jW-Protest-Abo: 3 Monate für 62 €!
Gegründet 1947 Sa. / So., 19. / 20. September 2020, Nr. 220
Die junge Welt wird von 2351 GenossInnen herausgegeben
jW-Protest-Abo: 3 Monate für 62 €! jW-Protest-Abo: 3 Monate für 62 €!
jW-Protest-Abo: 3 Monate für 62 €!
Aus: Ausgabe vom 26.08.2020, Seite 10 / Feuilleton
Rock

Gegen Trend und Zeitgeistschmutz

Das neue Album »Whoosh!« zeigt wieder: Deep Purple sind unanfechtbar. Und auch noch tanzbar
Von Jürgen Roth
10.jpg
Solidität und Virtuosität: Deep Purple bei einem Auftritt in Milwaukee (13.10.2019)

Es gibt keine andere Band, die einen Song wie »Throw My Bones« zu schreiben in der Lage wäre – ein derart groovendes Wuchtstück, das du natürlich ohne den Ian Paice’schen Schlagzeugshuffle nie hinbekämst. Und es soll mir mal einer sagen, wer sonst aus einem zunächst eher mäßig einfallsreichen Midtempotrack wie »Drop The Weapon« noch einen so lässigen und entschieden erfreulichen Chorus herausfaltete, sich weitend und kompakt in einem: »Drop the weapon / Kick it away / Drop your gun / Look the other way.«

Der ganze Scheiß ist eben auch noch tanzbar. Und deshalb wirft der zu rasenden Gitarrenläufen neigende Steve Morse, von Produzent Bob Ezrin abermals weithin wohltuend gebremst und in die fließende Soundstruktur eingebunden, in »We’re All the Same in the Dark« halt mal ein schnalzendes, leichter Hand hingeschmissenes country- oder folkaffines Solo ein.

Deep Purple sind unanfechtbar. Sie sind es, weil die Bandgeschichte eine nicht unerhebliche Menge an perlenden Schönheiten, überwältigenden Emanationen, freiheitsbezeugenden Tollheiten und sagenhaften musikalischen Kleinereignissen birgt. Es gibt keine andere Rockband, die, jeden Trend und Zeitgeistschmutz souverän ignorierend, ähnlich inkalkulabel ist wie Deep Purple, die eine vergleichbare klangliche und kompositorische Gestaltvielfalt pflegt. Schemata zählen praktisch nichts, »die Idee ist alles« (Ian Paice). In der durch und durch korrumpierten und formatierten Musikindustrie, die jeden Ausdruck von Eigensinn und Persönlichkeit getilgt hat, sind diese Instinktartisten mit ihrer technischen Brillanz, ungeschmälerten Spontanität und unbeirrbaren gedanklichen Erdung nicht mehr vorgesehen. Und trotzdem spendieren sie uns unter der Ägide von Bob Ezrin, der am Mischpult Wunderdinge zu vollbringen vermag und der für eines der gewichtigsten Konzeptalben des Pop verantwortlich zeichnete, für »The Wall« von Pink Floyd, ihr erstes mehr oder weniger thematisch in sich geschlossenes, experimentelles Werk, das aber die Überspanntheiten des Prog-Rock selbstverständlich konsequent meidet.

Ein glänzendes Exempel für die Synthese aus Solidität und Virtuosität ist das in seinem gezügelten oder gebrochenen Pathos beinahe proto­typische, durch die wunderbar chromatisch abfallende Strophe zudem wehmütig-fröhlich gefärbte »Nothing At All«, in dem Keyboarder Don Airey und Gitarrist Steve Morse im Call-and-response-Muster ihre wahnwitzige handwerkliche Finesse ausspielen, ohne aufzutrumpfen, und zugleich ihr ungeheures Gespür für Harmonien und Bridges demonstrieren. Man halte den immer gleichen Sums aus Radio und Fernsehen dagegen, und man weiß, was Musik auch sein kann.

Der Neudi vom Versandhandel Rockschuppen bescheinigt »Whoosh!« in einem seiner sympathischen Palavervideos auf Youtube, auf der Platte entfalte sich »eine relaxte, gereifte Kunstform«, und zwar eine, die aus der Improvisation – Inbegriff von Autonomie und Zwanglosigkeit – geboren wird, in der die Freude an der Entdeckung der eigenen Möglichkeiten, an der vielleicht bloß minimalen Überraschung den lockeren Taktstock führt. Kernstück und fast Schlussstein ist eine orchestrale impressionistische Skulptur des Niedergangs der Menschheit, betitelt »Man Alive«. Getragen von Ian Gillans nach wie vor erstaunlich und unerreicht timbrestarkem Gesangsstil, verschmelzen da, die Bandbreite dynamischer Akzente ausreizend, filmsoundtrackartige Passagen mit komplexen Riffschichtungen, und andernorts stolpern die Synkopen oder regiert der reine Rock ’n’ Roll, inklusive Honky-Tonk-Klavier.

»Putting the Deep back into ­Purple«, das sei ihr Ansinnen gewesen, bekundet Bassist Roger Glover. Don Airey vergleicht »Whoosh!« mit dem übersehenen luftigen Klassiker »Who Do We Think We Are« aus dem Jahr 1973. Das Großartige und Beglückende an Deep Purple ist, dass mit den Hervorbringungen dieser Band jeder etwas anderes assoziiert. Einheitssoßiges hat’s genug in der Welt.

Deep Purple: »Whoosh!« (ear music)

junge Welt-Aktionsabo: Drei Monate lang für 62 Euro!

junge Welt: Die Zeitung gegen Krieg und Faschismus, Irrationalismus und Demagogie! Jeden Tag liefern wir gut sortiert Informationen und Inspiration, machen Zusammenhänge und Ursachen verständlich - mit prinzipienfester, antikapitalistischer Haltung. Und das in Hand ihrer Leserinnen und Leser. Damit ist unsere Tageszeitung allein auf weiter Flur in der deutschsprachigen Medienlandschaft.

Grund genug, die junge Welt kennenzulernen! Das Protest-Abo bietet die Möglichkeit, die junge Welt stark vergünstigt und zeitlich begrenzt zu lesen - danach endet es automatisch.

Mehr aus: Feuilleton