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Aus: Ausgabe vom 31.08.2020, Seite 6 / Ausland
Buschfeuer

An vorderster Front

Buschfeuer in Kalifornien bedrohen besonders auch Gefangene. Behörden ignorieren deren Situation
Von Jürgen Heiser
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Feuerwehrleute kämpfen im Lake County in Kalifornien gegen die Buschfeuer (23.8.2020)

Gefangene in den USA leiden seit Monaten unter der Coronapandemie, erkranken und sterben an Covid-19 und sind durch fortwährende Quarantänemaßnahmen völlig isoliert. In Kalifornien sehen sich zudem seit Wochen viele Inhaftierte durch die Buschbrände einem weiteren großen Risiko für ihr Leben ausgesetzt.

Vor allem die Insassen im kalifornischen Staatsgefängnis von Solano und im benachbarten Vollzugskrankenhaus California Medical Facility (CMF) sind akut durch die Waldbrände gefährdet, die sich im Bezirk Vacaville County weiter ausbreiten, wie Prison Radio aus San Francisco jetzt mitteilte. Solano war als Gefängnis für Männer ursprünglich nur für rund 2.600 Haftplätze ausgelegt, ist heute jedoch mit fast doppelt so vielen Gefangenen überbelegt. Im CMF befinden sich etwa 2.400 ältere Langzeitgefangene.

Vergangene Woche meldeten die US-Behörden für ganz Kalifornien mit fast 600 Buschfeuern, die eine Fläche von mehr als 4.000 Quadratkilometern erfasst haben und von mehr als 13.000 Feuerwehrleuten kaum unter Kontrolle zu bringen sind, eine Katastrophe bislang ungekannten Ausmaßes. Insassen aus den beiden Anstalten richteten nun dringende Hilferufe an Prison Radio. Starker Rauch und beißende Flugasche erschwerten ihnen das Atmen, weil beide Gefängnisse gefährlich nahe an der Feuerlinie lägen. Die Bevölkerung in unmittelbarer Umgebung werde bereits evakuiert, aber für die Räumung der Gefängnisse gebe es keine Pläne. Das kalifornische Strafvollzugsministerium CDCR habe lediglich angekündigt, die Insassen mit Staubschutzmasken auszustatten, diese seien jedoch nie angekommen. Die Gefangenen versuchten sich statt dessen mit Stoffmasken zu behelfen, die jedoch nicht gegen Asche und Rauch schützten.

Für die Gefangenen ist die Ignoranz der Behörden besonders unerträglich, weil es seit Jahren vor allem Tausende von Strafgefangenen sind, die in Kalifornien an vorderster Front zum Löschen von Buschbränden eingesetzt werden. Über deren »gefährlichen Einsatz spricht niemand öffentlich«, schrieb das US-Onlinemagazin Fair und zitierte den Exgefangenen Rasheed Lockheart, der in den letzten zwei Jahren vor seiner Entlassung als »Firefighter« eingesetzt worden war. »Ich will die Feuerwehrkolonnen nicht abschaffen«, erklärte er. Aber wenn Häftlinge zusammen mit Berufsfeuerwehrleuten ihr Leben aufs Spiel setzten, dann »sollten sie gleich bezahlt und nicht nur mit einem Dollar pro Stunde abgespeist werden«.

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