jW-Protest-Abo: 3 Monate für 62 €!
Gegründet 1947 Sa. / So., 19. / 20. September 2020, Nr. 220
Die junge Welt wird von 2351 GenossInnen herausgegeben
jW-Protest-Abo: 3 Monate für 62 €! jW-Protest-Abo: 3 Monate für 62 €!
jW-Protest-Abo: 3 Monate für 62 €!
Aus: Ausgabe vom 26.08.2020, Seite 11 / Feuilleton
Film

Aus dem Off

Mit einem erfundenen Ich-Erzähler will die Doku-Fiction »Experiment Sozialismus« Kubas Realität erkunden
Von Volker Hermsdorf
RTX7KM1F.JPG
Regisseurin Kaesdorf war überrascht, dass »die Jugendlichen ihren Sozialismus genauso behalten wollen« (Straßenszene in Havanna, Juli 2020)

Zu Beginn des Dokumentarfilms »Experiment Sozialismus – Rückkehr nach Kuba« erfahren die Zuschauer: »Lebst du in einem Land wie Kuba, manipuliert dich die Partei.« Die Botschaft stammt von Arsenio Morella, dem von der Berliner Regisseurin Jana Kaesdorf erfundenen Ich-Erzähler, der das Land Anfang der 1990er Jahre als Fünfjähriger verließ und knapp 30 Jahre später »auf der Suche nach seinen Wurzeln« zurückkehrt. Die Kamera führt zunächst durch eine armselige Holzhütte in der heute bei Touristen beliebten ostkubanischen Ortschaft Santo Domingo, wo der fiktive Protagonist aufwuchs. Dann schlägt eine Off-Stimme – akustisch untermalt von einem Schrei und Funk-Klängen der US-Afrobeat-Band Antibalas – den Bogen zur heutigen Realität: »Wenn du überleben willst, musst du bereits sein, zu tricksen«, sagt Arsenio. Der Einstieg lässt ahnen, was kommt.

Ein abendfüllender Film über die wirtschaftlichen Probleme Kubas und Ansätze zu deren Lösung könnte in Zeiten, in denen die US-Regierung fast wöchentlich neue Sanktionen beschließt, um das Land nach eigener Zielvorgabe »zu erdrosseln«, spannende Hintergrundinformationen liefern. Doch die Möglichkeit, zumindest einige Kontrapunkte zum Mainstream westlicher Massenmedien zu setzen, wurde nicht genutzt. Der als Roadmovie angelegte Film vermittelt den Eindruck, dass nicht die US-Sanktionen, sondern eigene Mängel und das Versagen des sozialistischen Systems die Hauptursache für die wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes sind. Bei einer Reise über die Insel erfährt der fiktive Exilkubaner von Bauern, Fischern, Taxifahrern und Jugendlichen allerdings einiges über die Folgen der seit 60 Jahren über sein Land verhängten US-Blockade. In Interviews erklären Granma-Redakteurin Nuria Barbosa León, der Historiker Felipe Pérez Cruz, der Wirtschaftswissenschaftler Omar Everleny Pérez und Manolo, der Vorsitzende eines örtlichen Komitees zur Verteidigung der Revolution (CDR), dass die Kommunistische Partei Kubas (PCC) auf ihrem 6. Parteitag im April 2011 nach einem jahrelangen Diskussionsprozess ein Maßnahmenpaket verabschiedet hat, mit dem Wirtschaft und Gesellschaft, unter Beibehaltung des sozialistischen Systems, »aktualisiert« werden sollen. Die von Nuria Barbosa und Manolo erklärten »Leitlinien« (Lineamentos) ziehen sich als roter Faden durch den Film. Den größten Raum überlässt die Regisseurin jedoch dem von ihr als »Koryphäe« bezeichneten Ökonomen Everleny Pérez, der sich für die »Ausweitung des Privatsektors« engagiert. Pérez, der bereits im April 2016 unter dem Vorwurf, US-Stellen über interne Abläufe informiert zu haben, als Leiter des »Studienzentrums der Kubanischen Ökonomie« (CEEC) an der Universität Havanna entlassen worden war, steht allerdings nicht nur in Kuba in der Kritik.

Wenn eine bis dahin wenig erfahrene Kamerafrau sich, wenige Jahre nach ihrer ersten touristischen Kuba-Reise, an den ambitionierten Versuch wagt, das »Experiment Sozialismus« am Beispiel der Karibikinsel in einem abendfüllenden Kinofilm darzustellen, hängt sie die Latte selbst sehr hoch. Dem eigenen Anspruch wird Jana Kaesdorf mit ihrem Debütfilm über weite Strecken leider ebensowenig gerecht wie der Ankündigung, »authentische Bilder« fernab der Touristenpfade zu zeigen. Viele Szenen wurden in typischen Rundreiseorten wie Trinidad, Santa Clara, Santiago de Cuba und in der Altstadt von Havanna gedreht. Und statt auf das vielfältige Repertoire authentischer Musiker von der Insel zurückzugreifen, unterlegt Kaesdorf ihren Film komplett mit der Musik der US-Afrobeat-Band Antibalas, der französischen Gruppe Waï Afrobeat und des kanadischen Souljazz Orchestra. Obwohl die Autorin nach eigenem Eingeständnis nur über rudimentäre Spanischkenntnisse verfügt, erklärte sie der Fachzeitschrift Film & TV Kamera selbstbewusst, sie schildere die Situation »aus der Perspektive des Volkes«. Dazu kommen eigene Kommentare, die sie dem »Exilkubaner« Arsenio in den Mund legt. Das »sozialistische Relikt in der Karibik« sei ein »marodes Land« mit »maroden Straßen«, in dem auch der »Sozialismus marode geworden« sei, erfahren die Zuschauer aus dem Off. Doch die »Alten im Politbüro« hielten »am Modell des kubanischen Sozialismus fest«. In einem Interview bei Deutschlandfunk Kultur räumte Kaesdorf kürzlich erstaunt ein, dass auch »die Jugendlichen ihren Sozialismus genauso behalten wollen«. Wie der für erfundene Berichte gefeuerte ehemalige Spiegel-Reporter Claas Relotius scheint es die Berliner Kamerafrau als eine Art Gütesiegel anzusehen, die kubanischen Behörden bei der Einreise mit einem Touristenvisum über den Zweck ihres Aufenthaltes getäuscht zu haben. Während derartige Visavergehen in den USA als Straftat zur Festnahme, hohen Geldstrafen, Ausweisung und einem fünfjähriges Einreiseverbot führen können, wurde Kaesdorf dafür in Kuba jedoch nicht belangt. Weil sie »verdeckt« gearbeitet habe, sei es ihr gelungen, »das Vertrauen der meinungsscheuen Kubaner zu gewinnen«, heißt es stolz in einer Presseinformation.

Eine Zumutung für das Publikum sind von Unkenntnis zeugende Passagen, in denen behauptet wird, »Ärzte, Handwerker Restaurantbesitzer – jeder Kubaner wird vom Staat bezahlt«, oder »die Kubaner durften sich keine Häuser kaufen«. Tatsächlich gibt es in Kuba bereits seit Jahrzehnten private Handwerker, Taxifahrer und Restaurantbetreiber. Über 90 Prozent der Wohnungen und Häuser befinden sich zudem im Privatbesitz ihrer Bewohner. Im Zusammenhang mit den 2011 beschlossenen »Lineamentos« wird dagegen behauptet: »Privatbesitz ist erstmals wieder erlaubt.« Durch oberflächliche Recherche, Unkenntnis historischer, wirtschaftlicher und politischer Zusammenhänge und fehlende Analysen vermittelt der Film denjenigen, die wenig über Kuba wissen, keine hilfreichen Informationen. Kenner der kubanischen Realität werden sich über die zahlreichen Fehler ärgern. Obwohl Kaesdorf angibt, keinen »regimekritischen« Film beabsichtigt zu haben, hat sie im 60. Jahr der US-Blockade eine Chance vertan, einen Beitrag zum tieferen Verständnis der Hauptursache für die wirtschaftlichen Probleme des Landes zu leisten.

»Experiment Sozialismus – Rückkehr nach Kuba«, Regie: Jana Kaesdorf, BRD 2020, 83 Minuten, Kinostart: 27. August

junge Welt-Aktionsabo: Drei Monate lang für 62 Euro!

junge Welt: Die Zeitung gegen Krieg und Faschismus, Irrationalismus und Demagogie! Jeden Tag liefern wir gut sortiert Informationen und Inspiration, machen Zusammenhänge und Ursachen verständlich - mit prinzipienfester, antikapitalistischer Haltung. Und das in Hand ihrer Leserinnen und Leser. Damit ist unsere Tageszeitung allein auf weiter Flur in der deutschsprachigen Medienlandschaft.

Grund genug, die junge Welt kennenzulernen! Das Protest-Abo bietet die Möglichkeit, die junge Welt stark vergünstigt und zeitlich begrenzt zu lesen - danach endet es automatisch.

Debatte

  • Beitrag von Franz S. aus R. (26. August 2020 um 08:36 Uhr)
    Der Film ist offenbar ein übles Machwerk. Schon der Titel ist abschreckend.

    Als würden Kommunisten Experimente mit Menschen machen.

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton