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Aus: Ausgabe vom 17.08.2020, Seite 4 / Inland
Tod im UKE

Zwang und Gewalt

Protest gegen Einstellung der Ermittlungen zum Tod des Psychiatriepatienten Tonou-Mbobda in Hamburg
Von Kristian Stemmler
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Bereits kurz nach dem Todesfall im UKE wurde in Hamburg demonstriert und Aufklärung gefordert (Archivbild, Mai 2019)

Sie skandierten »No justice, no peace!« (»Keine Gerechtigkeit, kein Frieden«) – und »Brother Mbobda – das war Mord!«: Auf dem Platz vor der Laeiszhalle in Hamburg, eins der Konzerthäuser fürs bürgerliche Publikum, versammelten sich am Samstag nachmittag trotz brütender Hitze rund 250 Menschen, um gegen die Einstellung der Ermittlungen im Fall William Tonou-Mbobda zu protestieren. Adressat des Protestes, zu dem unter anderem die Gruppe »Justice for Mbobda« aufgerufen hatte: die Hamburger Staatsanwaltschaft, deren Hauptsitz sich ein paar hundert Meter weiter befindet.

Vor allem zum Entsetzen der Black Community der Stadt hatte die Behörde vor einer Woche bekanntgegeben, dass sie keine Anklage gegen die drei Security-Mitarbeiter des Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) erhebt, die den Kameruner im April brutal zwangsfixiert hatten. Auch die Ermittlungen gegen die Ärztin, die eine Zwangsmedikation bei dem Psychiatriepatienten angeordnet hatte, wurden eingestellt. Tonou-Mbobda war aufgrund der Zwangsfixierung ins Koma gefallen und fünf Tage später, am 26. April 2019, auf der Intensivstation des UKE gestorben.

Mwayemudza Ndindah aus der Black Community kritisierte in seinem Redebeitrag das Argument der Staatsanwaltschaft, die Securities hätten in »Nothilfe« gehandelt. Das sei ein Konstrukt und »durch nichts belegt«. Die Sicherheitsleute hätten zudem gegen die sogenannte S3-Leitlinie verstoßen, mit der in Psychiatrien Zwang möglichst verhindert werden soll. »Körperverletzung bleibt Körperverletzung«, sagte Ndindah. Er kritisierte auch, dass das UKE sich »bis heute nicht bei der Familie entschuldigt hat«.

Ndindah schlug einen Bogen vom Fall Tonou-Mbobda zum alltäglichen Rassismus, dem People of Color ausgesetzt seien, so durch das sogenannte Racial Profiling. So erlebten Afrikaner, dass sie etwa auf St. Pauli von der »Taskforce Drogen« kontrolliert würden, weil sie für Kleindealer gehalten würden. »Wo sind denn die weißen Touristen, die von der Polizei verfolgt, eingesperrt und ab und zu umgebracht werden?!«, rief der Redner unter dem Beifall der Demonstranten. Die Polizei habe ein Rassismusproblem, und das habe sie, weil ihr Handeln von der Staatsanwaltschaft und letztlich der Politik gedeckt würde.

Auf Ungereimtheiten im Fall Tonou-Mbobda wies Oloruntoyin LaToya Manly-Spain von der Black Community in ihrem auf Englisch gehaltenen Redebeitrag hin. Der Kameruner sei ein gesunder Mann gewesen, er habe Basketball gespielt und sei ins Fitnessstudio gegangen. Vor diesem Hintergrund sei es »inakzeptabel«, dass nach seiner Obduktion plötzlich von einem schweren Herzfehler die Rede gewesen sei, der zu seinem Tode geführt habe, so Manly-Spain. Sie kritisierte Oberstaatsanwalt Lars Mahnke, der noch im Dezember im Wissenschaftsausschuss der Bürgerschaft das repressive Eingreifen der Sicherheitsleute als Todesursache genannt hatte, jetzt aber offenbar anders entschieden habe.

Larissa Mbobda, die Schwester von William Tonou-Mbobda, dankte den Demonstranten für ihre Unterstützung. Jeder Zuspruch sei für die Familie eine Ermutigung, »um unseren Weg weiterzugehen«. Die Entscheidung der Staatsanwaltschaft, die Ermittlungen einzustellen, sei für die ganze Familie eine »große Enttäuschung« gewesen. Es sei nicht zu verstehen, warum niemand für den Tod ihres Bruders zur Verantwortung gezogen würde.

Am Rande der Demonstration erklärte Deniz Celik, innenpolitischer Sprecher der Linksfraktion in der Bürgerschaft, gegenüber junge Welt, der Vorgang dürfe jetzt nicht zu den Akten gelegt werden. Neben weiteren denkbaren juristischen Schritten, etwa einem Klageerzwingungsverfahren, müsse der Fall vor allem erneut zum Anlass genommen werden, den Umgang mit den Patienten in den Psychiatrien zu überprüfen, der offenbar immer noch zu oft von Zwang und Gewalt geprägt sei.

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