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Aus: Ausgabe vom 31.08.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Coronavirus

Afrikas Coronarätsel

Im globalen Vergleich sind die Fallzahlen gering, die Gründe dafür unklar
Von Christian Selz, Kapstadt
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Eine Mitarbeiterin des »Institute for Health Research Epidemiological Surveillance and Training« (IRESSEF) in Dakar, Senegal (24.7.2020)

Beim Blick auf die globale Verteilung der Coronainfektionen erscheint der afrikanische Kontinent auf der Weltkarte als beinahe weißer Fleck. Gerade einmal gut 1,2 Millionen Fälle verzeichnet das Africa Centre for Disease Control and Prevention der Afrikanischen Union bisher. Das sind etwa fünf Prozent der weltweit dokumentierten Ansteckungen, bei einem Anteil von 17 Prozent der Weltbevölkerung. Noch verwunderlicher erscheinen die Zahlen vor dem Hintergrund, dass nahezu exakt die Hälfte der Coronainfektionen in Afrika auf Südafrika entfällt, wo nur 58 Millionen der insgesamt knapp 1,3 Milliarden Afrikaner leben. Auch die Sterbezahlen scheinen niedrig, nur 3,5 Prozent der weltweit in Zusammenhang mit dem Coronavirus registrierten Toten entfallen auf den afrikanischen Kontinent, auch hier knapp die Hälfte auf Südafrika. Hat die Pandemie Afrika also weitgehend verschont? Die Experten rätseln, klare Antworten gibt es nicht.

Offensichtlich ist, dass in den meisten afrikanischen Ländern wesentlich weniger getestet wird als in vielen anderen Teilen der Welt. Südafrika kommt immerhin noch auf 61 Tests pro 1.000 Einwohner, obwohl dort nur symptomatische Patienten auf das Virus untersucht werden. In Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land des Kontinents, liegt der Wert hingegen nur noch bei 1,9. Zum Vergleich: In Deutschland wurden bisher durchschnittlich 133 von 1.000 Einwohnern untersucht.

Allein mit mangelnden Untersuchungen ist das Phänomen aber wahrscheinlich auch nicht zu erklären, weil kaum anzunehmen ist, dass eine entsprechende Sterblichkeit wie in anderen schwer betroffenen Regionen der Welt nicht aufgefallen wäre. Die WHO vermutet daher, dass das niedrige Durchschnittsalter in Afrika, wo über 60 Prozent der Bevölkerung unter 25 Jahren alt sind, zu einem milden Verlauf der Pandemie beigetragen haben könnte. Hinzu kommt eine geringere Verbreitung von Vorerkrankungen wie Diabetes oder Faktoren wie Übergewicht, die mit schwereren Krankheitsverläufen in Verbindung gebracht werden. Ein weiterer Erklärungsansatz könnte in der generell stärkeren Verbreitung von Infektionskrankheiten liegen, was zu einer stärkeren Immunität der Menschen geführt haben mag. Und nicht zuletzt könnten die Erfahrungen mit Ebolaepidemien den Gesundheitssystemen in einigen Ländern Westafrikas trotz aller Defizite bei Ausstattung und Personal einen Vorsprung gebracht haben.

Allein: Vieles bleibt im Konjunktiv. Und auch wenn die afrikanischen Staaten durchschnittlich inzwischen einen Rückgang der registrierten Ansteckungen mit dem Coronavirus verzeichnen, bleibt ein mahnendes Beispiel aus Südafrika. Dort verzeichnete die Provinz Western Cape, wo nur gut zehn Prozent der Bevölkerung leben, am 5. Juni, exakt drei Monate nach Feststellung des ersten Coronafalls im Land, zwei Drittel der insgesamt registrierten Infektionen. Damals rätselten Experten über mögliche Besonderheiten, heute entfallen auf die Provinz nur noch 17 Prozent der insgesamt festgestellten Fälle in Südafrika, die Pandemie hat den Rest des Landes schlicht verzögert erreicht. Die wahrscheinlichste Erklärung dafür ist, dass das Western Cape das Gros der Südafrika-Urlauber anzieht und deshalb vermutlich frühzeitig etliche Infektionsherde hatte. Auf den Kontinent übertragen ist daher nicht auszuschließen, dass eine ähnlich verzögerte Infektionswelle auch noch andere, weniger bereiste Länder trifft.

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Debatte

  • Beitrag von Hagen R. aus R. (31. August 2020 um 09:47 Uhr)
    Hier gibt es eine schöne Karte, wie sich die Risikogruppe der über 65jährigen weltweit verteilt. Nigeria hat z. B. nur 2,7 Prozent Einwohner über 65 Jahren, Deutschland 21,2 Prozent.

    https://www.populationpyramid.net/hnp/population-ages-65-and-above-of-total/2015/

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