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Aus: Ausgabe vom 08.09.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Handelskrieg

Trump zielt auf Chinas Achillesferse

Washington droht größtem Halbleiterentwickler der Volksrepublik mit Handelsembargo. Wertschöpfungskette des Landes wäre empfindlich getroffen
Von Simon Zeise
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Kleine Chips, große Wirkung: Halbleiter werden für 5G-Netze und Raketensysteme benötigt

Die chinesische Wirtschaft ist weiter auf Wachstumskurs. Am Montag teilte die Zollverwaltung in Beijing mit, dass die Exporte im August im Vergleich zum Vorjahresmonat um 9,5 Prozent gestiegen sind. Unterm Strich verzeichnete der Außenhandel damit ein Plus von 4,2 Prozent auf einen Wert von rund 412 Milliarden US-Dollar.

Um den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas zu stoppen, setzt die US-Regierung weiter auf Sabotage. Der in Shanghai ansässige Halbleiterhersteller »Semiconductor Manufacturing Industry Corporation« (SMIC) soll auf eine schwarze Liste von Unternehmen gesetzt werden, hatte eine Sprecherin des US-Außenministeriums am Freitag (Ortszeit) in Washington mitgeteilt. Eine Begründung für das Vorgehen nannte sie nicht.

Medienberichten zufolge soll es um mutmaßliche Kontakte zwischen dem Chiphersteller und der Volksbefreiungsarmee gehen. Die Vorwürfe wirken konstruiert. Aus einer Studie des Pentagon, aus dem die Financial Times (FT) am Montag zitierte, hieß es, dass viele Forscher an chinesischen Militärhochschulen mit Geräten und Chips von SMIC arbeiteten. Dies zeige, dass diese Forschung spezifisch auf SMIC-Produkte zugeschnitten sei und es ihnen unmöglich mache, ihre Chips von einem anderen Anbieter herstellen zu lassen, heißt es in dem Bericht. Es wurde auch auf Pressemitteilungen und chinesische Medienberichte über die geschäftliche Zusammenarbeit zwischen SMIC und CETC hingewiesen, einem Auftragnehmer der Armee mit vielen verbundenen Unternehmen, die bereits auf der schwarzen Liste der USA stehen. Ein US-Regierungsbeamter sagte der FT, der Bericht informiere über »die laufenden Diskussionen«.

Sollte SMIC auf der »Entity List« landen, werden deren Geschäftspartner künftig mit Handelsrestriktionen und finanziellen Sanktionen aus Washington bedroht. Die US-Regierung setzt die schwarze Liste häufig ein, um die chinesische Industrie zu treffen. Inzwischen sind dort mehr als 275 in China ansässige Firmen aufgezählt. Für besonders viele Schlagzeilen hatten die Maßnahmen gegen die Netzwerkanbieter Huawei und ZTE gesorgt. Das Embargo träfe auch Unternehmen in Europa und in den Vereinigten Staaten. So gehören die US-Firma Applied Materials und der niederländische Chiphersteller ASML (siehe jW vom 10. August) zu den größten Zulieferern für SMIC.

Der Aktienkurs des Unternehmens in Hongkong brach am Montag um rund ein Fünftel ein. In Shanghai fielen die Werte um zehn Prozent. Das Unternehmen verlor mehr als fünf Milliarden Dollar an der Börse.

SMIC erklärte am Wochenende, man stehe komplett unter Schock. Man sei bereit, mit der US-Regierung zusammenzuarbeiten, um »Missverständnisse« aus der Welt zu räumen. Der Konzern bestritt zudem jegliche militärischen Verbindungen. »Das Unternehmen stellt Halbleiter her und bietet Dienstleistungen ausschließlich für zivile und gewerbliche Endverbraucher an. Wir haben keine Beziehung zum chinesischen Militär.« Bei allen entsprechenden Berichten handele es sich falsche Anschuldigungen und falsche Nachrichten, sagte ein Sprecher der Financial Times am Montag.

Beijing verurteilte das Vorgehen als Schikane. Die USA betrieben »unverhohlenes Mobbing« gegen chinesische Unternehmen, sagte ein Sprecher des Außenministeriums am Montag. Die Vereinigten Staaten müssten aufhören, ausländische Firmen zu unterdrücken.

Während Huawei das weltweit führende Unternehmen beim 5G-Netzausbau ist, hinken chinesische Unternehmen bei der Entwicklung von Halbleitern westlichen Konzernen hinterher. Das Handelsembargo für SMIC könnte Chinas Bemühungen zur Entwicklung einer eigenen inländischen Industrie für integrierte Schaltkreise und Software empfindlich stören; die Produktion von Smartphones, 5G-Basisstationen bis hin zu Raketenleitsystemen wäre beeinträchtigt. Sollte die US-Regierung ihre Drohung wahrmachen, wäre die Achillesferse der chinesischen Wertschöpfungskette getroffen.

Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. ( 8. September 2020 um 11:07 Uhr)
    Die chinesische Wirtschaft ist zu groß, als dass sie durch den Außenhandel bestimmt werden könnte. Dass China immer noch kommunistisch ist, zwei Systeme, fällt auch die Erpressungsmöglichkeit weg. In China können Unternehmen jederzeit wieder verstaatlicht werden und sind natürlich mit staatlichen Banken zumeist finanziert, so dass schon weit vorher der Staat Einfluss nehmen kann.

    Ja, da sieht man »ex negativo«, wie das alles zuungunsten der BRD hier genau andersrum ist!

    Die chinesen sind in Afrika und woanders auch deshalb so beliebt als US-Konkurrenz, weil sie nicht rücksichtslos Abhängigkeiten schaffen – die sie peinlichst selbst zu verhindern suchen.

    Im moralischen Angriff liegt klingendes Spiel.

    Nichts ist besser an der Moral, als dass man volles Rohr angreifen kann, ohne selbst angegriffen zu werden. Man hat ja den richter Moral auf seiner Seite! Schlimmstenfalls wird die Moral beschädigt, was den heuchlerischen Moralaposteln auch zugute kommt.

    Deshalb wundert mich sehr, warum die Medien Vorwürfe so ungefiltert weitergeben, generell, statt den Weizen berechtigte Regierungskritik und »Establishment«kritik von der Spreu Klassenkampf von oben (Obrigkeitsstaat, autoritärer Etatismus, autoritärer Kapitalismus) bei den Vorwürfen zu trennen.

    Die Regierung hat doch immer die »Initiative«!
  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. ( 8. September 2020 um 17:44 Uhr)
    Das sehe ich genauso, Herr W.

    Allerdings gehe ich davon aus, dass eine Volkswirtschaft dieser immensen Größe – die Volksrepublik China – über keine tatsächlichen Schwachstellen verfügt, weil jeder Makel binnen kürzester Zeit behoben werden wird.

    Wovon reden wir?

    Herr DJ Trump meldet sich wieder zu Wort? Dazu mal aus medizinischer Ecke: Hier findet ein Wahlkampf zwischen älteren Herren statt. Eigentlich sitzen alle Zuschauenden nur am Rande und hoffen, dass einer der beiden nicht vorher zur Ruhe kommt. Sehr geistreich: vom Landesvater zu sprechen, wenn es eigentlich um Leute geht, die im Alter eines Urgroßvaters sind.

    Von wem dieser Leute ist frischer Wind zu erwarten?

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