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Aus: Ausgabe vom 01.09.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
TVÖD

»Alle sind bereit zu streiken«

In Tarifauseinandersetzung setzen Beschäftigte auf Aktivierung der Basis. Ein Gespräch mit Dana Lützkendorf
Von Bernd Müller
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Klinikbeschäftigte kämpfen bundesweit für bessere Arbeitsbedingungen (Charité in Berlin, 26.8.2020)

Die kommunalen Unternehmer fordern eine Nullrunde in der Tarifrunde für den öffentlichen Dienst. In der Krise gebe es kein Geld zu verteilen. Was entgegnen Sie denen?

Für mich als Pflegekraft an der Berliner Charité ist diese Äußerung ein Schlag ins Gesicht. Man hat uns im Frühjahr beklatscht und erklärt, wie wichtig wir sind. Seit Jahren entwickeln sich die Löhne im Pflegebereich nur sehr langsam. Deswegen haben wir auch Probleme, Nachwuchskräfte zu finden. In der Pflege war die Krise ja schon vor der Pandemie da. Durch Corona ist die Misere noch offensichtlicher geworden. Während Konzerne wie die Lufthansa vom Staat gerettet werden, ist für uns kein Geld da. Das kann nicht sein. Jetzt sind wir dran!

In der Coronakrise haben die Beschäftigten im Gesundheitswesen ihr Leben riskiert. Jetzt sollen sie sich mit einer Nullrunde zufriedengeben. Wie kampfbereit sind Ihre Kolleginnen und Kollegen?

Die Kolleginnen und Kollegen sehen es nicht ein, dass sie für die Krise bezahlen sollen. Auf meiner Station habe ich diese Stimmung hautnah erlebt. Wir Verdi-Aktiven haben nach und nach mit allen erreichbaren Kolleginnen und Kollegen gesprochen, um die Tarifrunde systematisch vorzubereiten. Wir haben eine Übersicht unseres Teams angefertigt und zu dritt mit allen Gespräche über ihre Erwartungen an die Tarifrunde geführt. Das war richtig gut und wurde von ihnen auch sehr wertgeschätzt. Sieben Kollegen sind in Verdi eingetreten. 100 Prozent von den 55 Befragten, also wirklich alle, haben angegeben, dass sie bereit sind für ihre Forderungen zu streiken. So was habe ich noch nie erlebt!

Stellen die Klinikbeschäftigten spezielle Forderungen in der Tarifauseinandersetzung?

Wir haben in Verdi kontrovers diskutiert, ob für das Gesundheitswesen und besonders die Pflegekräfte spezielle Forderungen aufgestellt werden sollen. Vereinbart haben wir schließlich, dass Verdi einen separaten Verhandlungstisch für den Gesundheitsbereich fordert, wenn die Beschäftigten dort ernsthaft aktiv werden. Daraufhin gab es eine enorme Dynamik in den Krankenhäusern. Erstens haben wir im August bundesweit mit 26.000 Klinikbeschäftigten Gespräche geführt. Für diesen kurzen Zeitraum ist das sehr viel – deutlich mehr als in jedem anderen Bereich im öffentlichen Dienst. Die zweite Bedingung war, dass sich bundesweit 49 Häuser streikbereit erklären. Mit insgesamt 80 Kliniken haben wir den Plan übererfüllt. Drittens haben wir 1.600 Tarifbotschafter geworben. Diese Beschäftigten mobilisieren im Betrieb, nehmen an Videokonferenzen der Tarifkommission teil, diskutieren die Neuigkeiten mit der Basis und geben Rückmeldung. Als die Bundestarifkommission am 25. August die Verdi-Forderungen für die Tarifrunde im öffentlichen Dienst vorgestellt hat, war der Gesundheitstisch mit Fokus auf die Pflege auch dabei. Das ist ein großer Erfolg für uns.

Was belastet die Pflegerinnen und Pfleger denn am stärksten? Welche Forderungen wollen sie erfüllt sehen?

Noch ist offen, welche zusätzlichen Forderungen am Gesundheitstisch verhandelt werden. Hier hängt alles daran, wie hoch die Streik- und Aktionsbereitschaft der Kollegen ist. An der Berliner Charité wollen wir mit den Tarifbotschaftern in den Teams weiter Kolleginnen und Kollegen für die Auseinandersetzung und für Verdi gewinnen. Gleichzeitig werden wir da auch besprechen, welche Forderungen uns besonders wichtig sind. Genannt werden häufig bessere Personalbesetzung, Lohnerhöhungen und eine Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich. Aber auch höhere Zuschläge, vor allem bei Diensten zu ungünstigen Zeiten – an Feiertagen, am Wochenende und Nachtdienste – sind wichtige Punkte. Die Erwartungen sind hoch, umso wichtiger ist es, hier jetzt ernsthaft zu kämpfen, um sie durchzusetzen!

Dana Lützkendorf ist Krankenpflegerin auf der Covid-19-Intensivstation an der Berliner Charité. Sie ist Sprecherin der Verdi-Betriebsgruppe

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