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Aus: Ausgabe vom 31.08.2020, Seite 1 / Titel
EU-Grenzregime

Abschottung tötet

Flüchtlingsdrama auf dem Mittelmeer: EU-Staaten lassen private Seenotretter im Stich. Mehr Menschen riskieren Überfahrt
Von Frederic Schnatterer
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Die »Sea-Watch 4« nimmt die von der »Louise Michel« geretteten Flüchtlinge an Bord (29.8.2020)

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) zeigt sich mit dem menschenfeindlichen Abschottungskurs an den EU-Außengrenzen zufrieden. Fünf Jahre nach dem Höhepunkt der Fluchtbewegungen nach Europa erklärte er gegenüber der Augsburger Allgemeinen (Samstagausgabe), mittlerweile habe man »die Flüchtlingskrise in den Griff bekommen«. »Die Situation ist heute anders als vor fünf Jahren, als wir stellenweise Kontrollverluste erleben mussten.«

Besonders der Zusatz, bei der »Reduzierung der Einwanderungszahlen« habe man »Humanität praktiziert«, ist blanker Hohn. Zeitgleich mit dem Erscheinen von Seehofers Aussagen kämpfen an der EU-Außengrenze im Mittelmeer Hunderte Geflüchtete um ihr Überleben. Nachdem die Besatzung des Rettungsschiffs »Louise Michel« am Donnerstag und Freitag insgesamt 219 Flüchtlinge aus seeuntauglichen Booten gerettet hatte, spitzte sich die Lage an Bord so sehr zu, dass die Crew am Freitag abend einen Hilferuf über den Kurznachrichtendienst Twitter absetzte. Demnach war das südöstlich von Lampedusa liegende Schiff mit den Geflüchteten an Bord – unter ihnen ein Toter sowie mehrere Menschen mit durch Treibstoff verursachten Verbrennungen – so sehr überladen, dass es sich nicht mehr fortbewegen konnte. 33 Flüchtlinge mussten nach Angaben der Helfer auf einer an dem Boot festgemachten Rettungsinsel ausharren, weshalb sofortige Hilfe benötigt werde.

Am Samstag verkündete die Besatzung des Schiffs über Twitter, die italienische Küstenwache habe 49 Menschen mit einem Patrouillenboot nach Lampedusa gebracht: die »am stärksten geschwächten« – 32 Frauen, 13 Kinder, vier Männer. Da die zuständigen Stellen jedoch nicht gewillt waren, auch die anderen Menschen von Bord des überfüllten Schiffs aufzunehmen, mussten schließlich private Seenotretter aushelfen. Wie die Hilfsorganisation »Sea-Watch« über Twitter mitteilte, sprang die »Sea-Watch 4« ein: »Warum? Weil die europäischen Behörden erneut Hilfe verweigern. Schande über die EU!« Das Rettungsschiff, das selbst bereits 201 Flüchtlinge an Bord hatte, übernahm am Samstag abend die auf der »Louise Michel« Verbliebenen.

Allerdings bedeutet das noch lange kein Ende der Tortur für die Geflüchteten. Noch bis jW-Redaktionsschluss am Sonntag wartete die »Sea-Watch 4« mit 353 Personen an Bord weiter auf die Erlaubnis, in einem nahegelegenen Hafen anlegen zu dürfen. Am Sonntag forderten die Internationale Organisation für Migration (IOM) sowie das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR in einer Mitteilung, den Flüchtlingen auf der »Louise Michel« und auf der »Sea-Watch 4« müsse es gestattet werden, sofort an Land zu gehen. »Das Fehlen einer Übereinkunft über einen regionalen Ausschiffungsmechanismus, der seit langem von UNHCR und IOM gefordert wird, ist keine Entschuldigung dafür, gefährdeten Menschen einen sicheren Hafen und die benötigte Hilfe zu verweigern, wie es das Völkerrecht vorschreibt«, so die UN-Organisationen.

Nach Angaben des UNHCR hat sich die Anzahl der Versuche von Flüchtlingen, von Libyen aus das Mittelmeer in Richtung EU zu überqueren, zwischen Januar und Juli fast verdoppelt. Schätzungen der IOM gehen von seit Jahresbeginn mindestens 300 Menschen aus, die die Überfahrt nicht überlebt haben.

Unterdessen meldete die darauf spezialisierte Initiative »Alarm Phone« bereits die nächste sich abzeichnende Katastrophe. Laut einer über Twitter verbreiteten Nachricht befinden sich bereits seit Samstag etwa 55 Personen vor Malta in Seenot, ohne dass der EU-Staat helfend eingreift.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Eva Ruppert, Bad Homburg: Vor der eigenen Tür Hat Corona jetzt auch die Menschlichkeit aus den Tagesnachrichten verdrängt? Gewiss, Faschismus rückt in der BRD nach und nach bis an die Zentren der Macht, da ist öffentliche Empörung angesagt. Wer d...

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