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Aus: Ausgabe vom 05.09.2020, Seite 12 / Thema
Literatur

Unübersehbare Aporien

Wer darf worüber schreiben? Ist die Einnahme einer anderen Perspektive als der eigenen emphatisch oder geistiger Diebstahl? Über Identitätspolitik und »literarische Aneignung«
Von Enno Stahl
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Ein umstrittener Fall von kultureller Aneignung und Rassismus. Amerikanische Ureinwohner protestierten lange Zeit gegen Logo und Namen des US-Football-Teams Washington Redskins (»Rothäute«) – mit Erfolg, beides wurde mittlerweile geändert

Die Auseinandersetzungen um die Identitätspolitik (meinte ursprünglich soziale Bewegungen von marginalisierten Gruppen, die diskriminierende Zuschreibungen übernahmen und als Gruppe Rechte einforderten, vgl. junge Welt, 10.10.18; jW) haben zuletzt gewaltig an Fahrt aufgenommen, befeuert noch durch den Mord an George Floyd. Auch bei uns gibt es polizeiliche Übergriffe, gerade in der letzten Zeit wird genauer darauf geachtet. Ob es einen strukturellen Rassismus bei den deutschen Ordnungskräften gibt, ist bislang weder bewiesen noch widerlegt. Unleugbar sind die Wogen der Diskussion hier ebenso hochgeschlagen wie in den USA, wo der überdimensional hohe Anteil Schwarzer unter den von Polizisten erschossenen Menschen ein unzweideutiger Fakt ist.

Darüber, dass es auch hierzulande minderprivilegierte Gruppen gibt, benachteiligt aufgrund von Geschlecht, Ethnie, Religion oder sexueller Ausrichtung, kann es indes keinen Streit geben. Auf Ausgleich zu pochen, ist deren legitimes Recht. Die Frage ist nur, welches der richtige Weg zur Emanzipation sein kann. Von identitätspolitischen Kreisen, deren Wortführer gar nicht unbedingt immer Teil jener Minderheiten sind, für die sie sich so vehement einsetzen, wird diese Debatte sehr rigide geführt. Große Teile der Bevölkerung hat sie dabei noch gar nicht erreicht. Viele, die davon gehört haben, halten sie für kompletten Quatsch, stehen ihr gleichgültig gegenüber oder verstehen nicht, worum es überhaupt geht. Streng Konservativen oder der »Neuen Rechten« ist die radikale Auslegung der Identitätspolitik ein Beleg für ihre These vom Untergang Deutschlands oder gleich des gesamten Abendlandes. Sie stilisieren die Ex­tremposition zur angeblich offiziellen Richtung im »links-grün-versifften« Neoliberalismus. Niemand dürfe mehr sagen, was er oder sie wolle, die politische Korrektheit sei geistige Versklavung.

In der politischen Öffentlichkeit, die den Anliegen der Minderheiten inzwischen halbwegs offen begegnet, manifestieren sich die Auswirkungen dieses Diskurses schon recht deutlich. Verwaltungspapiere werden zwingend mit Gendersternchen versehen, Geschlechterzuweisungen werden zunehmend fluid. Politiker formulieren wie auf Glatteis, Kulturbetriebler schleichen auf verbalen Samtpfötchen durch die Welt der Geschlechter-, Rassen-, Religions- oder Sexualitätsthematik. Den Furor radikaler Intersektionalisten hat das jedoch nicht gemildert, sondern eher noch angeheizt. Akademische Vorlesungen oder Vorträge werden gesprengt, Autorinnen und Autoren plädieren beim eigenen Verlag dafür, bestimmte Bücher nicht zu veröffentlichen. Andere weigern sich mit bestimmten Personen zusammen aufzutreten, weil deren politische Haltung in Zweifel gezogen wird.

Allerdings kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass – in einer Art Rollback – gerade kritische Zeitgenossen die Auswüchse einer solchen Minderheitenpolitik nicht mehr mittragen wollen und, bei aller Anerkenntnis der generellen Legitimität der Forderungen, mittlerweile ziemlich genervt darauf reagieren.

Diskursverengung

Wie immer man dazu steht, zu den Denkmalstürzen, den Forderungen, bestimmte Bilder aus Museen abzuhängen, der Propaganda gegen Kant, Marx, Arendt – all diese Akte tendieren zu einer Verengung des Diskurses. Es soll gleich komplett getilgt werden, statt kritisch zu kommentieren, zu hinterfragen und gegebenenfalls neu zu bewerten. An die Stelle von Diskussionen treten Monologe, kanalisierte, normierte, garantiert widerspruchsfreie Einlassungen. Das aber ist unhistorisches Denken. Ohne die Widersprüchlichkeiten unserer kulturellen und gedanklichen Traditionen in den Blick zu nehmen und sie aufzuarbeiten, werden wir die Wurzeln von Rassismus, Sexismus und Antisemitismus nie verstehen und nicht erfolgversprechend dagegen angehen können.

Eine Diskursverengung ist das auch deswegen, weil bestimmte Gruppen nur aufgrund äußerer Merkmale (»älterer weißer Mann«) von vornherein ausgeschlossen werden sollen. Nun ist es zwar richtig (trotz Angela Merkel, Ursula von der Leyen, der finnischen Ministerpräsidentin Sanna Marin oder der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen), dass die meisten existierenden Macht- und Redepositionen weiterhin von älteren weißen Männern besetzt werden, die es gut vertragen könnten, wenn ihr Wirkungsfeld ein wenig gestutzt würde. Das müsste sich aber an dieser Machtposition, nicht am äußeren Merkmal orientieren. Denn der rein merkmalorientierte Ausschluss trifft Millionen, ja Milliarden anderer, die überhaupt nichts zu sagen haben.

Der schwarze schwule Philosoph Kwame Anthony Appiah bestätigt, von Ijoma Mangold in einem Zeit-Interview am 18. September 2019 befragt, dass er sich durchaus für privilegiert hält, umgekehrt aber sei es »empörend, wenn man armen Weißen erzählt, sie seien privilegiert. In Hinsicht der Hautfarbe mag das stimmen. Aber ihre hervorstechende Eigenschaft ist nicht, dass sie privilegiert sind, sondern dass sie arm sind.«

Klar kann man versuchen, für die eigene Klientel einzutreten, das Beste für sie herauszuholen. Diskurskämpfe sind Ausdruck von Aushandlungsprozessen, warum sollte eine Minderheit nicht versuchen, ihre Lage subjektiv zu verbessern? Dennoch müssten die Aktivisten sich fragen, welche Umsetzungschancen diese Strategie ihnen eröffnet. Wenn man den Dialog mit der Mehrheit nicht sucht, sondern sie statt dessen mundtot machen möchte, statt Diskussion und Konsensfindung nur mit Beschuldigungen operiert, ist ein Einlenken der Gegenseite kaum wahrscheinlich. Dass der identitätspolitischen Ideologie zudem einige unübersehbare Aporien innewohnen, macht die Sache nicht besser. Der Philosoph Christian Schüle formulierte unlängst in einer Radioglosse im Deutschlandfunk Kultur (18.8.2020) drei dieser Paradoxe: Obwohl Herkunft oder Identität kein Kriterium zur Wertung mehr sein sollen, werden sie im Kampf um Sichtbarkeit explizit zur zentralen Kategorie. Zweitens setze Diversität Differenz voraus: Die Beschreibung von Merkmalen des Diversen bedeute aber nicht automatisch dessen Abwertung. Außerdem stelle man einen Menschen, indem man ihn zum Opfer erklärt, auch als Opfer aus.

Taktisch ungeschickt

Aus einer politisch linken Sicht ist diese Taktik doppelt unklug. Durch die vielen Einzelanliegen entsteht keine einheitliche Front der Opponenten, sondern ein Mosaik zahlreicher individueller, voneinander getrennter Emanzipationsbemühungen, der Opferstatus bis ins Feinste verästelte, teilweise schon untereinander im Streit (etwa zwischen Trans-Menschen und manchen Feministinnen, die ersteren das Frau-sein absprechen) oder in sich widersprüchlich. Das linke Diskursfeld wird von derartigen Konflikten empfindlich gestört, es bringt kein einheitliches Narrativ mehr hervor, das gemeinsame Identifikation herstellen könnte. Der Klassenbegriff, einst das verbindende Element der organisierten Linken, kommt bei vielen Aktivistinnen und Aktivisten kaum mehr vor. Daher gelingt es der herrschenden Ideologie so leicht, die intersektionalistischen Strategien zu integrieren. Großen Konzernen macht es keine Probleme, das »N«-Wort zu vermeiden, wenn sie afrikanische Bodenschätze weiterhin unvermindert ausbeuten können. Die Philosophin Nancy Fraser bezeichnet das als »progressiven Neoliberalismus«. In der Summe hat sich das Ganze inzwischen zu einer veritablen Glaubwürdigkeitskrise der Linken ausgewachsen.

Ein besonders heiß umkämpftes Konzept, geradezu ein Herzstück der identitätspolitischen Agenda ist die sogenannte kulturelle Aneignung – ein Begriff, der in der »Critical Whiteness«-Bewegung neue Virulenz erhalten hat. Gemeint ist damit, dass Vertreter einer Mehrheitskultur (also etwa Weiße) sich kultureller Praxisformen oder traditioneller Artefakte ethnischer (z. B. afrikanischer) Minderheiten bemächtigen, um sie kommerziell zu missbrauchen. Dieser Raub an authentischer Kultur sei – nach dem rein ökonomisch begründeten, ursprünglichen Kolonialismus – nun eine neue Form symbolischer Ausbeutung. Am bekanntesten ist das Bashing weißer Hippies wegen ihrer Dreadlocks.

Dieses kritische Konzept hat selbst einigen Widerspruch erfahren. Der Soziologe und jetzige Berliner Antisemitismusbeauftragte Samuel Salzborn bezeichnet die Vorstellung einer authentischen, kollektiv-fixierten Minderheitenkultur als »gänzlich ahistorisch«. Sie entmündige zudem das Subjekt, sich für oder auch gegen die eigene Zugehörigkeit zu einer solchen Identität entscheiden zu können. Die Kulturwissenschaftlerin Anja Hertz argumentiert, dass es schon immer Formen des Kulturtransfers gegeben habe. Der Vorwurf der kulturellen Aneignung beinhalte demnach »eine reaktionäre Vorstellung von kultureller Reinheit«. In der Konsequenz laufe das darauf hinaus, Kultur als etwas Einheitliches und klar Begrenztes zu betrachten, kulturelle Vermischung dagegen sei ein Problem. Die Parallele zum »neurechten« Konzept des Ethnopluralismus, die Hertz hier attestiert, ist in der Tat frappierend.

Unvermischte Kulturen dürfte es kaum geben, und es ist ja ein Prinzip gerade künstlerischer Zugriffe, sich zu vernetzen und internationale Positionen zu rezipieren. Heute wird das von gewissen Gruppen als Problem angesehen, jedenfalls in bestimmten Konstellationen: Deutsch-französischer Kulturaustausch ist begrüßenswert und in seiner historischen Komponente noch immer ein beliebtes Forschungsthema, deutsch-afrikanische Transferprozesse hingegen werden von manchen dämonisiert, per se als dominanzbasiert und neokolonialistisch betrachtet. Die Grundschullehrerin Birgit Schmidt wies in einem Taz-Artikel vom 23. Februar dieses Jahres darauf hin, dass es nicht unbedingt eine Beleidigung sein müsse, wenn Kinder sich als Indianer verkleideten, was vielen heute ja schon ein Dorn im Auge ist. Und sie erklärte, wohin das in letzter Konsequenz führt: »Verbietet man weißen Kindern, sich als nichtweiße Menschen zu verkleiden, so sagt man: Für dich kann es nur weiße Helden geben. Das ist absurd und fatal.« Jede/r soll offensichtlich nur noch sie/er selbst sein, Wahlfreiheit existiert nicht mehr. Eine ziemlich trostlose Vorstellung, eine Art gedankliche Zwangsjacke, in die wir nach dem Wunsch der Critical-Whiteness-Aktivistinnen und -Aktivisten alle gesteckt werden sollen.

Literatur und Identifikation

In diesem Zusammenhang kommt natürlich auch im Feld der Literatur die Frage auf, wer denn worüber schreiben darf. Gibt es analog eine Form »literarischer Aneignung«? Ein solcher Begriff ist in der Literaturwissenschaft an sich nicht neu. Er rangiert etwa im Kontext »Rezeption« oder »Intertextualität«, kann auf Montagetechniken in literarischen Texten abheben, die sich gezielt an anderen literarischen Texten bedienen, was gleichzeitig, wenn das Ausmaß des Zitierens übergroß wird, zum Plagiat mutieren mag. Helene Hegemanns Übernahmen aus Airens Buch »Strobo« beispielsweise waren in diesem Sinne ganz sicher eine Art literarischer Aneignung, egal wie man das bewerten möchte.

In dem hier diskutierten Zusammenhang kommt aber eine ganz andere Facette in den Blick, nämlich die identitätspolitisch motivierte Kritik daran, dass sich Autorinnen und Autoren literarisch einer Perspektive des oder der Angehörigen einer Opfergruppe bemächtigen. Eine heftige Debatte tobte Anfang dieses Jahres über das Buch »American Dirt« der US-amerikanischen Autorin Jeanine Cummins. Diese, zwar selbst zu einem Viertel puertoricanisch, damit nach Ansicht der Kritiker aber »weiß«, hatte sich angemaßt, über das Schicksal mexikanischer Migranten zu schreiben. Man warf ihr vor, das Leid der Flüchtlinge für einen Bestseller auszubeuten.

Ist das so? Das deutsche Feuilleton, das den Fall heiß diskutierte, war weitgehend der Meinung, Literatur dürfe man solche Beschränkungen nicht auferlegen. Zudem ist die identitätspolitische Perspektive auch in diesem Kontext ebenso widersprüchlich wie apodiktisch. Die US-amerikanische Journalistin Sarah Pines etwa beschreibt in der Zeit vom 5. Februar das Phänomen in den USA wie folgt: »Eine weibliche Autorin darf zwar ohne Probleme die Erzählperspektive eines Mannes einnehmen. Einem Mann aber wird abgeraten, aus der Erzählperspektive einer Frau zu erzählen. Weiße Autoren sollen überdies keine ethnischen Minderheiten darstellen, heterosexuelle Autoren keine anderen sexuellen Identitäten.«

Demnach dürften nur Vertreterinnern und Vertreter bestimmter Opfergruppen über ihre Schicksale schreiben – da ist sie wieder, die geistige Zwangsjacke … Solche Positionen verraten ein zutiefst klischeehaftes Verständnis von Literatur, die nämlich als rein identifikatorisch gesehen wird. Natürlich kennt die Literaturgeschichte Bekenntnisromane, verfasst von Personen, die eine schwere Kindheit erlebten, Unterdrückung, Ausbeutung, Not. Diese Bücher besitzen häufig eine große, innere Kraft, man denke etwa an »Das nackte Brot« von Mohamed Choukri, an »Hunger« von Knut Hamsun oder an »Wir sind Gefangene« von Oskar Maria Graf. Intensität und Wirkung verleiht ihnen aber nicht allein das durchlebte Leid, um dessen Ausdruck gerungen wird, sondern die literarische Qualität – für die genannten Autoren blieb dieses Buch nicht ihr einziges.

Autofiktion ...

Ein Literaturverständnis, das den Autor mit seinem Text identifiziert, ist allerdings derzeit generell en vogue. Im Literaturbetrieb wie in der Literaturwissenschaft wird es unter dem Begriff »Autofiktion« diskutiert. Karl Ove Knausgårds Romane oder Benjamin von Stuckrad-Barres »Panikherz« (2016) sind populäre Beispiele dieser Gattung. Deren Beliebtheit ist vermutlich eine logische Folge aus den erfolgreichen Bemühungen bestimmter Großfeuilletonisten zu Beginn der 1990er Jahre, die deutsche Literatur vom Erkenntnismedium, vom Vermittler von Weltwissen, auf ihre Unterhaltungsfunktion zurückzustutzen. Heutzutage, wo sich immer mehr Menschen freiwillig in eine digital induzierte, monadenhafte Vereinzelung begeben, ist der Hunger nach »authentischen« Mitteilungen groß. Unterhaltung entsteht verstärkt über Voyeurismus, was dem Pro sieben-Zuschauer sein »Dschungelcamp«, ist dem oder der (noch) Lesenden die seelische Selbstentblößung einer Autorin, eines Autors.

Nichtsdestotrotz ist die zugrundeliegende Frage nach der Berechtigung, fremde Stimmen anzunehmen, so falsch nicht, und es ist zu leichtfertig, wenn man sie pauschal mit dem Hinweis, Literatur dürfe eben alles, vom Tisch wischt. Man stelle sich etwa vor, eine Autorin, ein Autor, ausgestattet mit einem vielleicht nicht opulenten, aber doch auskömmlichen Stipendium, recherchiert unter Obdachlosen, interviewt sie, horcht sie aus, lebt eventuell sogar eine Weile auf der Straße, um daraus einen Erfolgsroman zu kreieren, der die Kälte der neoliberalen Gesellschaft geißelt. Das Werk wird in der Folge reich mit Preisen bedacht und zudem – zur Entsühnung der bürgerlichen Mitte, die sich durch die Lektüre des Buches mit der harten Realität der Wohnungslosen einmal unmittelbar zu beschäftigen meint – zu einem mittleren Verkaufserfolg. Ist das legitim?

Vermutlich sollte man, um eine solche Frage zu entscheiden, sie nicht nur ethisch, sondern auch ästhetisch behandeln. Wenn eine solche Autorin, ein solcher Autor, es ernst meint, dieses Buch nicht auf dem Rücken der Deklassierten zum Verkaufserfolg hin trimmt, sondern eine nachhaltige Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen zu liefern bestrebt ist, welche Obdachlosigkeit überhaupt erzeugen, was sollte dann dagegen sprechen?

Kann eine syrische Migrantin als einzige legitim über ihre alptraumhafte Flucht nach Europa berichten? Oder dürfte dies auch ein weißer, deutscher Autor? Man könnte antworten: Warum nicht? Es ist aber sehr schwierig, eine große ästhetische Herausforderung, allein auf der Basis von Recherche ein realistisches Bild solch dramatischer Geschehnisse zu zeichnen. Umgekehrt wird es aber auch nicht jeder syrische Flüchtling verstehen, die eigene Leidensgeschichte so wiederzugeben, dass sich den Rezipienten das Erlebte hautnah vermittelte, so wie es in unglaublich bedrückender und zugleich ästhetisch anziehender Form die Künstlerin Amel Alkazout in ihrem Unterwasserfilm »Purpurmeer« geschafft hat. Der schöne Schein, der ihren Bildern oberflächlich anhaftet, wird erzeugt von real ertrinkenden Menschen, er kultiviert damit das Grauen und verdichtet sich zu einer radikalen Anklage, indem die Zuschauer zu den tatenlosen Beobachtern gemacht werden, die sie in Wahrheit sind.

... oder Perspektivenwechsel

Ein prinzipielles Verdikt, dass Autoren andere literarische Identitäten als ihre eigene annehmen, ist unsinnig, es bewirkte eine Verarmung der Literatur, deren größte Fähigkeit ja gerade die Einfühlung, die Vermittlung anderer Wahrnehmungsräume ist – über Phantasie ebenso wie über Analyse. Anders als wissenschaftliche Texte vermag Literatur, den Lesenden ihre Figuren und ihre Geschichte unmittelbar nahezubringen und so die Perspektive zu erweitern. Kann nur eine Autorin für die Belange weiblicher Emanzipation glaubhaft eintreten? Sind Fontanes »Effi Briest«, Flauberts »Madame Bovary« und mehr noch D. H. Lawrence »Lady Chatterley’s Lover« etwa keine wirkungsmächtigen Plädoyers für die weibliche Gleichberechtigung in der Gesellschaft und im Sexualleben gewesen? Sicher hätte eine Frau diese Bücher anders geschrieben, aber sind ihr Anliegen und ihre literarische Qualität des männlichen Autors wegen zu ächten?

Upton Sinclairs »Jungle« offenbarte nicht nur die unerträgliche Situation in den Chicagoer Schlachthöfen, sondern er bewirkte sogar Änderungen. Und das, obwohl Sinclair das Erzählte nicht am eigenen Leib erlebt, vielmehr investigativ ermittelt hatte. Emile Zola war kein Kohlekumpel, sondern, als er »Germinal« schrieb, bereits ein sehr begüterter Autor. Man wird kaum meinen, dass es illegitim gewesen wäre, sich dennoch auf die Seite der Schwächeren zu schlagen. Als Beleg dafür mag gelten, dass der Roman nach der Jahrhundertwende in auflagestarken Gewerkschaftsausgaben verbreitet wurde. Joseph Conrads »Herz der Finsternis«, Jack Londons Südseeromane, Melvilles »Moby Dick« – die Reihe großer Romane, die, hier sogar oft auf eigener Anschauung beruhend, Welten und soziale Zusammenhänge schildern, denen ihre Autoren zumindest nicht dauerhaft angehörten, ist lang.

Eins ist aber wahr: Nicht immer wird die Erzählerstimme durch Stil und Inhalt eines Buches ästhetisch gedeckt, es gibt Widersprüche, die sich nicht auflösen lassen. So fragt man sich schon, was Feridun Zaimoglu geritten hat, als er im vorigen Jahr seinen Roman »Die Geschichte der Frau« vorlegte. Das Buch beinhaltet zehn eigenständige Geschichten, aus der Perspektive von Frauen geschrieben, über den Wandel der Jahrtausende – von Moses’ Gefährtin Zippora bis hin zur radikalfeministischen Warhol-Attentäterin Valerie Solanas. Der pathetische Vorspruch macht das Dilemma vollends greifbar: »Nach ihren Siegen lernten die Männer, / Ruhmestaten zu erdichten. / Sie schrieben, sich erlügend, ihre Sagen. / Dies ist der Große Gesang, der ihre Lügen tilgt. / Es spricht die Frau. / Es beginnt.« Da muss ausgerechnet Zaimoglu kommen, um dem weiblichen Geschlecht eine Stimme zu geben? Das ist nun wirklich nicht seine Aufgabe!

Enno Stahl ist Autor und Kritiker. Am 17. September ist er Teilnehmer einer Podiumsdiskussion im Literaturforum im Berliner Brecht-Haus zum Thema »Literarische Aneignung«, als Teil der von ihm selbst mitinitiierten Reihe »Richtige Literatur im Falschen«. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 2. März 2020 über den Begriff der »Alternative« und das Verhältnis von Kunst und Utopie.