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Aus: Ausgabe vom 27.08.2020, Seite 5 / Inland
Isolation ohne Konzept

Abgewälzt auf die Familien

Quarantänebürokratie für Kinder: Gesunde werden länger isoliert als Infizierte
Von Susan Bonath
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»Für Kinder und Lehrer unzumutbar«: Unterricht mit Mundschutz (Kiel, 10.8.2020)

Von Coronaquarantäne sind Eltern mit Kindergarten- und Schulkindern derzeit besonders häufig betroffen. Allein im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen (NRW) sitzen Tausende Minderjährige in derartiger Isolation. Über drastische Auflagen und Konsequenzen bis hin zur Fremdunterbringung der Kinder hatten sich zuletzt Familien im Rhein-Sieg-Kreis empört (jW berichtete). Auf Anfrage dieser Zeitung relativierte Kreissprecherin Rita Lorenz nun: Dass man schon Kleinkindern mit gewaltsamer Durchsetzung räumlicher Isolierung auch innerhalb der Familie gedroht habe, sei ein Fehler gewesen. »Das Schreiben hätte an die Erziehungsberechtigten gehen müssen«, räumte sie ein. Leider sei es aber Vorschrift, die Konsequenzen mitzuteilen. Man werde daher der Musterverfügung nun ein Begleitschreiben beilegen.

Vergangenen Freitag saßen in dem Landkreis mit rund 600.000 Einwohnern nach einigen Schul- und Kitaschließungen mehr als 1.000 Menschen in der häuslichen Quarantäne. Wie viele Minderjährige darunter waren, wisse die Kreissprecherin nicht. Dazu sei »eine statistische Auswertung nicht möglich«. Allerdings verschaffte sie andere Einblicke in den Umgang mit der Pandemie: In ihrem Kreis müssen demnach negativ getestete Kontaktpersonen mindestens 14 Tage in Quarantäne bleiben. Nur wenn keine Symptome vorlägen, dürften sie danach wieder nach draußen, so Lorenz. Für viele positiv Getestete ist diese Frist kürzer. Laut der Sprecherin müssen sie nämlich nur zehn Tage in der Isolation bleiben, sofern sie keine Symptome entwickeln. Frau Lorenz ergänzte, dass die Maßnahme verlängert werde, sobald im nahen Umfeld weitere positive Tests auftauchten oder sich eine Krankheit bemerkbar mache.

Der Kreis orientiere sich dabei an »den Richtlinien des Robert-Koch-Instituts, die das Infektionsschutzgesetz (IFSG) konkretisieren«, erklärte sie. Danach sollen nur positiv Getestete sowie deren Kontaktpersonen ersten Grades in die Quarantäne geschickt werden, wie Lorenz weiter sagte. Gehören Isolierte zu letzteren, würden die Eltern nicht in die Maßnahme einbezogen. Besonders für Ärmere ist das ein Problem. Wenn sie ihr Kind betreuen müssen, steht ihnen so weder ein Lohnausgleich vom Staat noch Kinderkrankengeld zu. Dieses beträgt 90 Prozent vom letzten Nettolohn. Die Krankenkassen gewähren das Geld für zehn Tage pro Jahr, Kind und Elternteil für die Betreuung unter Zwölfjähriger. Allerdings muss das Kind dazu krank sein, was es als negativ getestete Kontaktperson nicht ist. Auf Nachfrage, wie viele Kinder aktuell im Kreis positiv seien, antwortete Lorenz ausweichend: »Insgesamt haben wir hier im Rhein-Sieg-Kreis seit Beginn der Pandemie drei Kinder positiv getestet«, resümierte sie.

Die Coronasituation ist dynamisch. Täglich berichten Medien über weitere Schließungen von Schulen und Kitas. In NRW kamen seit Montag Einrichtungen unter anderem in Essen, Dortmund, Herford, Recklinghausen, Herne und im Rhein-Sieg-Kreis hinzu. Das Landesschulministerium hatte am Dienstag mitgeteilt, dass inzwischen mehr als 5.000 Schüler und über 500 Lehrer in NRW in Quarantäne ausharrten, von denen insgesamt rund sechs Prozent positiv getestet worden seien.

Die Öffnung der Schulen und Kitas in der aktuellen Weise sei »völlig weltfremd«, kritisierte Ilka Hoffmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am Mittwoch im Gespräch mit jW. Die Politik habe die Ferien nicht genutzt, die Schulen angemessen vorzubereiten. Es fehle an zumutbaren Räumen, an Hilfen für die und Dialog mit den Betroffenen sowie an sinnvollen und realistischen Plänen. Die Missstände versuche man mit einer Maskenpflicht teils sogar im Unterricht auszugleichen, was »für Kinder und Lehrer unzumutbar« sei. »Derzeit wälzt die Politik die Verantwortung vom Staat auf die einzelnen ab«, sagte sie.

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