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Aus: Ausgabe vom 04.09.2020, Seite 8 / Ansichten

Eiszeit mit Ansage

Angebliche Vergiftung von Nawalny
Von Reinhard Lauterbach
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Ist die Zeit von »Nord Stream 2« nun abgelaufen? (Merkel und Putin beim G20-Gipfel in Osaka, 29.6.2020)

Eines vorweg: Wenn es mit Alexej Nawalny so zugegangen sein sollte, wie es die Bundesregierung behauptet, wäre das nicht zu entschuldigen. Politische Gegner bekämpft man mit Argumenten, gegebenenfalls mit den Mitteln des Rechts – das kommt auch in der Bundesrepublik vor –, aber nicht mit Gift. Aber – und das ist ein sehr großes Aber: Dass es so gewesen ist, wie es die Kanzlerin behauptet hat, ist absolut nicht ausgemacht.

Zunächst: Das Zentrallabor der Bundeswehr ist keine unabhängige Forschungseinrichtung, es unterliegt politischen Weisungen. Seine Ergebnisse sind also mit einiger Vorsicht zu genießen.

Zweitens war es ausgerechnet der BND, der in den Neunzigern einem sowjetischen Rüstungswissenschaftler eine Probe des chemischen Nervenkampfstoffs »Nowitschok« abkaufte und diese anschließend unter seinen Partnerdiensten verteilte. Wenn es also Nowitschok gewesen sein sollte, muss es nicht der russische Inlandsgeheimdienst FSB gewesen sein, der Nawalny den Stoff verabreicht hat. Das Zeug ist auch schon bei Abrechnungen unter bulgarischen Gangstern eingesetzt worden. Es ist auf dem Markt verfügbar.

Drittens: Wenn es Russlands politische Führung gewesen war, in deren Auftrag Nawalny vergiftet wurde – warum sollte sie es dann zugelassen haben, dass der Patient nach Deutschland ausgeflogen wurde? Das ist für sich genommen schon ein Argument dagegen, dass der Kreml etwas mit der Vergiftung zu tun hatte. Wenn, wie es Nawalnys Anhänger unmittelbar nach dem Vorfall verbreiteten, das zur Notversorgung genutzte Krankenhaus in Omsk »vor Geheimdienstlern gewimmelt« hat – warum sollten dann diese Leute, unterstellt, sie wollten Nawalny umbringen, keine Mittel und Wege gefunden haben, dem Leben des »Kremlkritikers« auf eigenem Territorium ein Ende zu setzen?

Viertens: Wenn man der in der transatlantischen Welt propagierten Version folgt, steht die Vergiftung Nawalnys in der Tradition der Vergiftung von Sergej Skripal. Mit Verlaub: Soll man wirklich glauben, dass es dann in Moskau keine Fehlerdiskussion gegeben habe, um die Imagepleite der versuchten und zudem noch misslungenen Beseitigung Skripals kein zweites Mal zuzulassen? Hält die Bundesregierung die russischen Geheimdienste für skrupellos oder für Luschen?

Klar ist: Beim »Fall Nawalny« handelt es sich um eine Inszenierung. Berlin hat sich den Skandal bewusst ins eigene Haus geholt. Aber warum? Ist es ein Schachzug im Streit um den in Berlin erschossenen tschetschenischen Islamisten? Will Merkel mit dieser Eskalation den gesichtswahrenden Ausstieg aus der Unterstützung für das Projekt »Nord Stream 2« einleiten, die sie vor ein paar Tagen noch öffentlich erklärt hat? Will sie genau umgekehrt an der Pipeline festhalten und den USA demonstrieren, dass deren Argument nicht stimmt, die BRD mache sich von Russland abhängig? Egal, welche Version stimmt: Gut ist keine davon. Die Zeichen stehen auf Eiszeit.

Wann, wenn nicht jetzt?

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Debatte

  • Beitrag von Hagen R. aus R. ( 4. September 2020 um 00:54 Uhr)
    Im Artikel steht: »Wenn es Russlands politische Führung gewesen war, in deren Auftrag Nawalny vergiftet wurde – warum sollte sie es dann zugelassen haben, dass der Patient nach Deutschland ausgeflogen wurde?«

    Dasselbe Argument lässt sich aber ebensogut gegen eine Nowitschok-Vergiftung durch Dritte ins Feld führen. Denn sollte z. B. ein fremder Geheimdienst den Anschlag mit Nowitschok ausgeführt haben, hätten die russischen Spezialisten das ja entdeckt. Sie hätten dann wissen können, dass auch Deutschland das Nowitschok finden würde, und hätten die Ausreise ebenfalls verhindern müssen.

    Eine Vergiftung durch westliche Geheimdienste hätte also zweimal erfolgen müssen: Zunächst mit einem nicht nachweisbaren Gift in Russland, so dass die Ausreise gestattet wird, und dann nach der Ausreise mit Nowitschok.
  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. ( 4. September 2020 um 02:46 Uhr)
    Allen Ihren vier vorgetragenen Argumenten, Herr Lauterbach, kann man folgen, wenn man weiß, dass bereits ein Milligramm dieses Nervengifts binnen kurzer Zeit, aber spätestens nach wenigen Stunden zum Tod führt – auch bei einem kräftigen Mann wie Herrn Nawalnui. Deshalb stellt sich die Frage, wie er es von einem Tee in der Wartezeit vor dem Boarding dann bis zum Beginn des Fluges und schließlich erst bis in die Luft überstanden haben soll, zum Opfer geworden zu sein? Auch die Anzeichen der Vergiftung – Schreie (?) und Zusammenbruch, aber die weiteren Kennzeichen einer solchen Vergiftung wurden nicht genannt –, die mitgeteilt wurden, erscheinen eher untypisch. Zum Beispiel kommt es zu Krämpfen und Schaum vor dem Mund. Davon wurde von den MitarbeiterInnen von Nawalnui nicht berichtet. Das Schreien passt nicht dazu oder wurde als Merkmal einer Vergiftung durch seine BegleiterInnen hinzugefügt.

    Ähnliche kaum verständliche Resultate wurden bereits im Falle von Herrn Sergej Skripal und seiner Tochter an die Öffentlichkeit gegeben: Das Nervengift soll auf einer Klinke hinterlassen worden sein. Seine Tochter und er hätten beide diese Klinke benutzt, aber dennoch den Anschlag überlebt. Bei der minimalen Menge, die zum Tode führt, ist vollkommen ausgeschlossen, dass die beiden die Berührung der mit dem extremen Gift bestäubten Klinke überlebt haben könnten. Dafür braucht es nicht die Aussage eines Wissenschaftlers der UdSSR, sondern es lagen spätestens seit Beginn der 1990er in vielen Staaten der NATO und zum Beispiel auch in Schweden (dessen Militär sich offensichtlich nicht an die Neutralität der eigenen Regierung gebunden sah) und in vielen anderen Staaten ausreichende Erkenntnisse vor, also auch die Proben eines Nervengifts aus der UdSSR. Dass zuerst seitens der BRD und ihres Geheimdienstes entsprechende Exempel eingekauft wurden, wird sogar auf dieser unseriösen Plattform Wikipedia dokumentiert und bezweifelt: Einige Geheimdienste waren wohl schneller.

    Falls wir die Rolle von Herrn Putin endlich einmal nicht überschätzen, wenn es um die Rolle der Andersdenkenden geht, dann halte ich für möglich, dass Nawalnuis eigene Leute einen Märtyrer erschaffen wollten. Vielleicht haben wir es auch mit einer Racheaktion derjenigen zu tun, denen Nawalnui Korruption nachweisen konnte. Doch ich gehe eher davon aus, dass er nicht in Russland vergiftet wurde. Die Omsker Ärzte hätten das herausgefunden – und warum gewollt, dass die Charité es an ihrer Stelle klarstellt?

    Wohl kaum.
    • Beitrag von Hagen R. aus R. ( 4. September 2020 um 08:20 Uhr)
      Wenn die mittlere letale Dosis bei einem Milligramm liegt – warum soll man das Gift nicht soweit verdünnen können, dass man nur ein halbes Milligramm verabreicht? Weil man die Zielperson gar nicht töten will. Zum Beispiel weil man hofft, dass Menschen, die man damit einschüchtern will, weniger Angst vor dem Tod haben als vor einem langen Leben mit dauerhaften Nervenschäden.
      • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. ( 4. September 2020 um 09:12 Uhr)
        Vielleicht kennen Sie sich in solchen Fragen besser aus. Aber Ihrer Meinung nach sollte ein wenig Gift verabreicht werden, um Herrn Nawalnui dann nach Berlin schicken zu können, damit Sie mit Ihrer These im Recht sind?
        • Beitrag von Hagen R. aus R. ( 4. September 2020 um 09:29 Uhr)
          Ich selbst halte verschiedene Varianten für möglich. Aber ja, ich finde es zumindest denkbar, dass es die russische Absicht war, dass in Deutschland das Nowitschok gefunden wird. Dann kann man nach außen alles abstreiten (»Wieso sollten wir so blöd sein ...«) und aufstrebenden Oppositionspolitikern, auch in Belarus, trotzdem klarmachen was passiert, wenn man sich mit dem russischen Staat anlegt.

          Natürlich gibt es auch andere Verdächtige, die USA haben z. B. ein klares Interesse am Scheitern von Nord Stream 2. Ich finde, man sollte noch keine Möglichkeit ausschließen und die weiteren Entwicklungen abwarten.
          • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. ( 4. September 2020 um 11:23 Uhr)
            Sie selbst halten es für denkbar, dass Nowitschok in der BRD und in anderen Staaten (vor allem in den USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich usw.) existiert und dort seit vielen Jahren bekannt ist und auch produziert wird? Sie zweifeln nicht an, dass das Gift von einer anderen Person auf Herrn Nawalnui übertragen wurde? Obwohl Ihnen bekannt ist, dass er das Nervengift bei einer Infektion in der Russländischen Föderation nicht mehrere Tage überlebt hätte?

            Ist Ihnen die Größe eines Zahnstochers bekannt? Ein Stich damit überträgt das Gift. Sogar mit einem Wattebausch von Kirschgröße kann das Gift übertragen werden – der Hautkontakt reicht für ein Milligramm.

            Isses sinnvoll, dass wir unser Leben neu überdenken?

            Auf jeden Fall!
            • Beitrag von Hagen R. aus R. ( 4. September 2020 um 13:57 Uhr)
              Tut mir leid, ich kann Ihnen hier nicht ganz folgen, was Sie mir sagen wollen. Aber selbstverständlich ist es möglich, einen Kontakt mit Nowitschok zu überleben, solange nur die Dosis gering genug ist. Und es gibt mehrere Staaten, die es produzieren könnten, weil die Formel ja bekannt ist. Ob sie das auch tun – woher soll ich das wissen? Bin ja kein Geheimagent.
              • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. ( 4. September 2020 um 18:50 Uhr)
                Ich bin auch kein Geheimagent. Doch welcher Grund schwebt Ihnen vor, eine zu kleine Dosis in einen Tee zu geben, um einen Staatsfeind dauerhaft zu kontaminieren und auszulöschen? Das Giftprogramm Ihrer Meinung kann gar nicht in ein Getränk versenkt werden, weil die Person, die das ausführen sollte, selber sterben würde, wenn sie keine Schutzkleidung trägt.

                Nochmals: Herr Nawalnui kann keinen vergifteten Tee getrunken haben und danach in ein Flugzeug gestiegen sein, in dem er dann mit Anzeichen der Vergiftung aus der Toilette gerettet werden musste, aber ohne dass die typischen Zeichen der Vergiftung aufgefunden wurden.

                Falls Sie der Meinung sind, dass Herr Nawalnui vergiftet wurde, sollten diese Thesen schnell mit den Ärzten aus Omsk geklärt werden. Sie haben den Patienten zuerst untersucht und kennen sich am besten damit aus, wie es ihm geht.
  • Beitrag von Dieter R. aus N. ( 4. September 2020 um 07:43 Uhr)
    Ein vergleichbares mediales Trommelfeuer wie gestern gegen Russland habe ich seit Beginn des Fernsehens noch nicht erlebt. Da wurden in den Nachrichten im Themenspektrum Krim, Ukraine, Syrien, US-Wahlen, Häcker bis Berufsdissidenten Mutmaßungen mit Spekulationen, Halbwahrheiten und offenen Lügen addiert und im Fazit als d i e Tatsache dargestellt: »Putin tötet seine Gegner.« So geht Primitiv-Propaganda, Feindbilderzeugung bis hin zur Kriegstreiberei. Dafür ist meiner Meinung nach der Begriff Lügenpresse noch verharmlosend.
  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. ( 4. September 2020 um 09:03 Uhr)
    Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass auch eine klar denkende, rational orientierte und gebildete Frau wie meine Bundeskanzlerin Frau Doktor Angela Merkel, die ich zum Beispiel für ihre Haltung »Das schaffen wir! sehr schätze, von mehreren Gestalten umgeben ist, die sie – wie damals dieser Herr zu Guttenberg – auf weniger sinnvolle Weise beeinflussen. Denn mit Sicherheit fragt sie sich auch, warum Herr Nawalnui noch lebt, wenn er von den Russen vergiftet werden sollte?

    Meiner Meinung nach sind viele der Herrschenden sehr froh, dass sie es im Osten mit einer gut sortierten Person zu tun haben, die mit den Eskapaden aus Nordamerika überhaupt nicht verglichen werden kann. Doch es kommt natürlich nicht dazu, in die andere Richtung über Kritik oder sogar deutliche Positionen nachzudenken. Auch wenn wir alle seit Monaten befürchten, dass der dortige derzeitige Alleinherrscher sich zum König oder Kaiser ausrufen lässt. Oder sich selbst krönt.

    Nun stellt sich die Frage, warum Frau Merkel annimmt, dass die Staatsführung der Russländischen Föderation einen Anschlag auf eine missliebige Person verübt haben sollte, wenn doch klar ist, dass es immer Ersatz geben wird? Und zwar für jede Person dieser Marke?

    Oder ob Frau Merkel überhaupt so denkt – eine klar denkende, rational orientierte, gebildete und kämpferische Frau?

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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