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Aus: Ausgabe vom 28.08.2020, Seite 1 / Titel
Rassismus

Massen gegen Milizen

USA: Opfer rassistischer Polizeigewalt lebenslang gelähmt, Bürgerrechtler rufen zu »Marsch auf Washington«, rechter Terror gegen Protestierende
Von Jürgen Heiser
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»Hände sind oben, nicht schießen!«: Protestierende am Mittwoch in Kenosha im Bundesstaat Wisconson

Für den heutigen Freitag – am 57. Jahrestag der Kundgebung von 1963, bei der Martin Luther King die Gleichberechtigung von Schwarzen und Weißen eingefordert hatte – haben Bürgerrechtler zu einem neuen »Marsch auf Washington« aufgerufen, um gegen Rassismus zu protestieren. King hatte damals rund 250.000 Anhänger in die US-Hauptstadt geführt, auch dieses Mal werden Tausende Teilnehmende erwartet.

Die Wut gegen rassistische Polizeigewalt war zuletzt erneut angefacht worden, nachdem der 29jährige Jacob Blake am Sonntag abend (Ortszeit) in Kenosha (Wisconsin) mehrfach von einem weißen Polizisten in den Rücken geschossen worden war. Der sechsfache Vater wird von der Hüfte abwärts gelähmt bleiben. Blakes Frau Laquisha Booker berichtete einem lokalen Fernsehsender, drei kleine Kinder des Paares hätten »schreiend mit ansehen müssen, wie ihr Vater niedergeschossen wurde«. Der Anwalt der Familie, Ben Crump, erklärte, sein Mandant sei mehrfach notoperiert worden. Die Kugeln hätten sein Rückenmark durchtrennt, Wirbel zertrümmert und weitere schwere Organschäden verursacht. Es würde »ein Wunder erfordern«, wenn er je wieder gehen können soll, sagte er am Dienstag auf einer Pressekonferenz, auf der er die sofortige Verhaftung des schießenden Polizisten forderte. Bislang wurden die beteiligten Beamten nur suspendiert.

Angesicht der daraufhin befeuerten teils militanten Proteste im Ort und in zahlreichen US-Städten erklärte Blakes Vater gegenüber der Chicago Sun Times: »Die Polizeibeamten, die auf meinen Sohn wie auf einen streunenden Hund geschossen haben, sind für alles verantwortlich, was seitdem in Kenosha passiert ist!« Vor dem Bezirksgericht von Kenosha stießen die Protestierenden in den vergangenen Tagen immer wieder mit den Ordnungskräften zusammen, darunter 135 Nationalgardisten, die Wisconsins Gouverneur Anthony Evers am Montag in die Stadt beordert hatte. US-Präsident Donald Trump kündigte am Mittwoch per Twitter 500 weitere Nationalgardisten und Sondereinheiten an. Er werde »Plünderung, Brandstiftung, Gewalt und Gesetzlosigkeit auf amerikanischen Straßen nicht zulassen«.

Sein Ruf war zuvor bereits von rechten weißen Milizen erhört worden. In der Nacht zu Mittwoch marschierten sie mit automatischen Gewehren bewaffnet auf, »um Eigentum vor Plünderungen zu schützen«, wie CNN meldete. Ein inzwischen verhafteter 17jähriger rechter Milizionär eröffnete das Feuer auf eine Gruppe von »Black Lives Matter«-Demonstranten, als sie versuchten, ihn zu entwaffnen. Dabei wurden zwei Menschen getötet, und ein dritter wurde verletzt.

Zuvor hatte Sheriff David Beth, Polizeichef von Kenosha County, die Lage zusätzlich angeheizt, als er auf einer Pressekonferenz forderte, die Gesellschaft müsse »zu ihrem Schutz eine Schwelle übertreten und Lager errichten«, um die Demonstranten »für den Rest ihres Lebens wegzusperren«. An »einem bestimmten Punkt« müsse »Schluss sein mit der politischen Korrektheit«.

Zahlreiche US-Sportler und -Mannschaften schlossen sich derweil den Protesten an. Auch die ehemalige japanische Tennisspielerin Naomi Osaka gab an, sich aus dem Turnier »Western and Southern Open« zurückzuziehen, um eine Diskussion über den »Genozid an Schwarzen durch die Polizei« auszulösen.

Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (28. August 2020 um 02:38 Uhr)
    Wenn ich mich richtig erinnere, waren es nicht die Polizisten, sondern erst die Beamten des FBI, die ein Messer im Auto des Opfers gefunden haben (wollen). Zwar hatte er es offensichtlich nicht ergriffen oder benutzt, doch ihm wurde dennoch mehrmals in den RÜCKEN geschossen. In den Rücken – wie bei allen Tätern, von denen man mit einem Messer, das unterm Sitz liegt, aber nicht benutzt wurde, nicht angegriffen wird. Falls dort ein Messer lag. Nicht ins Bein oder in den Arm, sondern mehrmals in den Rücken geschossen. – Haben Sie eine ungefähre Vorstellung, zu welcher körperlichen Reaktion eine einzelne Schussverletzung führt? Da geht nichts mehr. Der Schock ist enorm, das hat mit den Kinofilmen nix zu tun. Man ist sofort platt.

    Jeder Polizist weiß das. Passend zur Westernlegende wird aber immer zweimal geschossen, wenn das Opfer ausgeschaltet werden soll. Doch bei sieben Schüssen gab es wohl beim achten Schuss eine Ladehemmung? Muss man jetzt fragen, warum die Patronen nicht ordentlich gereinigt waren, um mehr Schüsse in das Opfer zu schicken?

    Den Schützen, also den Mann, der sein Opfer vor seinen Söhnen töten wollte, erwartet jetzt welche Strafe, nachdem dieses Messer unter Sitz lag, mit dem er nicht angegriffen wurde? Falls dort ein Messer lag? – Eine Rüge?

    Dieser Mann findet eine neue Arbeit, die seiner Erfahrung entspricht, können wir annehmen. Er hat nur seinen Job getan.

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