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Aus: Ausgabe vom 13.08.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Geheimdienstarbeit

»Nicht zu identifizierende Totalfälschung«

Pässe des MfS halfen Kämpfern in Vietnam, Palästinensern und Pinochet-Gegnern
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»Würdest Du mit einem Deiner falschen Pässe auf die Reise gehen?« – Kontrollpunkt der Alliierten »Checkpoint Charlie« in Berlin (1980)

In Kapitel 20 seiner Autobiographie berichtet Günter Pelzl über Schwierigkeiten und Erfolge bei der Passfälschung. Wir danken Autor und Verlag für die Möglichkeit des Abdrucks:

Am 1. Dezember 1982 wurde ich in die Abteilung 35 versetzt. Ich war inzwischen Hauptmann und übernahm dort das Referat I »Forschung und Entwicklung«. Es war deutlich zu spüren, dass sich das Augenmerk von der handwerklichen Seite der Dokumentenherstellung mehr zur wissenschaftlich-technischen Seite hin verschob. (…) Eine meiner ersten Aufgaben war es, ein System der Analyse und Qualitätskontrolle vor allem für die produzierten Pässe zu entwickeln, das es möglich machen sollte, die eingebauten Sicherheitsmerkmale möglichst alle zu erkennen und Fehler bei der Produktion weitgehend auszuschließen. An die einzelnen Bestandteile eines Passes, wie Papier, Druckfarben, Kunstleder und so weiter, wurden schriftlich fixierte Anforderungen gestellt, die auch regelmäßig überprüft wurden. (…) Die analytischen Fähigkeiten aller Mitarbeiter gingen so weit, dass wir in der Lage waren, die für uns wichtigen Druckfarben- und Papierbestandteile zu ermitteln. Viele ausländische Pässe enthielten seltene Faserstoffe, die langfristig irgendwo in der Welt beschafft werden mussten.

Wir waren uns immer der Tatsache bewusst, dass unsere falschen Papiere einer wissenschaftlichen Laboruntersuchung trotz dieser hohen Qualität nicht lange standhalten würden. Das wurde auch nie als Kriterium unserer Arbeit betrachtet. Es war deshalb von besonderer Wichtigkeit, genaue Kenntnis von den Einsatzbedingungen, zum Beispiel an Grenzübergängen und Flughäfen zu besitzen, vor allem von den dort installierten technischen Kontrollgeräten. Die dazu notwendigen Informationen bezogen wir von der Aufklärung (HVA).

Natürlich fielen dem Gegner auch unsere falschen Pässe in die Hände, wenn Kundschafter und Kuriere verhaftet wurden. Das Bundeskriminalamt (BKA), das für die Echtheitsuntersuchung von Pässen und Papieren zuständig war, fand zwar im Labor heraus, dass es Fälschungen waren, aber es gelang nie, mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen falsche Papiere oder Pässe bereits bei normalen Kontrollen zu entdecken. Im BKA erhielten deshalb unsere Dokumente den Stempel der »Vorzüglichkeit« und wurden in einem Schulungsfilm aus dem Jahre 1985 ausdrücklich als im normalen Gebrauch nicht zu identifizierende Totalfälschung eingeordnet.

In der Regel hielten wir uns an den Produktionsprozess der Bundesdruckerei und fertigten jedes Jahr eine neue, aktuelle Auflage. Das Eindrucken der Ausweisnummern und das »Ausfüllen« mit persönlichen Daten übernahm die HVA, wobei sichergestellt wurde, dass jede Auflage nur für einen bestimmten Nummernbereich zugelassen war. (…)

Bei meiner Arbeit stellte ich mir oft die Frage: »Würdest Du mit einem Deiner falschen Pässe auf die Reise gehen?« Ich habe diese Frage für mich immer mit Ja beantwortet und sie später auch meinen Mitarbeitern gestellt. Hätte ich das zu irgendeiner Zeit nicht mehr gekonnt, hätte ich die Arbeit auch nicht weitergemacht. (…) Ich bin heute noch stolz darauf, dass keiner derjenigen, die unsere Papiere benutzten, aufgrund von Mängeln verhaftet wurde.

Natürlich fertigten wir auch Pässe und verschiedene Papiere anderer Länder an, das hing von den jeweiligen Aufgabenstellungen der Aufklärung ab oder von Hilfeersuchen befreundeter Geheimdienste. Ich persönlich kann mich an keine Aufgabe erinnern, die wir ablehnen mussten, weil sie uns zu schwer war. Diskussionen gab es höchstens über Termine oder die Bereitstellung von Materialien und Technik.

Unsere Dokumente halfen unter anderem den vietnamesischen Kämpfern bei der Einnahme von Saigon. Die Abteilung 35 produzierte eine große Anzahl von Kennkarten aus Plastik, die die südvietnamesische Marionettenregierung ausgegeben hatte, um den Zustrom von Menschen nach Saigon zu kontrollieren. Mit unseren falschen ID-Karten gelang es den Kämpfern, große Mengen an Waffen nach Saigon zu bringen. (…) Wir halfen palästinensischen Kämpfern nach dem israelischen Überfall auf Beirut im Libanonkrieg, unsere falschen Papiere wurden benutzt, um chilenische Patrioten vor der Pinochet-Junta über die Grenze nach Argentinien in Sicherheit zu bringen.

Ich hatte immer Vertrauen, dass unsere Dokumente nie für menschenfeindliche oder kriminelle Zwecke eingesetzt wurden. Dieses Vertrauen hat sich bei mir bis heute erhalten. Das bestätigte sich auch in vielen Gesprächen mit ehemaligen Kundschaftern und Kurieren, die ich nach der Wende führen konnte. Dass es einzelne Menschen gab, die auch unsere Dokumente missbrauchten, war mir so bewusst wie die Tatsache, dass es auch unter den offiziell hochgelobten MfS-Mitarbeitern Schurken und Verräter gab. Die Welt war für mich schon lange nicht mehr schwarzweiß, auch wenn man in der DDR-Politik oft solche einfachen Töne vernehmen konnte.

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