil des Abends. Im ersten wirbelt Castorf europäische Musik- und Kulturgeschichte durcheinander, um klarzumachen: Der perfide Kapitalismus US-amerikanischer Prägung mit seiner Gewalt und Verlogenheit betrifft uns alle. Barocke Klänge von Händel bilden den Beginn, prallen auf atonalen Buchstabengesang von György Ligeti aus dem 20. Jahrhundert sowie auf heimelige Herzschmerzromantik von Brahms, bis sie im Brecht-Weillschen Meisterwerk ihre Apotheose finden.

Wie oft bei Castorf sorgen Livevideos und Filmfetzen für verfremdende Perspektiven. Tscheplanowa singt mit einem an Lotte Lenya geschulten erotischen Vibrato, während Matthias Klink, der Tenor, und Georg Nigl, der Bariton des Abends, den Schmelz des Wienerischen und den Psychoterror des Alltags in ihren edlen Stimmen spiegeln. Kent Nagano dirigiert dazu drei abwechselnd spielende Orchester mit hoher Präzision und gefühlvoller Ausgewogenheit.

Am Ende wird eine weiße Fahne verbrannt. Die Friedensfahne? Castorf legt sich nicht fest, aber was er da kommen sieht, riecht nach Ärger. Hut ab vor soviel Chuzpe, der Abend ist große Oper.

Neumeiers Werk hingegen verströmt zu den Pianoklängen von Franz Schubert die Atmosphäre eines Kammerspiels. Und das, obwohl mehr als 50 Tänzerinnen und Tänzer im Einsatz sind. Zeitgleich befinden sich maximal 15 auf der Bühne. Zentral zwischen ihnen steht das »Geisterlicht« aus dem Titel, eine nackte Glühbirne auf einem Metallständer. In den USA gibt es den Brauch, solche Lampen nachts auf die Bühne zu stellen, als Zeichen des Verbots, sie zu betreten, vor allem aus Arbeits- und Brandschutzgründen.

Das Hamburg-Ballett tanzt unverdrossen gegen jedes Verbot an. Solisten, Paare und kleine Gruppen hadern tänzerisch mit ihrem Schicksal, im Shutdown nicht genügend Platz zum Tanzen gehabt zu haben. Zumeist tragen sie Kostüme aus bekannten Neumeier-Balletten, Schritte aus diesen Stücken werden bunt gemischt. Anna Laudere und Edvin Revazov haben den schönsten Pas de deux, voller Zweifel, voller Skepsis. Wenn sie ihn verlassen will, stellt er sich ihr in den Weg, dennoch geht sie – und kehrt später zurück.

Fest umrissene Szenen sind in »Ghost Light« allerdings so selten wie konkret zu beschreibende Beziehungen. Neumeiers Stärke, die Darstellung menschlicher Verbindungen mit den Mitteln des Tanzes, scheint in symbolhafte Posen gepresst. Da umarmt sich ein Männerpaar immerzu wie in Not, notgeil im Wortsinn: Koitus als Beschwichtigung, wie bei den Affen.

Die Soli sind entweder hoffnungsvolle Träume oder spontane Verzweiflungsakte: Marcelino Libao darf sein hübsches Traumsolo zweimal tanzen, Spagatsprung aus dem Stand inklusive. Aleix Martínez zerknüllt aus Wut und Frust förmlich seinen ganzen Körper. Am Ende sitzt Tänzerkollege Christopher Evans besinnlich unter dem Geisterlicht wie daheim bei der Stehlampe. Erwartung spielt auf seinem Gesicht – und die Geister, die er in Gedanken wohl rief, treten aus den Seitengassen, es sind die anderen Tänzer.

Für ein so versöhnliches Ende ist Frank Castorf noch lange nicht reif, will es vielleicht auch nicht werden. Aber im Doppelpack lohnt sich auch sein Stück erst recht.

Nächste Aufführungen: »Molto agitato« am 12., 15., 21., 23., 26.9., »Ghost Light« am 9., 14., 17.–19.9., alle 19.30 Uhr

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