Gegründet 1947 Dienstag, 20. Oktober 2020, Nr. 245
Die junge Welt wird von 2422 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 17.08.2020, Seite 12 / Thema
Lage im Baskenland

Auf vielen Wegen vorwärts

Die Abkehr der ETA vom bewaffneten Kampf veränderte die politische Landschaft im Baskenland. Eine Bestandsaufnahme zur baskischen Linken und warum man nicht von einem Friedensprozess sprechen kann
Von Jan Tillmanns
102566487.jpg
Viele Mitglieder der ETA sitzen noch im Gefängnis. Demonstranten mit der Ikurrina, der Flagge des Baskenlandes, fordern entlang einer Straße im französischen Teil der Region ihre Freilassung (Cambo-les-Bains, 4.5.2018)

Mehrere Verhandlungs- und Friedensinitiativen im Baskenland in den Jahren 1989, 1998/99 und 2006/2007 scheiterten immer wieder sowohl an der starren Haltung des spanischen Staates als auch an den »Hardlinern« in der Widerstandsorganisation Euskadi Ta Askatasuna (ETA).

Ab 1997 verschärfte der Staat seine Repression unter der Ägide des international bekannten Untersuchungsrichters Balthasar Garzón nochmals um ein Vielfaches. Unter der Doktrin »Alles ist ETA« wurden Zug um Zug alle Organisationen der baskischen Linken verboten, ihre Infrastruktur weitgehend zerschlagen, Aktivistinnen und Aktivisten für ihr politisches Engagement eingesperrt. An eine politische Partizipation war nicht zu denken. In den 2000er Jahren befand sich die baskische Gesellschaft daher in einem permanenten Ausnahmezustand.

In dieser Situation wurde von einem engen Kreis an Personen um den ehemaligen Vorsitzenden der linken baskischen Partei Batasuna, Arnaldo Otegi, eine neue einseitige Strategie zur Lösung des Konflikts im Baskenland entwickelt. Diese sah einerseits die Beendigung des bewaffneten Kampfes der ETA und deren Auflösung vor, andererseits sollte der politische Kampf von nun an innerhalb legaler und gewaltfreier Rahmenbedingungen fortgesetzt werden. Diese wurden als Notwendigkeit betrachtet, um überhaupt wieder politisch handlungsfähig zu werden. Diese Strategie wurde innerhalb der politischen Basis, in den Strukturen von ETA und im Kollektiv der baskischen politischen Gefangenen (Euskal Preso Politikoen Kolektiboak, EPPK) diskutiert und anschließend mit großer Mehrheit beschlossen.

Hinein in die Institutionen

Am 9. Februar 2012 betrat mit der Partei Sortu ein neuer politischer Akteur die Bühne, der die Nachfolge der 2003 in Spanien verbotenen Batasuna antreten sollte. Mit den Parteien Aralar (einer Abspaltung von Batasuna), der sozialdemokratischen Eusko Alkartasuna sowie der linksradikalen Alternatiba bildete Sortu die Parteienkoalition Euskal Herria Bildu (EH Bildu), die inzwischen als eigenständige Partei auftritt.

Laut ihrem Programm will Sortu einen »Bruch mit dem kapitalistischen und patriarchalen System vollziehen sowie den Aufbau einer völlig anderen, auf partizipativer Demokratie beruhenden Gesellschaft«. Nach Aussagen des EH-Bildu-Politikers Arnaldo Otegi komme der abertzalen Linken (abertzale ist ein Begriff für politische Gruppen, die für die baskische Unabhängigkeit eintreten; jW) die Aufgabe der Bildung eines »historischen Blocks« zu, an dessen Spitze sie zur Realisierung eines fortschrittlichen Gesellschaftsprojekts stehen müsse.¹

Seit ihrer Gründung sind sowohl die Partei Sortu als auch die Wahlkoalition EH Bildu in nahezu alle Institutionen in Hegoalde (im spanischen Teil des Baskenlandes, in Abgrenzung zum Iparralde genannten französischen Baskenland; jW) zurückgekehrt. In der Provinz Gipuzkoa sowie in der Autonomen Gemeinschaft Navarra war sie in unterschiedlichen Mitte-links-Koalitionen an der Regierung beteiligt. In Donostia (spanisch: San Sebastián) sowie Iruñea (Pamplona) stellte sie für eine Legislaturperiode den Bürgermeister.

Aus den Wahlen zur Comunidad Autonoma Vasco (Baskische Autonome Gemeinschaft) im Juli dieses Jahres ging das Wahlbündnis EH Bildu mit 27,87 Prozent der Stimmen (vgl. jW, 14.7.2020) als zweitstärkste Kraft hervor. Den Kurswechsel, einschließlich der Abkehr von der Gewaltanwendung, scheint ein großer Teil der abertzalen Linken mitzutragen, und er spricht offensichtlich neue Wählerschichten an.

Im Vergleich zu ihrer Vorgängerorganisation Batasuna hat die Partei in Folge des Strategiewechsels auch ihre Sprache verändert: Statt von Unabhängigkeit sprechen ihre Protagonisten heute von »demokratischer Selbstbestimmung« oder »Souveränität«. Der Begriff »Sozialismus« scheint aus dem Vokabular gestrichen worden zu sein. Auch aus dem äußeren Erscheinungsbild wurde jedwede traditionelle sozialistische Symbolik entfernt.

Bei Batasuna traf die Basis Entscheidungen bezüglich des politischen Prozesses und wählte Delegierte, wodurch die Parteipolitik wesentlich transparenter erschien. Im Vergleich dazu ist Sortu heute eine Partei, bei der politische Entscheidungen in den jeweiligen Gremien getroffen werden.

Doch welche ihrer programmatischen Ziele konnte sie bisher in konkrete Projekte umsetzen? Aufgrund ihrer starken Verankerung in den ländlichen Gemeinden und Kleinstädten in den Provinzen Gipuzkoa und Navarra – keine andere Partei im Baskenland stellt mehr Gemeinderäte – versucht sie vor Ort, ihre Vorstellung von einer anderen Gesellschaft umzusetzen.

Unter Einbeziehung der Bevölkerung wurden in der ehemaligen Industriestadt Errenteria (Rentería), wo EH Bildu gemeinsam mit Unidos Podemos regiert, mehrere munizipalistische Projekte (die munizipalistische Bewegung besteht aus einem Netzwerk von lokal arbeitenden Organisationen; jW) initiiert. In der Einrichtung »Haus der Frauen« gibt es Bildungs- und Beratungsangebote von und für Frauen. Verwaltet wird das Projekt gemeinsam von der Stadtverwaltung und der lokalen feministischen Bewegung.

Im Bereich der lokalen Wirtschaftsförderung unterstützt die Kommune junge Unternehmerinnen und Unternehmer mit der Bereitstellung von Infrastruktur, hilft bei der Vernetzung mit anderen Akteuren und der Existenzgründung unter genossenschaftlichen Rahmenbedingungen.

In Iruñea konnte die von den Abertzalen geführte Stadtregierung die Räumung des Mausoleums für die franquistischen Generäle Mola und Sanjurjo als einen großen Erfolg verbuchen. Dies geschah nicht mit viel medialem Getöse, wie bei der Räumung des Mausoleums von Franco durch die spanische Regierung in Madrid, sondern durch bedachte Verhandlungen mit der Kirche, den Familien und anderen Beteiligten.

… zurück auf die Straße!

Im Frühjahr 2016 trat mit »Amnistia Ta Askatasuna Eta Errepresioaren Aurkako« (Bewegung für Amnestie und gegen Repression, ATA) erstmals eine Organisation in Erscheinung, die nicht der seit 2012 dominierenden politischen Strategie zustimmt.²

Die Gründung von ATA ließ klar die Risse deutlich werden, die sich aufgrund des Strategiewechsels in den vorhergehenden Jahre in der Bewegung gebildet hatten. Viele wollten den legalistischen Kurs, den Schwenk in die politische Mitte und die Vehemenz, mit der Sortu in die Institutionen zurückdrängte, nicht akzeptieren. Die Aufgabe der zentralen und traditionellen Forderung nach Amnestie für politische Gefangene durch Sortu führte schließlich zum Bruch und zur Gründung der ATA. Sie ist als Netzwerk aus Einzelpersonen und politischen Gruppen organisiert, Unterstützung erfährt sie unter anderem von antifaschistischen Initiativen sowie von mehreren marxistisch-leninistischen Gruppen.

Zahlreiche ihrer Aktivistinnen und Aktivisten sind ehemalige politische Gefangene, die vormals bei Batasuna organisiert waren. Inhaltlich vertritt ATA mit den Forderungen für Amnestie, Sozialismus, Unabhängigkeit, Feminismus und Ökologie viele Positionen der »alten« baskischen Linken vor dem Strategiewechsel. Die Gründung einer neuen Partei scheint bisher nicht das Ziel ihrer Akteure zu sein, zumal sie dafür das spanische Parteiengesetz akzeptieren müsste (ein Punkt, den ATA an Sortu kritisiert). In ihrer politischen Praxis setzt sie auf Mobilisierungen auf der Straße und besetzt damit den politischen Raum, der durch den Weg der Fraktion um Sortu in die Institutionen frei wurde.

Mit ihrer Praxis der sozialen Mobilisierung auf der Straße spricht sie seit ihrer Gründung verstärkt eine jüngere Generation von Aktivistinnen und Aktivisten an, die einer institutionellen Form von politischer Praxis kritisch oder ablehnend gegenübersteht. In den vergangenen Jahren bestand der Schwerpunkt der politischen Arbeit von ATA in der Amnestiefrage und der Situation der politischen Gefangen. Dass Sortu/EH Bildu diese Fragen wieder auf ihre Agenda setzen mussten, kann sicher auch als als ihr Verdienst betrachtet werden. Bisher weitgehend unklar geblieben ist, wie der von ATA propagierte Sozialismus aussehen soll. Um diesen Begriff mit Leben zu füllen, fehlen bisher konkrete Projekte.

Der Strategiewechsel der letzten Jahre hat die Situation der politischen Gefangenen stark verändert. Wurde die spanische Justiz davor von der Bewegung als politische bzw. koloniale Justiz betrachtet, mit der keine Verhandlungen geführt werden, vollzog der Flügel um Sortu eine Abkehr von dieser Doktrin. Von nun an wurde jedem Gefangenen gestattet, nach individuellen Lösungen zur Verbesserung seiner Haftsituation zu suchen, d. h. auch mit dem spanischen Justizapparat zu verhandeln, ohne aber mit diesem zu kollaborieren. Somit wurde die einstmals zentrale Forderungen der abertzalen Linken nach Amnestie, einer Verlegung der baskischen Gefangenen ins Baskenland sowie die Rückkehr der Exilierten aufgeweicht bzw. in Teilen aufgegeben. Sie erschien einem Teil der Bewegung als nicht realisierbar. Die Gefangenen, die diesen Weg nicht mitgehen wollten, mussten das Gefangenenkollektiv EPPK verlassen und werden seitdem von der Strömung um ATA unterstützt.

Wie tief die Risse durch die Bewegung gehen, zeigen auch die Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen Strömungen im Umgang mit dem Fall des Gefangenen Patxi Ruiz im Frühjahr dieses Jahres. Dieser war nach mehrfachen Misshandlungen und Repressalien durch das Gefängnispersonal in den Hungerstreik getreten. Aufgrund seines Sympathisierens mit ATA erhielt er nach deren Aussagen zuwenig Solidarität von Mitgefangenen aus dem Kollektiv.³ Zwischen ATA und Sortu/EH Bildu, die sich gerade im Wahlkampf befanden, entflammte erneut ein heftiger Streit über die politischen Strategie in der Gefangenenfrage.

Derzeit sitzen noch rund 200 Gefangene ihre Haftstrafen in spanischen Knästen ab. Entlassen werden nur jene, die ihre Haftstrafe bis zum letzten Tag verbüßt haben. Während der Coronapandemie erhielten sie aufgrund des Lockdowns über einen Zeitraum von drei Monaten keinen Besuch.

Staatliche Friedenssabotage

Nachdem der spanische Staat in den letzten Jahrzehnten zunächst in Form von franquistischer Diktatur und anschließend als Monarchie mit demokratischem Anstrich versucht hatte, die linke Unabhängigkeitsbewegung durch Repression (Verbote, Gefängnisstrafen, Folter bis hin zu Mord) politisch und militärisch zu zerschlagen, stand er auch der neuen politischen Strategie der Konfliktlösung ablehnend gegenüber. Vielmehr bemühte er sich zunächst, diesen Prozess zu sabotieren, indem er eine Spaltung von ETA provozieren wollte und die Initiatorinnen und Initiatoren des Gewaltverzichts um Otegi für ihre politischen Aktivitäten inhaftierte.

Nachdem diese Maßnahmen keine Wirkung gezeigt hatten, die baskische Linke weiterhin ihren Kurswechsel vollzog und die ETA sich in diesem Zuge auflöste, versuchte der spanische Staat erneut ihre Organisationen – in diesem Falle Sortu – kurz nach deren Gründung durch die Audiencia Nacional, den Nationalen Gerichtshof, verbieten zu lassen. Während dieser Versuch noch erfolglos blieb, wurden indes die Prozesse gegen Organisationen und Einzelpersonen der baskischen Linken weitergeführt. Die beiden letzten Massenprozesse gegen das Netzwerk der »Herriko Tabernas« (ein Netzwerk von selbstverwalteten Kneipen, Bars und Restaurants) sowie gegen die Gefangenenorganisation »Herrira« endeten mit vergleichsweise geringen Haftstrafen für die Angeklagten – im Gegenzug mussten diese erklären, im Auftrag der ETA gehandelt zu haben.⁴

Auch die Situation der Gefangenen hat sich nicht wirklich verändert. Das spanische Justizsystem praktiziert weiter die sogenannte Dispercion, das bedeutet, die Gefangenen werden teilweise in weit vom Baskenland entfernten Gefängnissen inhaftiert. Minimale Veränderungen bei den Haftbedingungen hat es seit dem Amtsantritt des spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez gegeben. So wurden einige Gefangene in Haftanstalten in die Nähe des Baskenlandes verlegt und die Hochsicherheitsverwahrung, die teilweise als Isolationshaft vollzogen wurde, gelockert. An eine Rückkehr von den in den letzten Jahrzehnten ins Ausland Geflohenen bzw. Deportierten scheint in dieser Situation aber mit wenigen Ausnahmen nicht zu denken zu sein.

Ein Abzug der paramilitärischen Polizei »Guardia Civil«, wie oftmals nach dem Ende des bewaffneten Kampfes sogar vom christdemokratischen Partido Nacionalista Vasco (PNV) gefordert, hat bisher nicht stattgefunden. Vielmehr präsentiert sich der spanische Staat auch unter seiner neuen sozialdemokratischen Regierung als Sieger über die ETA und hält eine Veränderung des Status quo ebensowenig für nötig wie eine Aufarbeitung der strukturellen Verwicklungen von Mitgliedern der spanischen Regierung in die Aktivitäten der paramilitärischen Todesschwadronen »Grupos Antiterroristas de Liberación« (GAL), die in den 1980er Jahren zahlreiche Morde an ETA-Anhängern begingen.⁵

Der Repressionsapparat scheint sich inzwischen auf die katalanische Unabhängigkeitsbewegung fokussiert zu haben. Zu welchen Gewaltexzessen dieser noch immer fähig ist, haben die vergangenen Jahre gezeigt. Daher kann sicherlich aufgrund der Praxis und der Haltung des spanischen Staates mit seiner zentralstaatlichen Verfassung und seinem franquistischen Erbe von keinem Friedensprozess gesprochen werden.

Etwas anders verhält sich die Situation auf der anderen Seite der Grenze. In Frankreich waren die politischen Organisationen der abertzalen Linken nie verboten. Durch eine zivilgesellschaftliche Initiative wurde im französischen Baskenland die Entwaffnung der ETA organisiert. Eine als »Handwerker des Friedens« bekannte Gruppe machte die Waffen von ETA – die die GPS-Daten ihrer Depots zuvor an die Gruppe übermittelt hatte – in Eigenregie unbrauchbar und übergab sie im Anschluss den französischen Behörden (vgl. jW, 12.4.2017).

Im spanischen Staat wäre ein derartiges Vorgehen undenkbar gewesen, den Aktivistinnen und Aktivisten hätten hier sicher lange Haftstrafen gedroht. Mit kleinen Schritten hat der französische Staat auf die veränderte politische Situation reagiert. Einige der politischen Gefangenen hat er in Haftanstalten in der Nähe des französischen Baskenlandes bringen lassen.

Eine Vielzahl von Kämpfen

Trotz der Abwicklung von ETA und der Neuorganisation innerhalb der Bewegung war die abertzale Linke nicht ausschließlich mit sich selbst beschäftigt. Das Gegenteil war der Fall. Ihre Organisationen führten eine Vielzahl von sozialen Kämpfen. Die abertzalen Gewerkschaften Langile Abertzaleen Batzordeak (LAB, linkssozialistische und Sortu nahestehende Gewerkschaft) und Eusko Langileen Alkartasuna (ELA, kapitalismuskritische Gewerkschaft mit Ursprung im baskischen Katholizismus), die zusammen rund die Hälfte aller Betriebsräte im Baskenland stellen, organisierten eine Vielzahl von Streiks in unterschiedlichen Branchen. Die Bandbreite reicht von der Metall- und Elektroindustrie, beispielsweise in dem VW-Werk in Iruñea (Pamplona), über Streiks mit prekär beschäftigten Landarbeiterinnen und Landarbeitern in Navarra bis hin zu illegal Beschäftigten im Pflegebereich in der Provinz Bizkaia (Vizcaya).⁶

Am 30. Januar 2020 führten die beiden abertzalen Gewerkschaften gemeinsam mit der anarchosyndikalistischen Confederación Nacional del Trabajo (CNT) einen eintägigen Generalstreik beiderseits der Grenze durch.⁷ An ihm nahmen Hunderttausende Menschen teil, das öffentliche Leben wurde in vielen Regionen lahmgelegt. Zentrale Forderungen des Generalstreiks waren die Rücknahme von sozialen Verschärfungen wie den neoliberalen Arbeitsmarktreformen des ehemaligen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy, die zu einer weiteren Erosion von Arbeitnehmerrechten und einer Zunahme der Zahl prekärer Arbeitsverhältnisse geführt hatten. Desweiteren bezog der Generalstreik den Kampf der Bewegung der Rentnerinnen und Rentner für eine würdige Rente ein, die im Baskenland begann und sich schließlich auf ganz Spanien ausbreitete.

In den größeren Städten erhielt der Kampf um bezahlbaren Wohnraum und lebenswerte Städte immer mehr Gewicht. Aufgrund von Gentrifizierung und der Folgen des Massentourismus werden auch im Baskenland immer mehr Menschen durch steigende Mieten aus ihren Wohnungen und Stadtvierteln vertrieben. Dagegen mobilisieren vor allem Basisbewegungen.

In Vitoria (Gasteiz) besetzten Aktivistinnen und Aktivisten vor etwas mehr als fünf Jahren das komplett vom Abriss bedrohte Stadtviertel »Errekaleor«. Inzwischen wurden dessen Gebäude wieder instand gesetzt, Felder zur Selbstversorgung angelegt und mit internationaler Unterstützung eine Solaranlage zur autarken Versorgung des Barrios mit Strom errichtet.⁸ Am »Internationalen Tag der arbeitenden Frau«, wie der Internationale Frauenkampftag im Baskenland genannt wird, mobilisierten feministische Gruppen Tausende Menschen, um für die Rechte und Selbstorganisation von Frauen sowie gegen das patriarchale Gesellschaftsmodell und die Auswirkungen des kapitalistischen Systems zu demonstrieren.

Darüber hinaus leisten internationalistische Initiativen noch immer einen großen Beitrag zur Unterstützung und Vernetzung von bzw. mit anderen sozialistischen und indigenen Bewegungen in Lateinamerika, Palästina oder der Westsahara. Sie lassen internationale Solidarität Praxis werden, in dem sie beispielsweise seit Jahren Kindern und Jugendlichen aus saharauischen Flüchtlingslagern einen Sommer bei Gastfamilien im Baskenland ermöglichen.

Ausblick

Die abertzale Linke hat in den vergangenen Jahren mit viel Mut und Risiko einen radikalen Strategiewechsel vollzogen. Dazu gehörte die Abkehr vom bewaffneten Kampf. Dass es dabei zu keinerlei Abspaltungen wie beispielsweise in der republikanischen Bewegung Nordirlands kam, kann als ihr Verdienst bezeichnet werden. An der Frage, auf welchen Wegen sie nun voranschreiten will, haben sich die Vorstellungen in unterschiedlichen Strömungen auseinanderentwickelt.

Wird die Strömung um Sortu/EH Bildu mit ihrem Weg, politische Veränderungen zum Aufbau eines alternativen Gesellschaftsmodells durch die Arbeit in den Institutionen erfolgreich sein? Welche Mehrheiten wird sie in Zeiten eines globalen politischen Rechtsrucks für ihre Projekte organisieren können? Wie sehr wird sie sich in und von den Institutionen verschleißen lassen?

Die Demonstrationen für die politischen Gefangenen in den letzten Jahren mit teilweise Zehntausenden Teilnehmerinnen und Teilnehmern und die Streiks im Januar dieses Jahres deuten jedenfalls darauf hin, dass die Bewegung ihre hohe Mobilisierungsfähigkeit erhalten kann. Die weiterhin gängige Praxis der »Ongi Ettoris« – der Willkommensveranstaltung für die entlassenen Gefangenen in ihren Heimatorten – sowie Erinnerungsveranstaltungen für gefallene Ettaras (militante ETA-Mitglieder) im öffentlichen Raum, an denen Aktivistinnen und Aktivisten aus allen politischen Lagern beteiligt sind, sowie Publikationen in den abertzalen Medien deuten außerdem darauf hin, dass die Bewegung sich ihrer Wurzeln bewusst ist und an den antifranquistischen Widerstand anknüpft.

Völlig unklar sind hingegen bisher die Perspektiven für die nach der Auflösung in der Illegalität verbliebenen Ettaras. Im medialen Diskurs spielt diese Frage aktuell keine Rolle. Unter den derzeitigen Bedingungen scheint eine Rückkehr in die Legalität als völlig unrealistisch. Nach der Festnahme des ehemals zum ETA-Führungskreis gehörenden Josu »Ternera« Urrutikoetxea im vorigen Jahr in den französischen Alpen gab es jedoch keine weiteren Inhaftierungen mehr. Ternera wurde vor wenigen Tagen unter Auflagen freigelassen.

Anmerkungen

1 Vgl.: Fermín Munarriz: Lichtblicke im Baskenland. Interview mit Arnaldo Otegi. Papyrossa-Verlag, Köln 2014

2 Vgl. »Linke Spaltung im Baskenland«, Baskinfo.blogspot.com, 21.6.2016

3 Vgl. »Patxi Ruiz presoak gose eta egarri greba hasi du kartzelazainen mehatxuak salatzeko«, Argia, 11.5.2020

4 Vgl. »Hartes Urteil gegen Sortu«, Baskinfo.blogspot.com, 3.8.2014

5 Vgl. »Es fehlt der Wille, die Morde aufzuklären«, Heise.de, 24.6.2020

6 Vgl. »Wir streiken« auf Baskultur.info

7 »Der Generalstreik im Baskenland: Ein Signal für die Gewerkschaftsbewegung – nicht nur in Spanien«, Labournet.de, 3.2.2020

8 Vgl. »Hausbesetzung in Gasteiz« auf Baskultur.info

Jan Tillmanns ist Gründer der Initiative »basis.bildung« und organisiert seit mehreren Jahren politische Bildungsreisen ins Baskenland.

Unverzichtbar!

»Die einzige deutschsprachige Tageszeitung, die konsequent an der Seite Kubas steht. Das macht die junge Welt für mich unverzichtbar.« Petra Wegener, Vorsitzende der Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

Ähnliche:

  • Es hätte wohl jeden von ihnen treffen können – Massenprotest geg...
    10.07.2018

    Zweierlei Recht

    Die jüngste Verurteilung einiger baskischer Jugendlicher zu hohen Haftstrafen und die Anklagen gegen katalanische Politiker verdeutlichen den politischen Charakter der Justiz in Spanien – der Feind steht links
  • Protest gegen Repression: Demonstranten fordern am 2. November i...
    04.11.2017

    Wut auf Madrid

    Spanische Justiz geht gegen katalanische Unabhängigkeitsbewegung vor. Kundgebungen und Generalstreik gegen die Repression