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Aus: Ausgabe vom 09.09.2020, Seite 6 / Ausland
Libanon

Beirut hilft sich selbst

Libanesische Solidarität angesichts der in Teilen zerstörten Hauptstadt. Russland konzentriert sich auf Nachbarn Syrien
Von Karin Leukefeld, Beirut
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Zerstörter Hafen von Beirut: Stilles Gedenken an die Opfer der Explosion vom 4. August (7.9.2020)

Einen Monat nach der gewaltigen Explosion im Hafen von Beirut ist die Armenische Straße wieder befahrbar. An den Rändern der zentralen Verkehrsachse liegen Berge von Schutt und Glas. Ingenieure und Architekten begutachten Gebäude. Neues Glas, zum vierfachen Preis verkauft und von Handwerkern für Beträge bis zum Achtfachen des üblichen Preises eingesetzt, wird geputzt. Soldaten sind vor Gebäuden postiert, um Plünderungen zu verhindern. Viele kleine Geschäfte haben einfach die Rolläden heruntergelassen. Die Inhaber haben kein Geld für Reparaturarbeiten, staatliche Hilfen gibt es nicht.

Es waren die Anwohner der am schwersten betroffenen Viertel Mar Mikhail, Karantina und Dschemaisa (Gemmayzeh) sowie junge Leute aus allen Teilen des Landes, die halfen. Denjenigen, deren Wohnungen zerstört waren, wurde Obdach angeboten, Schutt und Glas beiseite geräumt. »Euch gehört unser ganzer Respekt«, heißt es auf einem Plakat, auf dem junge Menschen mit Besen abgebildet sind, viele von ihnen mit Maske. Bereits zum Zeitpunkt der Explosion waren die Covid-19-Infektionszahlen im Libanon so sehr gestiegen, dass vom Gesundheitsministerium eine landesweite Ausgangssperre verhängt worden war. Danach verschlimmerte sich die Situation weiter, denn Krankenhäuser waren zerstört, und das ärztliche Personal konnte sich in der Notsituation nicht an die strengen Hygienevorschriften halten.

Die für die Katastrophe verantwortlichen Politiker Libanons, die seit 2013 über die Lagerung der tödlichen Fracht im Hafen informiert waren, haben bis heute nicht mit den Menschen vor Ort gesprochen. Der vor zehn Tagen vom Parlament bestimmte neue Ministerpräsident Mustapha Adib hat dies getan, doch ihm schlug Skepsis und Ablehnung entgegen. Im Libanon weitgehend unbekannt soll Adib nun innerhalb von zwei Wochen eine neue Regierung bilden. Wie sein Vorgänger Hassan Diab hat auch er die Bildung einer »Expertenregierung« angekündigt. Protestgruppen haben seine Ernennung bereits grundsätzlich abgelehnt. Angefeuert werden sie durch exillibanesische Internetportale wie »Libanon erhebt sich« oder von europäischen und deutschen Stiftungen unterstützte NGO. Damit werde eine diffuse »Zivilgesellschaft« mit Millionen an Hilfsgeldern gefördert, und der zunehmende ausländische Einfluss trage erheblich zur weiteren Fragmentierung der libanesischen Gesellschaft bei, urteilte schon 2018 die Soziologin Mona Khneisser in einer Studie der Universität Illinois, USA.

Unterdessen hat Russland eine politische und diplomatische Initiative im eng mit dem Libanon verbundenen Nachbarland Syrien gestartet. Unter Leitung des stellvertretenden Regierungschefs Juri Borissow reiste eine hochrangige russische Delegation am Montag nach Damaskus. Mit dabei war Außenminister Sergej Lawrow, der das Land zum ersten Mal besuchte. Nach Präsident Baschar Al-Assad trafen Borissow und Lawrow auch mit dem syrischen Außenminister Walid Al-Muallim zusammen. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz sagte Muallim, er hoffe auf eine Verbesserung der schwierigen wirtschaftlichen Lage durch die russisch-syrische Kooperation in den kommenden Monaten.

Muallim und Lawrow gingen auch auf die aktuellen Genfer Gespräche ein, bei denen ein Komitee aus UN-ausgewählter Opposition und syrischen Regierungsvertretern über einen Verfassungsentwurf beraten. Man werde so lange diskutieren, bis alle Seiten sich auf ein gemeinsames Konzept geeinigt hätten, bekräftigte Muallim. Lawrow betonte, Russland respektiere »das Prinzip, wonach ausschließlich die Syrer über die Zukunft ihres Landes entscheiden«. Er verurteilte die Sanktionen »einiger Staaten«, die Syrien ihren Willen aufzwingen wollten und mit den Strafmaßnahmen dem syrischen Volk Schaden zufügten. Die EU hat seit 2011 einseitige wirtschaftliche Strafmaßnahmen gegen das Land verhängt, die USA haben zuletzt mit dem »Caesar-Gesetz« ihre seit 1978 geltenden Finanzsanktionen gegen Syrien verschärft.

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