Gegründet 1947 Mittwoch, 25. November 2020, Nr. 276
Die junge Welt wird von 2435 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 04.09.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

In ermüdender Verachtung

Zum Humor fehlt etwas: Kabarettistin Lisa Eckhart übt sich am komischen Roman
Von Michael Bittner
Kabarettistin_Lisa_E_66342487.jpg
In der Nachfolge Jean Pauls? Die Kabarettistin vor Exemplaren ihres Debütromans

Es ist nicht leicht, Lisa Eckharts Debütroman »Omama« unbefangen zu lesen. Stand die junge österreichische Kabarettistin doch in den vergangenen Wochen im Mittelpunkt eines erbitterten Streits. Ihre Bewunderer schwärmten, Eckhart entlarve mit den Mitteln ironischer Provokation die gesellschaftliche Heuchelei. Ihre Verächter meinten, sie nutze sexistische, rassistische und antisemitische Gemeinplätze, um sich billig Aufmerksamkeit zu sichern. In diesem Widerstreit Partei zu ergreifen fällt schwer: Einerseits möchte ich mich nicht in die Armee ästhetischer Analphabeten einreihen, die bei ihrer Jagd nach verfänglichen Sätzen und bösen Wörtern auf künstlerische Absichten und Zusammenhänge grundsätzlich keine Rücksicht nehmen. Andererseits werde ich, schaue ich mir die Auftritte Eckharts an, nie das Gefühl los, dass sie bei ihren kalkulierten Tabubrüchen nicht nur die Ressentiments der Gesellschaft, sondern auch eigene offenlegt. Kann ein Blick in ihren Roman Klarheit schaffen?

»Omama« ist ein ambitioniertes Buch in der literarischen Tradition des komischen Romans, in seiner Künstlichkeit bewusst unzeitgemäß die »heillosen Naturalisten« der Gegenwart herausfordernd. Nach Art von François Rabelais enthält es allerlei Sauereien aus der Welt des Fressens und Saufens, Pissens und Scheißens, natürlich auch rund um den »Zumpferl«. Wie bei Laurence Sterne unterhält sich die Autorin mit dem Leser und führt ihn in zahlreiche essayistische Abschweifungen. Kaskaden von Wortspielen ergießen sich in der Tradition Johann Nestroys. Die Erzählerin bedient sich eines überkomplizierten und altertümelnden Witzstiles, wie ihn in der Nachfolge Jean Pauls heute sonst nur noch alte weiße Männer wie Eckhard Henscheid und Thomas Kapielski schreiben. Hinzu tritt noch ein Menschenhass Thomas Bernhardschen Ausmaßes.

Eine durchgängige Handlung besitzt der Roman nicht. Er setzt sich aus einer Reihe von erdacht grotesken Schwänken zusammen, in denen der Leser nach und nach die Hauptfigur kennenlernt: Helga, die herbe, eigensinnige und vorurteilsreiche Großmutter der Erzählerin Lisa. In den ersten zwei Teilen sehen wir Helga in ihrer Jugend in der Steiermark. Aus Neid gegenüber ihrer schöneren Schwester Inge versucht sie ungelenk und erfolglos, die am Ende des Weltkrieges einrückenden sowjetischen Soldaten zu verführen. Die gefürchteten Bestien lehnen aber lachend ab und erweisen sich überhaupt als recht umgängliche Menschen. Von ihren Eltern in den Dienst eines Gastwirtes verkauft, gelingt es Helga schließlich mit Hilfe einer Schwangerschaft, den schmucken Wirtssohn und »Dorfschönling« Rudi zur Heirat zu verpflichten.

Eckhart malt in diesen Kapiteln ein Panorama des altösterreichischen Dorfes: Eine »Frauenbewegung« gibt es nur, wenn die »Dorfschlampen« nach Graz fahren, um bessere Männer kennenzulernen. Typen wie die »Dorfmatratze«, der »Dorfdepp« und der »Dorftrinker« kommen noch in ihrem natürlichen Habitat vor. Die Urtümlichkeit solcher Verhältnisse wird im Roman karikiert, aber auch nostalgisch gegen die glatte Vernünftigkeit der Gegenwart ausgespielt. Erst im dritten Teil des Romans sehen wir die Großmutter in jüngerer Zeit im Zusammenspiel mit ihrer Enkelin. Im Finale schließlich liefern sich die beiden während einer Kreuzfahrt einen absurden Wettkampf um die Zuneigung eines niedlichen Offiziers.

Es ist nicht so, als ob Eckharts Tiraden gegen seichten und selbstgerechten Moralismus nicht auch oft ins Schwarze träfen: »Der, welcher die Welt nur fühlt, doch weder etwas denkt noch weiß, ist zum Streiten gar nicht fähig. Er zieht schon siegreich in die Schlacht. Deshalb trägt er keine Waffen. Er kommt nur, um dem Feind zu künden, dass er bereits gewonnen hat.« Doch ihre Kritik am postmodern-kosmopolitischen Linksliberalen kippt bisweilen in konservativen Kulturpessimismus, der in recht frühvergreister Weise die Dekadenz der neuen Zeiten beklagt. So etwa, wenn die globetrottenden Vertreter der »Weltoffenheit« als die wahren »Rassisten« entlarvt werden: »Sie reißen alle Grenzen nieder und nennen sich selbst aufgeschlossen. Sie brechen bei Fremden ein und heißen diese dann willkommen.« Ähnlich steht’s um die sonst vorzugsweise von Rechten verbreitete Legende, der Deutsche litte unter »Selbsthass«: »Und er bildet sich auf den Selbsthass, das ist das wahrlich Perverse daran, auch noch jede Menge ein.« Tatsächlich ist doch wohl eher Selbstzufriedenheit das hervorstechende Merkmal der Deutschen. Und die paar Linken, die dabei nicht mitmachen, müssen sich nicht selbst hassen, weil sie nicht erst so blöd waren, sich je mit Deutschland zu identifizieren.

»Omama« enthält viele witzige Einfälle und Episoden. Wenn man trotzdem nie herzhaft lacht, liegt das wohl daran, dass der Roman wenig Herz, aber viel Kopf hat. Zum Humor fehlt der Autorin vor allem eine Fähigkeit: die Selbstironie. Selbst beim Schreiben gibt sich Eckhart Mühe, immer makellos auszusehen. Mit der Zeit ist dieser Ton überlegener Verachtung aber ermüdend wie auch die Parade immergleicher Klischees, die aus einer Gedankenwelt zu stammen scheinen, die vor allem Typen, kaum aber Individuen kennt. Doch natürlich kokettiert die Autorin auch mit diesem Eindruck, ein »kaltherziges Scheusal« zu sein. So bleibt die Künstlerin Lisa Eckhart auch nach ihrem ersten Buch ein Rätsel. Ob man sich für dessen Lösung interessiert, ist vielleicht weniger eine Frage der Gesinnung als eine des Geschmacks.

Lisa Eckhart: Omama. Zsolnay, Wien 2020, 384 Seiten, 24 Euro

Unverzichtbar!

»Kapitalismus und intakte Umwelt sind wie Feuer und Wasser. Die junge Welt benennt hier Ursachen und Verursacher und liefert damit die Basis für die Arbeit in der Klimagerechtigkeitsbewegung.« Jupp Trauth, Klimaaktivist bei Ende Gelände

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung im Netz ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme – gedruckt und online!

Ähnliche:

  • Karl Wiesinger, geboren am 13. März 1923 in Linz, Österreich, ge...
    29.01.2020

    Erfolglos brisant

    Zur Lehre, zur Erinnerung: Leben und Werk des kommunistischen Schriftstellers Karl Wiesinger aus Anlass einer Ausstellung in Linz
  • Friederike Mayröcker mit Ernst Jandl (1969)
    20.12.2019

    Utopischer Wohnsitz: Sprache

    »Ich lebe in Bildern, ich sehe alles in Bildern«: Zum 95. Geburtstag der Wiener Sprachkünstlerin Friederike Mayröcker
  • »oft ueberstuerzen sich die bilder derart, dass man nicht mehr d...
    26.11.2019

    Bruch mit gesättigter Sprache

    In ihrem aktuellen Buch geht es um austauschbare Städte: Der österreichischen Schriftstellerin und Kommunistin Waltraud Seidlhofer zum 80.

Regio: