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Aus: Ausgabe vom 02.09.2020, Seite 8 / Inland
Coronakrise in Spanien

»Das private Gesundheitswesen wird immer noch priorisiert«

Gesundheitspolitik der rechten Regionalregierung in Madrid steht in der Kritik. Ein Gespräch mit Carmen Esbrí
Interview: Carmela Negrete
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Notärztin in einem Ambulanzfahrzeug zu Schichtbeginn (Madrid, 20.4.2020)

Sie fordern eine Untersuchung des Managements der Coronakrise in der Region Madrid, die von der rechtskonservativen PP regiert wird. Warum?

Wir prangern seit acht Jahren das von Ministerpräsident Mariano Rajoy erlassene Gesetz an, mit dem das Gesundheitssystem verändert wurde. Dem öffentlichen Gesundheitswesen wurde im großen Stil Geld entzogen, um die private Konzerne im Sektor zu bevorzugen. Madrid wurde zum Epizentrum der Pandemie in Spanien – auch, weil Hausärzte eine überproportionale Rolle spielen.

In Madrid wurde ein Lazarett gebaut. Das war in Hinsicht auf die Krankenhauskapazität eigentlich unnötig, weil in den Krankenhäusern viele Betten nicht genutzt wurden. Es gab dafür nicht genügend Personal. Wir haben damals gefordert und fordern weiterhin, die privaten Krankhäuser umfassend mit einzubeziehen.

Wie war die Situation in den Altenheimen während der Hochphase der Pandemie im April und im Mai?

Es gab die privaten Altenheime und die öffentlichen. Wir haben gefordert, dass die strukturellen Probleme bei letzteren, die selbst die Ombudsfrau der PP angeprangert hat, behoben werden müssen. Denn selbst in der normalen Grippesaison hatten wir in der Vergangenheit Probleme mit der medizinischen Versorgung in den Altenheimen. Man hat Madrid nach dem Lockdown viel zu schnell wieder geöffnet, ohne gerade hier die nötige Vorkehrungen zu treffen. Die Pandemie ist wieder da und wir haben immer noch nicht die nötigen Mittel. Zwischen Anforderungen des Gesundheitsministeriums und der Politik der regionalen Regierung ist eine großen Kluft. Wir haben Verträge in Millionenhöhe für Dinge gesehen, die nicht nötig sind. Beispielsweise das erwähnte Lazarett oder einen Vertrag mit der Kirche, damit Priester in Krankenhäusern vermehrt tätig werden. Währenddessen werden Gesundheitszentren weiterhin geschlossen.

Ärzte ohne Grenzen hat einen beunruhigenden Bericht zu den Altenheimen veröffentlicht. Hat sich da jetzt etwas geändert?

Es gab mehrere Anzeigen, aber bisher hat sich leider noch nicht viel bewegt. Es gab eine praktische Einstellung der Betreuung in vielen Heimen, wo die Menschen nicht mehr oder nicht mehr ausreichend versorgt wurden. Wir haben das Gesundheitsministerium aufgefordert, auf nationaler Ebene tätig zu werden. Bisher haben wir keine Antwort, aber es gab vor zwei Tage eine Anhörung im Parlament. Dort erklärte Unidas Podemos, dass es in Madrid eine katastrophale Situation gibt. Da wurde auch unser Appell zur Kenntnis genommen und es soll bald etwas passieren. Wir brauche eine ordentliche Behandlung, mehr Ressourcen, mehr Ärzte, die mehr Zeit für die Patienten haben.

Können Sie erläutern, wie die Regionalregierung in Madrid das Problem der Verfolgung der Ansteckungen von Infizierten lösen wollte?

Am Anfang waren es die Ärzte selbst, die diese Arbeit neben ihrer eigentlichen Aufgabe erledigen mussten. Das ging natürlich in die Hose und die Ärztevereinigung von Madrid überreichte der regionale Regierung eine Liste von Menschen, die fähig und bereit gewesen wären, diese Arbeit zu übernehmen. Bisher wurde diese aber nicht verwendet. Die Regierung auf nationaler Ebene hat mitgeteilt, dass nun 2.000 Soldaten für die Kontaktverfolgung geschult werden. Die Regierung von Madrid hat sich nicht interessiert gezeigt, sie in unserer Region einzusetzen und eine private Firma damit beauftragt. Das ist geradezu verbrecherisch, denn wir brauchen diese Ressourcen für das Gesundheitswesen. Wenn das Gesundheitsministerium keine Antworte gibt, werden wir uns an andere Instanzen wenden müssen. Es kann nicht sein, dass das private Gesundheitswesen auch jetzt noch rücksichtslos priorisiert wird und Ressourcen der öffentliche Hand dafür verwendet werden. Das ist unserer Meinung nach illegal. Nun werden die Schulen geöffnet. Und es gibt nicht mal eine verbindliche Vorschrift, wie diese Öffnung erfolgen soll.

Carmen Esbrí ist Verlegerin und Sprecherin der »Plattform für die Verteidigung des öffentlichen Gesundheitswesens in Madrid«

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