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Aus: Ausgabe vom 03.09.2020, Seite 12 / Thema
Marxismus und Krieg

Kein Sieg ohne Profis

Vorabdruck. Friedrich Engels als Militärtheoretiker
Von Kai Köhler
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»Eine kühne Offensive war die einzige einer Revolution angemessene Taktik« (Friedrich Engels). Einzug Garibaldis in Palermo, zeitgenössischer Stich, 1860

In diesen Tagen erscheint das neue Heft der Zeitschrift Marxistische Blätter mit dem Schwerpunkt »Friedrich Engels«. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung von Herausgebern und Autor redaktionell gekürzt den Beitrag von Kai Köhler: »Friedrich Engels als Militärtheoretiker«. Das Heft kann unter www.neue-impulse-verlag.de bestellt werden. (jW)

Trug Marx den Spitznamen »Mohr«, so wurde Engels »General« genannt. Das lag kaum daran, dass er 1841/42 seinen preußischen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger absolviert hatte, und auch nicht allein an den praktischen Erfahrungen im Jahr 1849, als er sich einige Tage im Mai in Elberfeld daran beteiligte, die Verteidigung der aufständischen Stadt gegen preußische Truppen vorzubereiten, und im Juni und Juli in der badischen Revolutionsarmee kämpfte.

Erst danach, in den Jahren 1851/52, entschloss sich Engels, nicht nur das Erlebte durch eine Beschäftigung mit der militärwissenschaftlichen Forschung zu klären, sondern sich überhaupt ein theoretisches Fundament für die Beschäftigung mit Fragen von Krieg und Armeen zu verschaffen. Nach der Schrift »Die deutsche Reichsverfassungskampagne« von 1850, in der Engels bereits taktische und politische Einsichten mit einem spöttischen Rückblick auf den Versuch einer Revolution in Deutschland verbunden hatte, entstanden zahlreiche Zeitungsartikel zu der Folge von Kriegen, die über zwei Jahrzehnte hinweg die nationalstaatliche Ordnung Europas vorantrieben.

Das kriegswissenschaftliche Werk des »Generals« ist von beeindruckendem Umfang; die zweibändige DDR-Ausgabe der »ausgewählten militärischen Schriften« umfasst mehr als 1.400 engbedruckte Seiten, auf denen sehr unterschiedliche Aspekte der Kriegführung erklärt sind.¹ Eine vollständige Sammlung, unter Einschluss einschlägiger Briefe, wäre noch weitaus dicker.

Logik der Universalisierung

Die Mehrzahl der militärischen Schriften Engels’ entstand, bevor er sich 1869 von seiner Berufstätigkeit befreien konnte. Krieg ist für Engels fast ausschließlich Landkrieg und die Kriegsgeschichte spielt sich für ihn überwiegend in Europa ab. Eine Reihe von Artikeln behandelt zwar den Amerikanischen Bürgerkrieg 1861–1865 und die Auseinandersetzungen darüber in Europa; doch kämpften dort vor allem europäische Einwanderer gegeneinander. Einige Artikel analysieren zudem die britischen Kolonialkriege in Indien und China. Doch aufs Ganze gesehen sind sie randständig. Auch in den Überblicksdarstellungen zu den Waffengattungen und zur Geschichte der Fortifikation (und zu den Techniken, Festungen einzunehmen) finden sich fast nur europäische Entwicklungen. Dem stehen nur wenige Ausnahmen entgegen: etwa wenn Engels im Lexikonartikel zur Artillerie den frühen militärischen Gebrauch des Schießpulvers untersucht. (I 587)

Was fehlt, fällt selten auf; mehr irritiert das, was man lesen kann. Aus heutiger Sicht sind dies vor allem Eigenschaften, die Engels den Soldaten verschiedener Nationen zuordnet. Dabei ist unstrittig, dass es in jeder Armee herausragende individuelle Leistungen gibt und in jeder Schlacht »einzelne kühne Taten zweifellos auf beiden Seiten vollbracht« werden. (I 488) Doch im Ganzen weisen unterschiedliche Heere unterschiedliche Stärken auf. So heißt es etwa zu den Deutschen: »Die Preußen wie die Deutschen überhaupt geben gute Soldaten ab. Ein Land, das aus ausgedehnten Ebenen, unterbrochen von langen Höhenzügen, besteht, liefert Material für jede beliebige Waffengattung in Hülle und Fülle. Die allgemeine körperliche Befähigung sowohl für den Dienst in der leichten als auch für den in der Linieninfanterie, die den meisten Deutschen gleichermaßen eigen ist, wird von anderen Nationen kaum erreicht. Das an Pferden reiche Land liefert viele Männer für die Kavallerie, die von Kindheit an im Sattel zu Hause sind. Überlegtes Handeln und Beharrlichkeit befähigen den Deutschen besonders für den Artilleriedienst. Außerdem gehören sie zu den kampflustigsten Völkern der Welt, sie lieben den Krieg um des Krieges willen (…).« (I 432)

Geographie, Wirtschaft und Volkscharakter gelten als prägende Elemente. Dabei sind die Qualitäten – oder der Mangel an solchen – nicht statisch gegeben. Ein Faktor ist das Rekrutierungssystem. Die britische Infanterie ist nach Engels in der Verteidigung außerordentlich beharrlich, aber auf der Ebene der Mannschaften ohne Eigeninitiative – Folge eines Freiwilligensystems, bei dem nur völlig unausgebildete Männer in die Armee eintreten, denen mit mechanischem Drill einfachste Abläufe eingebleut werden müssen.

Doch Rekrutierung wie Ausbildung lassen sich verbessern. Der 1857 vernichtend geschlagenen persischen Armee bescheinigt Engels, dass die »Einführung der europäischen Militärorganisation« äußerlich geblieben sei und durch »orientalische Ignoranz, Ungeduld und Voreingenommenheit« behindert werde. Doch liege darin eine Chance: »Je vollständiger die Niederlage war, um so heilsamer wird sie für die Perser sein«, denn sie zwinge zu einer völligen Neuordnung. Problem und Lösung formuliert Engels so: »Das wichtigste und zugleich das schwierigste ist die Schaffung eines nach dem modernen europäischen System ausgebildeten und von alten nationalen Vorurteilen und Reminiszenzen in Militärdingen völlig freien Offiziers- und Unteroffizierskorps, das imstande wäre, die neuen Formationen mit Leben zu erfüllen.« (»Persien – China«, I 482 f.)

So setzt sich die Logik der Universalisierung durch. Der je erreichte Stand technischer und gesellschaftlicher Entwicklung gilt global und beseitigt tendenziell im Militär das Besondere. Damit zeigt sich der sachliche Blick des »Generals«. Den Spitznamen kann man wörtlich nehmen: Ein General, wenn er gut ist, kümmert sich nicht um das Wünschenswerte, sondern das Tatsächliche. Vielleicht hasst er persönlich den Gegner; aber als General bezieht er dessen Stärken in seine Kalkulation ein und berücksichtigt sie in den eigenen Plänen.

Krieg ist zwar ein Mittel der Politik. Er unterscheidet sich aber von ihr unter anderem dadurch, dass die in ihm verwendeten Mittel in einem geringeren Grade inhaltlich bestimmt sind. Vielmehr geht es um ein Handwerk, dass die Beteiligten mehr oder minder beherrschen. Zwei Weltkriege nach Engels und angesichts der Drohung einer atomaren Vernichtung mag die Kälte, mit der Engels militärische Konflikte beobachtet, fremd erscheinen. Doch liegt gerade in dieser Sichtweise eine Chance, Illusionen zu vermeiden und das eigene Handeln auf die Möglichkeiten auszurichten, die in der Realität bestehen.

Treffende Analysen und Vorhersagen

Außer über den amerikanischen Bürgerkrieg hat Engels über vier europäische Staatenkriege Artikelfolgen verfasst. Seine Berichte entstanden teils im Abstand von wenigen Tagen: über den Krimkrieg 1853 bis 1855, den zweiten italienischen Unabhängigkeitskrieg 1859, den preußisch-österreichischen Krieg 1866 und den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Seine Informationsbasis war dabei außerordentlich unsicher. Schon damals dienten offizielle Verlautbarungen der Propaganda und sollten sie keine dem Feind nützlichen Angaben enthalten. Ergänzt wurden sie durch Korrespondentenberichte, in Einzelfällen auch durch Mitteilungen von Bekannten Engels’. Diese Nachrichten waren, wenn sie Manchester oder London erreichten, zumeist mehrere Tage alt. Engels musste sich dann aus ihnen ein Lagebild erschließen, bevor er seine Texte verfasste, die dann zum Teil zehn bis 14 Tage später in US-Zeitungen wie der New York Daily Tribune erschienen.

Das klingt schwierig, war aber doch für Kenner der Sache nicht unmöglich. Grundlage war das Wissen über Truppenstärken, Sammelpunkte und die Kapazitäten der Eisenbahnen. Die Zahl der für einen Vormarsch möglichen Straßen und Geländebeschaffenheit waren aus Karten zu erschließen, damit auch die Marschgeschwindigkeit einer intakten Armee. Die Zahl möglicher sinnvoller Bewegungen wurde damit überschaubar.

Auf dieser Grundlage erreichten Engels Analysen und Vorhersagen eine respektable Trefferquote. Völlig falsch lag er nur 1866, als er – wie andere Fachleute – nicht nur das preußische Militär unterschätzte, sondern auch Moltkes Aufmarschplan, der zum Sieg bei Königgrätz und damit zum Erfolg des ganzen Krieges führen sollte, als aussichtslos abqualifizierte. Seine Vorhersagen, was nächstens im Krimkrieg 1853 bis 1855 und im zweiten italienischen Unabhängigkeitskrieg 1859 geschehen werde, traten zumeist ein. Aus einem Minimum an Informationen erschloss er nicht nur die Truppenbewegungen im deutsch-französischen Krieg im Spätsommer 1870, sondern analysierte auch die Gründe für die absehbare französische Niederlage in dieser ersten Kriegsphase, noch bevor die Schlacht von Sedan diese abschloss.

Das verlangte Kenntnisse auf verschiedenen Ebenen. Die oberste lässt sich als geopolitisch bezeichnen. Das Wort ist in Verruf geraten, vor allem wegen der Nazikumpanei des späteren Hauptvertreters der Geopolitik in Deutschland, Karl Haushofer. Das ändert jedoch nichts an der Sache, dass die sicherheitspolitische Situation von Staaten auf Dauer von der Lage der Nachbarstaaten abhängt; Resultat sind oft außenpolitische Kontinuitäten über auch einschneidende innenpolitische Veränderungen hinaus. Eine gewisse Rolle spielt zudem die Geographie. Gebirge, Flussläufe und Landengen bieten die Möglichkeit zu Blockaden. Dieser Faktor war zu Engels’ Zeit noch weitaus gewichtiger als in der Gegenwart, in der Luftwaffe, Drohnen und absehbar Kriegführung aus dem erdnahen Weltraum heraus die Bedeutung physischer Gegebenheiten am Boden verringern.

Innerhalb der so beschriebenen Landschaften bewegen sich Truppen, deren technische Ausstattung Engels z. B. in den genannten Artikeln über die Entwicklung von Gewehren und Kanonen untersucht hat. Ihre Befehlshaber stehen strategisch vor der Aufgabe, die verfügbaren Kräfte im gegebenen Umfeld möglichst günstig zu bewegen – mit Rücksicht auf Haltepunkte wie Festungen und Flüsse, aber auch angesichts der Chancen und Gefahren, die den Feind zu Entscheidungen veranlassen.

Wie für die strategische Ebene, so gilt dies auch für die taktische. Nicht immer kann eine Armee wählen, in welchem Gelände sie kämpft. Doch kann ihr Befehlshaber, in Kenntnis der gegnerischen Aufstellung oder zumindest aufgrund von Vermutungen, die sich aus dem gemeinsam betriebenen Handwerk ergeben, mit Rücksicht auf topographische Gegebenheiten seine Truppen so anordnen, dass ein Erfolg wahrscheinlicher wird. Zudem muss er am Tag der Schlacht, in der stets Unvorhergesehenes geschieht, plötzliche Gefahren abwehren und Chancen ausnutzen. Auch hier kommt Engels auf dürftiger Nachrichtenbasis zu Ergebnissen, die bei unvermeidbaren Fehlern im Detail vor der Kriegsgeschichtsschreibung Bestand haben.

Volkskrieg

Nun war Engels nicht nur Theoretiker des Krieges, sondern mehr noch einer des Klassenkampfs. Es gibt eine Stelle, wo er beides auf eine aus heutiger Sicht irritierende Weise verknüpft. In dem Artikel »Der langweilige Krieg« (gemeint ist der Krimkrieg) heißt es: »Nicht nur das England der Mittelklassen und das Frankreich der Bonaparte ist zu einem ordentlichen, frischen, kräftig ausgefochtenen Krieg untauglich geworden«. (I 302) Gesellschaftlicher Niedergang führt zu unentschlossener Kriegführung.

Als positives Gegenbeispiel nennt er am Ende dieses Artikels Aufstände in Spanien, die den im Krimkrieg vermissten Angriffsgeist zeigen. Von hier führt der Weg zu zwei Erscheinungen: zum Volkskrieg und zum Barrikadenkampf. Der Volkskrieg ist nach Engels dann nicht nur legitim, sondern sogar geboten, wenn sich eine Nation gegen einen Aggressor zu verteidigen hat. Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 sieht Engels eine erste Phase, in der sich Deutschland gegen die Angriffspläne Napoleons III. verteidigt. Diese Phase ist Anfang September 1870 beendet, als die für die Invasion vorgesehenen französischen Heere ausgeschaltet sind und Napoleon entmachtet ist. Die folgende deutsche Invasion in Frankreich betrachtet Engels nicht mehr als legitim, und er erhofft einen Widerstand, an den er doch nicht glaubt: »Aber welchem Schicksal wären die Deutschen überantwortet, wenn sich das französische Volk mit demselben Fanatismus nationaler Begeisterung erhöbe wie die Spanier 1808 – wenn sich jede Stadt und fast jedes Dorf in eine Festung, jeder Bauer und Bürger in einen Kämpfer verwandelte? (…) Aber ein derartiger Fanatismus nationaler Begeisterung ist heutzutage bei zivilisierten Völkern nicht üblich. Er mag bei Mexikanern und Türken zu finden sein; im geldmachenden Westeuropa sind seine Quellen versiegt«. (»Über den Krieg – XXII«, II 453)

Damit greift er einen Gedanken auf, den er mehrfach formuliert hat. Als beispielhaft sieht er etwa den chinesischen Widerstand im Zweiten Opiumkrieg 1856 bis 1860 gegen die britische Expansion: Die »Masse des Volkes« beteilige sich »aktiv, sogar fanatisch am Kampf gegen die Ausländer. Sie vergiften massenhaft und mit kaltblütiger Berechnung das Brot der europäischen Kolonie Hongkong. (…) Mit verborgenen Waffen gehen die Chinesen an Bord von Handelsschiffen, und auf der Fahrt bringen sie die Mannschaft und die europäischen Passagiere um und bemächtigen sich des Schiffes. Sie entführen und töten jeden Ausländer, dessen sie habhaft werden können.« (I 483)

Das ist ein konsequenter Verteidigungskrieg, den Engels mit klarem Blick auf die sachlichen Notwendigkeiten gegen pseudohumanitäre Einwände rechtfertigt: »Zivilisationskrämer, die Brandbomben auf eine schutzlose Stadt werfen und dem Mord noch die Vergewaltigung hinzufügen, mögen die Methoden feige, barbarisch und grausam nennen; aber was kümmert das die Chinesen, wenn sie ihnen nur Erfolg bringt.« (»Persien – China«, I 484)

Doch mögen solche Nadelstiche für eine Invasionsarmee noch so schmerzhaft sein – den Krieg können sie nicht entscheiden: »Die Unterstützung durch eine reguläre Armee ist heutzutage unbedingt notwendig für den Fortgang jedes irregulären oder Insurrektionskriegs gegen eine mächtige reguläre Armee.« (»Der heilige Krieg«, 1853, I 244) Anlass dieser Betrachtung ist die russisch-türkische Konfrontation im kaukasischen Gebiet in der Anfangsphase des Krimkriegs, doch geht Engels auch auf das Zusammenspiel der spanischen Guerilla und des britischen Expeditionskorps unter Wellington gegen die französischen Besatzer nach 1808 ein, lange Zeit das Muster jedes Volkskriegs.

Revolutionskrieg

In der Irregularität dem Volkskrieg verwandt ist der Revolutionskrieg, der statt Nationen jedoch Klassen gegeneinander führt. Dessen Schwierigkeiten hat Engels selbst beim pfälzisch-badischen Aufstand erleben müssen. Neben einer politischen Führung, die zögerlich den Klassenkompromiss statt der politischen Entscheidung suchte, sah er durch falsche Siegessicherheit bedingte Feierlaune: »Die Herstellung der Kneipfreiheit war der erste revolutionäre Akt des pfälzischen Volks: Die ganze Pfalz verwandelte sich in eine große Schenke, (…) war doch die ganze Bevölkerung einstimmig in dieser allgemeinen Schoppenstecherei (…).« (»Die deutsche Reichsverfassungskampagne«, I 87) Zudem schildert Engels Beispiele vorbildlichen Verhaltens wie auch solche skurriler Selbstüberschätzung. Einen revolutionär-militärischen Gesamtplan gab es dabei nicht – ein Mangel, der den preußischen Truppen ein sehr vorsichtiges, langsames, dennoch erfolgreiches Vorrücken ermöglichte.

Das führt auf die Bedeutung des Faktors Zeit. »Eine kühne Offensive war die einzige einer Revolution angemessene Taktik«, heißt es 1860 in »Garibaldi in Sizilien« (II 168); und schon zur Reichsverfassungskampagne bescheinigt Engels einem Plan, er habe den »richtigen Gedanken« enthalten, dass »unter allen Umständen angegriffen werden müsse« (I 74). Zusammenfassend heißt es in »Revolution und Konterrevolution« (1852), dass der Aufstand, ebenso wie die Kriegführung, eine Kunst mit eigenen Regeln sei, denen man zu folgen habe: »hat man einmal den Weg des Aufstands beschritten, so handle man mit der größten Entschlossenheit und ergreife die Offensive. Die Defensive ist der Tod jedes bewaffneten Aufstands. Er ist verloren, noch bevor er sich mit dem Feinde gemessen hat.« (I 198)

Zweitens ist die Unterstützung durch mindestens Teile des regulären Militärs ein zentraler Faktor; kein Sieg ohne Profis. Der Gedanke findet sich schon früh in der Schrift zur Reichsverfassungskampagne, wo Engels die prorevolutionäre Haltung der badischen Armee unter die günstigen Voraussetzungen rechnet (I 72); er wird daran bis zu seinem Lebensende festhalten.

Technik und Gesellschaft

Engels schätzt revolutionäre Gewalt nüchtern, indem er sie bejaht; der Verlauf des 20. Jahrhunderts gab ihm darin recht. An prominenter Stelle, im Abschnitt »Gewalttheorie« des »Anti-Dühring«, zitiert er Marx mit dem Vergleich, dass die Gewalt »Geburtshelferin jeder alten Gesellschaft ist, die mit einer neuen schwanger geht«, und fügt hinzu, dass ein moralischer und geistiger Aufschwung die Folge jeder siegreichen Revolution sei. Zumal in Deutschland sei ein »gewaltsamer Zusammenstoß« geeignet, die »in das nationale Bewusstsein gedrungne Bedientenhaftigkeit auszutilgen«. (II 617)

In welcher Weise dies geschieht, das ist von den gesellschaftlichen und technischen Bedingungen abhängig. Deren Zusammenspiel hat Engels in dem Text »Taktik der Infanterie aus den materiellen Ursachen abgeleitet«, den er aus dem Anti-Dühring herauslöste und durch eine kürzere Version ersetzte, dargestellt. Knapp gefasst ist die Entwicklung folgende:

Die Tiefe der Infanterielinien ist durch die Zeit bedingt, die das Nachladen der Gewehre braucht. Je schneller das geht, desto weniger Reihen sind für ein Dauerfeuer erforderlich. Mit waffentechnischem Fortschritt kann damit die gleiche Zahl von Männern einen größeren Raum besetzen.

Freilich sind die dünnen, langen Linien im Gefecht schwer umzustellen. Sie müssen auch starr bleiben, weil die Soldaten der absolutistischen Heere nur gezwungenermaßen kämpfen und lieber desertieren als sterben. Die Lineartaktik scheitert im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775 bis 1783), in dem aufständische Tirailleure unübersichtliches Gelände fürs Gefecht auswählen, auf dem sie für den starr operierenden Gegner nicht zu fassen sind. Sie scheitert ebenfalls in den französischen Revolutionskriegen ab 1792. Die Revolutionsarmeen operierten mit einzelnen Kolonnen, die taktisch einfacher zu dirigieren sind und massive Vorstöße gegen die nur durch Zwang gehaltenen Linien ermöglichen. Dies ist noch das System, mit dem Napoleon seine Erfolge bis 1807 erkämpft, bis seine Gegner es übernehmen.

»Materielle Ursachen« sind also dreierlei: die Waffentechnik, die (teils politisch bedingte) Geographie und gesellschaftliche Konfliktlagen. Die Lineartaktik funktionierte, solange die Mannschaften auf allen Seiten nur unter Zwang kämpften; sie scheitert gegen ideologisch überzeugte Gegner, die nicht weglaufen, wenn sie durch keine taktisch starre Ordnung kontrolliert werden.

Technik ist leider nicht immer verfügbar, wenn man sie braucht. Stimmig ist jedoch, wie Engels die weitere Entwicklung beschreibt. Gesellschaftlich leistete das preußische Landwehrsystem das relativ Beste zur Mobilisierung einer für den Krieg ausgebildeten Bevölkerung. Technisch erhöhten sich Reichweite, Treffgenauigkeit und Schussfolge sowohl von Gewehren als auch von Kanonen. Ein Angriff auch in Kolonne führte, wie Engels zeigt, im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 zu sehr hohen Verlusten. In der Folge löste sich, entgegen der Dienstvorschrift, im Angriff jede geschlossene Formation auf.

Die Technik erzwang eine neue Taktik; die deutschen Erfolge 1870 widersprachen noch nicht Engels’ Primat des Angriffs. Doch deutet sich schon an, dass im Widerstreit von Feuer und Bewegung für die kommenden Jahrzehnte, bis mit Panzer und Flugzeug neue Angriffswaffen massenhaft produziert wurden, die Verteidigung das Übergewicht bekam. Die Verluste beim deutschen Sturm auf St. Privat am 18. August 1870, die Engels anführt, weisen auf die Materialschlachten des Ersten Weltkriegs voraus. Klar ist bei alledem, dass eine militärisch nützliche Technik unausweichlich von allen größeren Mächten angeschafft und eingesetzt wird; heutige Versuche, bewaffnete Drohnen zu verhindern, hätte Engels wohl mit Verwunderung betrachtet.

In Engels’ letzten Lebensjahren finden sich Anzeichen von Distanz gegenüber den früher geäußerten Positionen. In der Einleitung zu Marx’ »Die Klassenkämpfe in Frankreich« (1891) gesteht er ein, dass »ein wirklicher Sieg des Aufstandes über das Militär im Straßenkampf« zu den »größten Seltenheiten« gehöre. (II 687) Seit 1848/49 sei die Bewaffnung des Militärs perfektioniert worden, auch könne die Regierung per Eisenbahn schnell Verstärkung in die Hauptstadt bringen. Auf der anderen Seite sei eine Einigkeit von Proletariat und Mittelschichten kaum mehr vorstellbar, improvisierte Waffen seien schwieriger zugänglich, die breiten Straßen der modernen Städte begünstigten den Aufmarsch der Regierungstruppen.

Das heiße aber nicht, dass der Straßenkampf keine Rolle mehr spiele. Vielmehr stehe er künftig »selten im Anfang einer großen Revolution (…) als im weiteren Verlauf einer solchen« – wenn also politische Grundlagen geschaffen sind, die Engels im Gebrauch des Wahlrechts sieht. Dann aber müsse man »den offenen Angriff der passiven Barrikadentaktik vorziehen«. (II 690) Einen friedlichen Übergang zum Sozialismus erwartete Engels nicht.

Vier Jahre zuvor, ein Vierteljahrhundert vor dem Ersten Weltkrieg hatte er in seiner Einleitung zu Sigismund Borkheims Broschüre »Die deutschen Mordspatrioten« die kommenden Ereignisse recht genau beschrieben: »Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen und dabei ganz Europa so kahlfressen, wie noch nie ein Heuschreckenschwarm. Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet; […] Zusammenbuch der alten Staaten und ihrer traditionellen Staatsweisheit, derart, dass alle Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und niemand sie findet, der sie aufhebt; absolute Unmöglichkeit, vorherzusehn, wie das alles enden und wer als Sieger aus dem Kampf hervorgehen wird; nur ein Resultat ist absolut sicher: die allgemeine Erschöpfung und die Herstellung der Bedingungen des schließlichen Siegs der Arbeiterklasse.« (II 632)

Dies verweist zurück auf den Aufsatz »Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei« von 1865. Hier bedauert Engels, dass in Preußen die allgemeine Dienstpflicht nur auf dem Papier besteht und nur ein Bruchteil eines Jahrgangs tatsächlich einberufen wird. Dagegen gelte: »Je mehr Arbeiter in der Waffe geübt werden, desto besser«, denn die allgemeine Wehrpflicht sei »die notwendige und natürliche Ergänzung des allgemeinen Stimmrechts«, setze sie doch die »Stimmenden in den Stand, ihre Beschlüsse gegen alle Staatsstreichversuche mit der Waffe der Hand durchzusetzen«. (II 331)

Nach allem, was deutsche Wehrpflichtarmeen in zwei Weltkriegen angerichtet haben, lässt sich dieser Optimismus kaum mehr teilen. Doch bleibt daran ein richtiger Gedanke, der Engels’ späten Vorschlag zur äußeren Abrüstung als einen zur inneren Aufrüstung zeigt. Erfolg in einem revolutionären Konflikt ist nur möglich, wenn zumindest ein Teil der heute so nett als »Sicherheitskräfte« bezeichneten Gewaltspezialisten auf der Seite der Revolution steht.

Anmerkung

1 Friedrich Engels: Ausgewählte militärische Schriften. Berlin 1958, 1964; Nachweise mit Band- und Seitenangabe im Haupttext.

Kai Köhler schrieb an dieser Stelle zuletzt am 19. August 2020 über den Schriftsteller Arnolt Bronnen.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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